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Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

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Goetheanum

Fachbibliothek Heilpädagogik wird in Goetheanum-Bibliothek integriert

Seit Oktober 2018 werden die rund 7000 Titel der Fachbibliothek Heilpädagogik und Sozialtherapie des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development in die öffentliche Goetheanum-Bibliothek integriert.

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DieDrei

DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

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Anthroposophie als Gefühlsangelegenheit

a:2:{s:4:"unit";s:2:"h3";s:5:"value";s:590:"Rüdiger Sünners Film über Rudolf Steiner ist alles andere als eine Dokumentation - Nachfrage nach fairen, objektiven Darstellungen zum Thema steigt DORNACH (NNA). Ein Porträt Rudolf Steiners „des vielseitigst

Von: NNA-Korrespondent Wolfgang G. Vögele
Es ist ein Novum, dass ein durchaus anthroposophiekritischer Film von der Pädagogischen Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen mitfinanziert wurde.

Das 110-minütige Werk, für dessen Buch, Regie und Kamera Sünner selbst verantwortlich ist und das den Anspruch hat, ein Dokumentarfilm zu sein, will Leben und Werk Steiners auf populäre Weise nachzeichnen. Zugleich will es anschaulich machen, dass das von Steiner erarbeitete Menschen- und Weltbild keine überholte Theorie des 20. Jahrhunderts ist, sondern sich bis heute auf vielen Lebensgebieten praktisch bewährt hat und noch ein enormes Entwicklungspotential in sich trägt.

Ein Gespür, ja vielleicht ein Faible für Unterschwelliges, Schillerndes und Obskures ist Sünner nicht abzusprechen, wie seine bisherigen Filme «Schwarze Sonne» (über den Missbrauch von Esoterik im Dritten Reich) oder «Geheimes Deutschland» (über die Wirkungen der deutschen Frühromantik) zeigen. Sünners Filme und Bücher, vor allem seine „Schwarze Sonne“, werden übrigens in neuheidnischen Kreisen, wie z.B. auf der Website Rabenclan, zitiert und empfohlen.

Sünner kommentiert, abwechselnd mit dem bekannten Sprecher Hans-Peter Bögel, seinen Film „Abenteuer Anthroposophie“ selbst. Er nimmt uns gleichsam mit auf eine Bahnreise, wobei wir aus dem fahrenden Zug auf Landschaften blicken, die im Leben Steiners eine Rolle spielten. Von hier aus erweitert sich die Szene: man steht etwa vor der Technischen Hochschule Wien und betritt deren Innenräume, in denen Steiner studiert hat. Fotodokumente, wie etwa von Verwandten, Lehrern und Bekannten Steiners, aber auch von Ereignissen wie dem Brand des ersten Goetheanums, werden geschickt in das jeweilige Kapitel integriert. Die dezent-romantische Begleitmusik unterstreicht vor allem die farbintensiven, ästhetisch niveauvollen Landschaftsbilder und dürfte dem Harmoniebedürfnis der meisten Zuschauer entgegenkommen.

In einer Einleitung wird Steiner als „eine der großen Rätselfiguren der europäischen Geistesgeschichte“ bezeichnet. Es folgen die Kapitel Jugend in Niederösterreich, Studium in Wien, Weimar und Goethe, Theosophie, Reinkarnation und Karma, Das Goetheanum, Spirituelle Naturforschung, Wirtschaftsprinzip Brüderlichkeit, Anthroposophische Medizin, Waldorfpädagogik und Waldorfschulen in Afrika. Als aktueller Ausklang wird das ägyptische Unternehmen Sekem mit seinem charismatischen Leiter Ibrahim Abouleish vorgestellt.

Sünner, der idealistische Romantiker, hat schon früher bewiesen, dass ihn die Poesie von idyllischen Landschaften und Gedichten, von Bildern und Symbolen, aber auch die suggestive Wirkung von Führergestalten faßiniert. Man denke nur an seinen Film «Geheimes Deutschland», in dem er die deutsche Frühromantik und ihre Wirkungen bis zu Stefan George würdigt.

Im vorliegenden Film gerät Sünner mehr als einmal in Gefahr, biographische Daten zu missachten, was dem Anspruch des Dokumentarischen zuwiderläuft. Ein vielschichtiges, ganzheitliches Denken, wie das anthroposophische, von dem maßgebliche, alternative Impulse für alle Lebensgebiete ausgegangen sind, kann wahrscheinlich durch das Medium Film immer nur oberflächlich umrissen werden. Trotzdem sollten die Fakten stimmen.

Das ist leider nicht immer der Fall. So behauptet er, Steiner sei erst in Berlin mit der anglo-indischen Theosophie Blavatskys in Berührung gekommen. Fakt ist, dass dies schon mindestens 13 Jahre früher in Wien geschah. Ebenso wenig gehören Bilder des erst 1890 geborenen Egon Schiele in das Wien, das der junge Steiner erlebt hat.

Vielleicht ist dies ja inzwischen als Notbehelf im Medium Film zulässig genau wie die Einblendung des heutigen Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs als Arbeitsstätte Steiners. Dieser hat allerdings nie dort gearbeitet, denn zu Zeiten Steiners war das Archiv im Weimarer Schloss untergebracht. Das liegt nun weniger exponiert und ist auch nicht so fotogen.

Dem sachkundigen Zuschauer fallen außerdem immer wieder Vereinfachungen auf, die dem Inhalt abträglich sind und den dokumentarischen Anspruch weiter untergraben. So bleiben wichtige Elemente von Steiners Geistesentwicklung wie etwa seine Freiheitsphilosophie oder seine esoterische Christologie einfach ausgeblendet. Die Originalität, das Spezifische der Anthroposophie, etwa die Gesetzmäßigkeiten der Eurythmie, werden vernebelt oder ignoriert: so leitet er diese Bewegungskunst, wohl um dem Zuschauer ihre Entstehung begreiflicher zu machen, schlicht aus dem damals üblichen Ausdruckstanz ab.

Indem er Kritiker und Anhänger der Lehre Rudolf Steiners jeweils in kurzen Interviews gleichermaßen zu Wort kommen lässt, gibt sich der Film den Anstrich der Ausgewogenheit. So lässt er einen Insider wie INFO3-Redakteur Sebastian Gronbach die oft zur Schau gestellte „heile Waldorfwelt“ kritisieren, hinter der genau so alltägliche Konflikte auftreten wie an jeder normalen staatlichen Schule auch. Der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich, der in seinen Büchern Steiners Geisteswissenschaft eine rationalisierte Mystik genannt hat, erhebt Steiner im Sünner-Film in den Rang eines Klassikers der Pädagogik.

Trotzdem kommen einem doch Zweifel, ob die Wirkung von Sünners Film wirklich nur positiv ist, obwohl er in den ersten Rezensionen gerade auch in der anthroposophischen Bewegung durchweg auf begeisterte Zustimmung stieß.

Denn vieles macht Sünner zu einer reinen Gefühlsangelegenheit, während gerade das Neue an Steiners Gedankengut und Methodik – die Verbindung neuzeitlichen, wissenschaftlichen Denkens mit einem genau beschreibbaren Weg, der Erfahrungen der geistigen Welt möglich macht, weitgehend konturlos bleibt.

Anthroposophie wird so manchmal leichtfertig in die Nähe des vormodernen, magischen Denkens gerückt, etwa, wenn Sünner sie fast übergangslos mit den Mythen der Buschvölker, der Megalithkultur oder der alten Ägypter vergleicht. Hängt nicht alles mit allem zusammen? Wird nicht hier wie dort in Bildern erzählt und an eine Welt von geistigen Wesenheiten hinter dem Sichtbaren geglaubt? So auch bei der Sequenz über anthroposophische Medizin, die Sünner nicht klar genug von der fernöstlichen Heilkunst unterscheidet. Beides kann bekanntlich mit dem Modewort „spirituell“ belegt werden. Auch wenn der Filmemacher zugesteht, Steiner habe Blavatskys Lehren weiterentwickelt, so kann dies den Eindruck einer verzauberten Hinterwelt nicht verwischen. Und die Praxis der biologisch-dynamischen Landwirtschaft erscheint – fast im Duktus des Nachrichtenmagazins SPIEGEL – als vormoderner, magischer Hokuspokus.

So verdichtet sich der Eindruck, Anthroposophie sei eine leicht konsumierbare Trivialesoterik, die Erleuchtung mit Wellness gleichsetzt. Gegen diesen „gefälligen“ Gesamteindruck des Films kommen auch die authentischen Bekenntnisse einzelner Interviewpartner nicht auf, die mit der Anthroposophie beruflich oder privat in Berührung gekommen sind.

Fragwürdig bleibt auch Sünners Beschäftigung mit dem gegenwärtigen Mainstream öffentlicher Anthroposophiekritik. Sünner verharrt unverhältnismäßig lange bei umstrittenen Äußerungen Steiners über außereuropäische Völker und lässt dazu den im vergangenen Herbst von verschiedenen Medien zum Anthroposophie-Experten hochstilisierten Autor Helmut Zander zu Wort kommen.

Mit Zander geht der Filmemacher Sünner zumindest in der Behauptung konform, Steiner habe eine eigene Rassentheorie entwickelt, die man historisch kontextualisieren müsse und damit als zeitbedingt entschuldigen könne. Unwidersprochen bleibt auch die von Zander im Film ausgesprochene Vermutung, Anthroposophen machten um dieses Thema deshalb einen Bogen, weil sie fürchten müssten, mit der Rassentheorie stehe oder falle auch die Anthroposophie als Ganzes. Denn sie hielten, so Zander, jedes Wort Steiners für unfehlbare Einsicht in höhere Welten. Damit konnotiert der Film unterschwellig das Vorurteil von den autoritätsgläubigen Anthroposophen, was Journalisten schon vor Jahren zu der Frage veranlasste: «Muss der Guru gehen?» (DIE ZEIT, 36/2000).

Auch an diesem Punkt zeigt sich, wie wichtig es ist, dass in der Außendarstellung der Anthroposophie präzise vorgegangen wird und wie schwierig hier das Medium Film einzusetzen ist, das eben vorrangig auf die Gefühlswelt der Zuschauer setzt und weniger auf das Denken.

Mit Zander als Gewährsmann geht auch unter der Hand dessen Steiner Bild mit in den Film ein, ohne dass darauf explizit eingegangen wird.

Für Helmut Zander ist Steiner „ein tiefgläubiger Mensch, der einen so großen Glauben hat, dass er das, was er zu glauben meint, für wissenschaftlich vertretbar hielt.“ Mit anderen Worten: ein naiver Mensch, der bedauerlicherweise seine Träumereien für Wissenschaft hielt und der mit Science Fiction Romanen vielleicht schneller Karriere gemacht hätte. In Zanders Untersuchung wird überdies, was im Film natürlich nicht zur Sprache kommt, Rudolf Steiners Glaubwürdigkeit sehr in Frage gestellt.

Von dieser Darstellung Zanders ist es nur ein kleiner Schritt bis zur Auffassung Rüdiger Sünners, man könne Steiners Weltbild und seine geistige Schau ohne weiteres mit den Phantasmagorien deutscher Romantik und überhaupt der Märchen und Mythen alter Kulturen vergleichen. Damit wäre die Anthroposophie Rudolf Steiners endgültig entschärft und ganz im Sinne von New Age leicht konsumierbar. Eine Droge der oberen Zehntausend, einer Elite, die sich dann von der „halbseidenen“ Esoterik (Zander) absetzen würde, die für den Rest der Bevölkerung übrig bleibt. „Entspannt in die Barbarei“ war ein Vorwurf, den Kritiker wie Jutta Ditfurth der Esoterik machten. Eine Anthroposophie, wie sie in Sünners Film dargestellt wird, setzt sich leicht diesem Vorwurf aus.

Dennoch hat der Film auch künstlerische Qualitäten, besonders in den Landschaftsbildern des Jugendkapitels. Zweifellos macht er durch die faßinierende Kraft der Bilder auf Steiner aufmerksam. Er zeigt Steiner vor allem als Glied in der langen Kette einer uralten esoterischen Tradition. Damit gerät allerdings aus dem Blick, was Steiner wesentlich auch war: ein Querdenker und unbequemer Repräsentant der Moderne.

Mancher Zuschauer mag sich allerdings fragen, was die „Träumereien Steiners“ mit den im Film gezeigten erfolgreichen Managementideen zu tun haben (Sekem, dm-Drogeriemärkte, Software-Stiftung) und kommt so zu einer Kernfrage des Films: Wie ist es möglich, dass in einer aufgeklärten, wissenschaftlich orientierten Zeit eine Bewegung wie die Anthroposophie ungebrochenen Zulauf erhält und sich global ausbreitet? Enthält sie vielleicht doch zeitgemäße Elemente? Ist sie mehr als Romantik? Sollte es diesem Film, der streckenweise in modischen Gefälligkeiten zu versinken droht, gelingen, solche Fragen oder Diskussionen außulösen, wird er letztlich doch einen guten Zweck erfüllt haben.

End/nna/vog

Link:Die DVD ist (mit englischen Untertiteln) erhältlich bei www.absolutmedien.de, http://shop.info3.de oder www.waldorfbuch.de

Bericht-Nr.: 080330-01DE Datum: 30. März 2008

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