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Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

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Fachbibliothek Heilpädagogik wird in Goetheanum-Bibliothek integriert

Seit Oktober 2018 werden die rund 7000 Titel der Fachbibliothek Heilpädagogik und Sozialtherapie des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development in die öffentliche Goetheanum-Bibliothek integriert.

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DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

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Ablass – die Vergebung der Kirche?

Es gibt keine Genugtuung außer der des Umdenkens

Von: Ruth Ewertowski

Ein Beitrag aus der Zeitschrift "Die Christengemeinschaft", Ausgabe 3/2017


Der in der Renaissance verbreitete Missbrauch des Ablasses hatte Martin Luther zur Abfassung seiner 95 Thesen veranlasst, deren Anschlag an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg gemeinhin als Auslöser der Reformation gilt, obwohl es schon längst vor Luthers Auftreten viele Klagen über eklatante kirchliche Missstände gab. Zum Inbegriff des Missbrauchs ist der Dominikanerpater Johann Tetzel geworden, ein grandioser Propagandist, der marktschreierisch verkündete: »Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.« Das heißt, man erspart sich die Qualen des Fegefeuers, wenn man für seine Sünden mit barer Münze zahlt. Auch schon verstorbenen Verwandten kann man auf diese Weise eine Lossprechung von ihren Sündenstrafen verschaffen: »Wenn ihr mir euer Geld gebt, dann werden eure toten Verwandten auch nicht mehr in der Hölle schmoren, sondern in den Himmel kommen«, so die Tetzel zugesprochene Versicherung. Das Geld, das so locker gemacht wurde, kam Papst Leo X. und dem Bau der Peterskirche in Rom zugute; außerdem Albrecht von Brandenburg, der damit seinen Bischofshut in Magdeburg, Halberstadt und Mainz finanzierte, und schließlich natürlich auch noch den Ablasspredigern selbst. In den schlimmsten Zeiten des Geschäftes mit den aufzuhebenden Sündenstrafen wurden Ablassbriefe wie Wertpapiere gehandelt. – Es versteht sich von selbst, dass dies unhaltbare Zustände waren, und man fragt sich heute, wieso der Ablasshandel doch so gut funktionieren konnte, dass dabei beachtliche Mengen Geldes zusammenkamen. Was Luther in seinen Thesen kritisierte, war doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit, wobei er zunächst noch nicht einmal als grundsätzlicher Gegner des Ablasses auftrat, denn in seiner 71. These steht: »Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verdammt und verflucht.« – War das Taktik? Ein Zugeständnis an die Kirche, die er gewiss nicht spalten, sondern nur auf ihren Auftrag zurückbesinnen wollte? – Möglich. Auf jeden Fall war Luther ein großer Rhetoriker im besten Sinne. So steht dem »verdammt und verflucht« ein »gesegnet« in der 72. These gegenüber, für das die Anerkennung des Ablasses in der 71. These nur das Trittbrett ist: »Wer aber gegen die Willkür und Zügellosigkeit der Reden der Ablassprediger einschreitet, der sei gesegnet.« Beides ist ironisch gemeint: die Verdammnis für die Kritiker des Ablasses und die Segnung für die Kritiker des Missbrauchs, denn letztlich geht es um die Ohnmacht des Ablasses überhaupt: »Der päpstliche Ablass«, so die 76. These, »kann nicht einmal die geringste der lässlichen Sünden tilgen, was die Schuld betrifft«, das können nur die Tat Christi und die Gnade Gottes. Auch andere von Luthers Thesen sind taktisch angelegt, so etwa die 50. und 51. These. Da liest man, was der Oberste der Kirche täte, wenn er um die wahren Verhältnisse ­wüsste: »Wenn der Papst wüsste, wie die Ablass­prediger das Geld eintreiben, ließe er lieber die Peters­kirche zu Asche verfallen, als sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe aufzubauen.« Und: »Der Papst sei, wie es seine Pflicht ist, willens – und wenn er (notfalls) die Peterskirche verkaufen müsste –, von seinen Reichtümern denen abzugeben, denen jetzt in großer Zahl von den Ablasspredigern das Geld abgelockt wird.« Also nur die unterste Ebene der Kirche ist korrupt. Der Papst ist es nicht? – Nein. Luther wusste genau, wie es sich verhält und für welch ausschweifenden Lebensstil der ständig verschuldete Leo X. Geld brauchte. Der zitierten 50. und 51. These steht jeweils ein »Man muss die Christen lehren:« voran. Das bedeutet, es verhält sich nicht so, wie es in der These heißt. So aber sollte es sich verhalten. Der Papst sollte in seiner Barmherzigkeit Geld geben und nicht nehmen. Nur dann säße er zu Recht auf dem apostolischen Stuhl. Im Sinne der doppelten These aus Luthers großer Reformationsschrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« (1520) gilt für den Papst wie für jeden anderen Christen: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. / Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.« Es gehört zur Freiheit eines jeden Christen, wie Christus bei der Fußwaschung, jedem anderen um seiner Menschheit willen zu dienen. Der Oberste der Kirche könnte kein besseres Zeugnis dafür ablegen, dass er an seinem Platze ist, als die Sorge und die Dienstbereitschaft für »seine Schafe« bis hin – falls notwendig – zum Verzicht auf die Peterskirche. Das war eine Kritik, die ins Zentrum traf. Gleichwohl war Luther »Realo« genug, um den Ablass nicht gleich ganz unmöglich zu machen, denn offenbar war das Bedürfnis der Menschen nach Lossprechung von ihren Schulden und Sündenstrafen groß und die Tradition seit dem Mittelalter zu verbreitet, als dass man sie so ohne Weiteres ganz hätte aufgeben können. Letztlich lag das aber in der Konsequenz der lutherischen Theologie. Doch diese musste sich auch erst langsam herausbilden, und das tat sie nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit der »Werkgerechtigkeit« des Ablasses. Worauf ging die Tradition zurück? Seit dem Hochmittelalter verstand sich die Kirche als die Verwalterin eines unermesslichen »Gnadenschatzes«, der sich aus den Verdiensten Christi und der Heiligen zusammensetzt. Sie sah sich befugt, aus diesem Schatz Vergebung und Gnade zu gewähren. In der Nachfolge der Apostel beanspruchte sie die Schlüsselgewalt über die Heilsvermittlung. Und nach der urreligiösen Vorstellung eines Tauschhandels mit Gott, wie sie auch dem Opferkult zugrunde liegt, regelte die Kirche die Lossprechung von der Schuld unter bestimmten Bedingungen, die ihr dann schließlich selbst zugute kamen. Auch heute noch erlässt die katholische Kirche Sündern die Strafe, wenn auch sicher nicht mehr gegen Geld. Mit dem Segen urbi et orbi, der zu Ostern und Weihnachten vom Papst gespendet wird, sind alle Menschen, die dies hören und sehen – möglich ist das inzwischen auch über das Internet – und guten Willens sind, von den Sündenstrafen losgesprochen. Es hat wohl etwas für sich, dass die Kirche so den Menschen seiner Schuldhaftigkeit nicht völlig ausliefert, sondern es ihm erlaubt, Schuld abzutragen und vor Gott wieder gerecht dazustehen. Aber letztlich bewegen wir uns hier – um mit Nietzsche zu sprechen – auf der Ebene des menschlich Allzumenschlichen. Konkret: man sucht sich das Leid der Strafe zu ersparen. Das ist verständlich, aber ungenügend. Luther ging darüber hinaus, um in das innerste Heilige des Menschen vorzustoßen. Und man darf wohl sagen, dass es diesem Heiligen im Menschen nicht einfach darum gehen kann, von den unangenehmen Strafen für die Sünden befreit zu werden. Wenn das der einzige Grund für die Sehnsucht nach Verzeihung, Vergebung und Lossprechung ist, dann ist dieser in einem ganz banalen Sinne allzu menschlich. Er ist egoistisch. Man bezahlt dafür, dass man nicht allzu sehr für seine Fehltritte leiden muss und hält sich die Hintertüre für künftige Vergehen offen, um sich gegebenenfalls erneut an die Institution zu wenden, die leidvolle Strafen erlassen kann. Dass eben dieses ökonomische Verhältnis alles andere als ein religiöses ist, darauf hat Luther wie kein anderer vor ihm den Finger gelegt. Gleich in der ersten These stellt er klar, dass echte Buße nicht aus einzelnen Leistungen bestehen kann, sondern eine innere Haltung des ganzen Menschen meint: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ›Tut Buße‹ usw., hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.« Und Buße heißt hier »umdenken«: metanoeite (Mt 4,17). »Dies Wort«, so Luther in der 2. These, »kann nicht im Sinne der sakramentalen Buße verstanden werden (d.h. im Sinne der Beichte und Genugtuung, die durch das Amt des Priesters vollzogen wird).« Die Kirche kann das nicht gewähren, was dem Gläubigen längst schon zugesprochen ist, wenn er sich aufrichtig danach sehnt: »Jeder Christ, der wahre Reue empfindet, hat vollkommenen Nachlass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbrief« (These 36). Und es macht einen radikalen Unterschied, ob man sich dabei nur nach Leiderlass sehnt oder nach wirklicher Vergebung, weil man die Welt durch seine Schuld in Unordnung gebracht hat. Luther geht schon in seinen Wittenberger Thesen in die Richtung einer Verinnerlichung der Religion, die ganz auf die unmittelbare Gottesbeziehung abzielt. Damit stellt er die kirchliche Heilsvermittlung in Frage: Es gibt keine andere Autorität als die jedem Menschen eigene, wenn es um sein Heil geht. Das Gewicht dieser Tatsache kann ihm niemand abnehmen. So sehr wie Luther den Menschen von der Autorität der Institution befreit hat, so sehr hat er ihm die ganze Last der Verantwortung für seinen Gottesbezug aufgebürdet. Der Mensch kann sich durch keine Leistung sein Heil verdienen. Diese bleibt immer nur sportlich, ist nie religiös. Aber er muss sich auch nicht verdienen, was ihm schon geschenkt ist. Aus der Annahme dieses Geschenkes wird ihm Barmherzigkeit – und diese kann sehr wohl in der materiellen Unterstützung von Bedürftigen bestehen – zu einem Bedürfnis. So dreht Luther die gewöhnlichen Verhältnisse um, wenn er im 23. Leitsatz seiner erwähnten Freiheitsschrift sagt »Gute Werke machen keinen guten Menschen, sondern ein guter Mensch schafft gute Werke«. Die Freiheit, die sich in dieser »Güte« spiegelt, ist eine solche, der Ablass kein Thema ist, und zwar nicht deshalb, weil es nichts zu verzeihen und vergeben gäbe, sondern weil das gute Werk nie im eigenen Interesse getan wird. Es ist vielmehr die Tat dessen, der den Christus in sich spürt, der mit ihm wie eine Braut mit dem Bräutigam verbunden ist. Ruth Ewertowski Aktuelle Ausgabe der CG hier bestellen

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