News

News

Goetheanum

Der Mensch nimmt zunehmend Einfluss auf die Grenzen seines Lebens: Er plant den Geburtsmoment durch Kaiserschnitt und zieht den Todeszeitpunkt durch Sterbehilfen vor. Expertinnen und Experten rund um Geburts- und Sterbebegleitung tauschen sich über die Gestaltung dieser beiden Lebensschwellen aus.

 … 

die Drei

Denn die Welt zu verändern ist bekanntlich ein langwieriges Unterfangen, bei dem die unvorhersehbaren großen Sprünge durch viele kleine Schritte mühsam vorbereitet werden müssen.

 … 

AGiD

Wir beginnen mit einer kurzen Wahrnehmungsrunde zu der Frage: Woran übe ich zurzeit? Die 20 Teilnehmer*innen beschreiben ihre Üb-Felder: von Schicksalsfragen bis zu Sozialprozessen, von Berufsesoterik bis Seelenkalender, von Grundsteinspruch bis Nebenübungen, von Begegnungskultur bis Evangelien Worte.

 … 

Aus Sorge um den Lebensraum Erde ist eine neue Jugendbewegung entstanden. Über Wege aus der Krise in Klima und Sozialem tauschen sich sich junge Menschen von 30. Januar bis 2. Februar 2020 am Goetheanum aus.

 … 

So wie das Klimaproblem über Jahrzehnte durch eine Unzahl individueller Konsumentscheidungen entstand und weiter verschärft wird, so kann es auch gelöst werden: Unsere täglichen Entscheide bestimmen, ob sich etwas ändert oder nicht.

 … 

Der digitale Wahnsinn und seine irreparablen Schäden

Kinder sollten ohne jegliches digitale Spielzeug aufwachsen

erziehungskunst.de

Frühe Kindheit: Wie wirken sich digitale Medien auf die kindliche Entwicklung aus?

Gertraud Teuchert-Noodt: Das Gehirn des Neugeborenen entspricht einer fast unbeschriebenen Landkarte. Im Großhirn sind lediglich Landesgrenzen für sensorische, motorische und assoziative Felder und die Hauptstraßen für Sehen, Hören, Riechen, Gleichgewicht und Bewegung genetisch festgelegt. Die Sinnesbahnen befinden sich in Startposition, um alsbald die Rindenfelder mit spezifischen Reizen aus dem Umfeld der Mutter zu aktivieren. Die heute omnipräsenten digitalen Medien nehmen unweigerlich bleibenden Einfluss auf diese Geschehnisse. Aber welchen Einfluss nehmen sie?

Einst waren offene Wälder und Buschsavannen Afrikas die Wiege der Menschheit, und das hatte sich über viele Millionen Jahre hin in das menschliche Genom einprogrammiert. Deswegen haben frühkindliche Raumerfahrungen höchste Priorität, um die Landkarte von Kleinhirn und Motorkrotex raumbezogen zu organisieren und mit realen Inhalten zu füllen. Das geschieht durch Strampeln, Krabbeln, Klettern, Balancieren und Schaukeln, später durch Sandkastenspiele, Ballspiele, Malen, Basteln und Musizieren. Gleichzeitig bereiten ausgedehnte Ruhe- und Schlafphasen und intensive Mutter-Kind-Interaktionen den limbischen Kortex für lebenslang tragende emotionale und soziale Funktionen vor.

Das Handy in der Hand von Mama, digitale Medien im Kinderzimmer und der Fernseher in der elterlichen Wohnstube wirken alldem diametral entgegen. Sie erzeugen für das Kind eine Zwangsjacke, in die Grundbedürfnisse des kindlichen Gehirns eingewickelt werden. Die Mutter wird die geschenkte Pause nicht lange genießen können. Denn alsbald erzeugt das im Baby Reifungsblockaden für die natürliche Emotions- und Bewegungsentwicklung und führt zu ungeordneter Verknüpfung von Nervennetzen in primordialen Rindenfeldern. Pathophysiologische Auswirkungen auf die Bewegungs- und Sprachentwicklung sind vorprogrammiert. Darüber hinaus wird das kindliche Gehirn an der Anbahnung geistiger Fähigkeiten gehindert und entwickelt psycho-somatische Reifungsverzögerungen. Die Verhaltensdefizite lassen sich später nur unter intensivem therapeutischen Einsatz auflösen. Dem Kind wird – genau umgekehrt als es mediale Absatzmärkte ständig propagieren – der Weg in die digitalisierte Arbeitswelt der Erwachsenen versperrt.

FK: Wirkt der elterliche Medienkonsum sich schon während der Schwangerschaft auf die ungeborenen Kinder?

GTN: Diese wichtige Frage lässt sich mit Blick auf das elterliche Medienverhalten heute noch nicht wirklich beantworten. Aber die Hirnforschung hat grundsätzlich hinreichend viele Aspekte zu förderlichen bzw. schädigenden vorgeburtlichen Einflüssen zusammengetragen, die sich jede werdende Mutter ins Lebensbuch einschreiben sollte. Man sagt es so daher, das »Leben beginnt mit dem ersten Schrei« bzw. das Kind kommt mit einer »fast unbeschriebenen Landkarte« zur Welt. Stattdessen sind die vitalen Funktionen eines neugeborenen Menschen bereits fortgeschritten ausgereift. Sie bilden das Fundament für das ganze Leben und nehmen pränatal bereits viele Umwelteinflüsse in sich mit auf. Das gilt für die Organisation der Hirnrhythmen, wie den foetalen Traum- und Tiefschlaf und die kurzen Wachphasen. Das gilt weiterhin für Primär-Reflexe (z.B. den Moro) und die hochkomplexen Produktionsstetten der Neurotransmitter, also die adrenerge »Chemieküche« des Hirnstamms, und die von dort startenden Transmitterbahnen zum Großhirn. Alles das sind essentielle Vorbereitungen für das nachgeburtliche Leben auf einem Planeten Erde, der sich aus Raum-Zeit und nicht aus digitaler Technologie definiert.

Zur umweltbezogenen Reifung endogener Zeitgeber sei hinzugefügt, dass ausschliesslich die langsamen Rhythmen für eine vor- und nachgeburtliche Entwicklung förderlich sind. Denken wir an den wiegenden Schritt der Schwangeren auf Park- und Waldwegen, an ein befriedetes Umfeld und harmonische partnerschaftliche Beziehung. Alles das sind Geheimtipps, um ein intelligentes Kind werden zu lassen. Aber wo findet man noch die Wiege als Einschlafkoje für das Baby? Die industrielle Revolution hat den Motor des Autos als schädigenden Kompensator eingeschaltet. Aber, die digitale Revolution überschleunigt das im Arm der Mutter scheinbar ruhende Kind über die so friedlich glänzende Scheibe des Smartphones ins Unermessliche. Ja, das Maß ist voll. Digitalstress verschont auch die Schwangere nicht vor drohendem Burnout. Alles das kann sich fatal auf die Hirnreifung des Foeten auswirken. Eine vor wenigen Jahren mit der Verhaltenstherapeutin Angelika Schlotmann/Hirschberg in BW durchgeführte epidemiologische Studie ergab, dass diverse belastende Lebensumstände zu signifikant abgesenkten schulischen Leistungen im Alter von 6 bis 10 Jahren führten. Der seitdem ständig angewachsene Medienkonsum dürfte sich in die erhobene Datenbank negativer Effekte einreihen. Es ist nachgewiesen, dass Hirnfunktionen eine hohe Empfindlichkeit gegenüber den schwachen natürlichen und künstlichen Elektromagnetischen Feldern haben. Dementsprechend sollte sich die fortschreitende »elektromagnetische Umweltverseuchung« (durch Handy, digitale Haushaltshilfen und fortschreitende WLANisierung unseres Landes) auf das werdende Leben zunehmend erschwerend auswirken. Gibt es doch bereits eine Fülle von Publikationen zu strahlenbedingten Erkrankungen.

FK:Welche Folgen hat der eigene Umgang mit digitalen Medien auf die Kinder?

GTN: Das Kind ist als biologischer Nesthocker von Geburt an auf das Vorbild der Eltern angewiesen und saugt sämtliche Informationen wie mit der Muttermilch auf. Die moderne Neurobiologie gibt uns Hinweise darauf, dass sich die Eltern-Kindbindung vorrangig im limbischen Kortex verankert. Ursache ist ein embryonales Keimlager, aus dem zeitlebens Nervenzellen in den limbischen Hippocampus nachreifen. Wie wir in meinem Labor in einer quantitativen Lebenszeit-Studie herausfanden, ist die Zahl täglich nachreifender Nervenzellen und synaptischer Kontakte frühkindlich außerordentlich hoch. Umweltreize nehmen ungefiltert Einfluss auf die Struktur-Funktionskopplung der reifenden limbischen Rinde. Hier startet das Tagebuch des Kindes mit einer unauslöschlichen Lebensgeschichte. Sobald sich zwischen die notwendigerweise zugewandten Mutter-Kind-Kontakte das Smartphone schiebt, löst das Beziehungskonflikte aus und bahnt Probleme an.

Selbst im Grundschulalter spielt das Lernen durch Nachahmung eine Hauptrolle. Lernen und Entwicklung bleiben die zwei Seiten einer Medaille. Die unmittelbare Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Freunden und Pädagogen – beider Geschlechter – sind für die Entwicklung des Sozialverhaltens elementar wichtig. Der elterliche Umgang mit digitalen Medien im Privatleben kann gar nicht ohne Folgen für das Kind bleiben. Sobald sich die digitale Welt die Intimsphäre des Kindes einfügt, wird das Kind in ein zwanghaftes Begehren versetzt. Eltern tun gerade auch im Eigeninteresse gut daran, das außerberufliche Leben im herkömmlichen Sinn analog zu gestalten und der medialen Beschleunigung in jeder Hinsicht entgegenzuwirken.

Präpubertär öffnet sich ein erster Türspalt für begriffliche Inhalte. Aber das bedeutet überhaupt nicht grünes Licht für ein Kinder-Smartphone. Im Gegenteil, nun kommt es darauf an, den Assoziationskortex wirklich zum Denken anzuregen. Das Wischen über das Tablet führt automatisch zu einer überschleunigten Neugierde und verhindert das Stirnhirn daran, erste assoziative Aktivitäten wirklich in Gang zu setzen und Gedächtnisspuren anzulegen. Ein frühes Nachdenken einzuüben und zu strukturieren, das kann hirnpyhsiologisch gar nicht stattfinden. Wenn heute bereits 40-60% der Siebenjährigen mit einem digitalen Gerät ausgestattet sind, dann zieht das eine kolossal kopflose junge Generation heran.

FK: Sind die Schäden durch Medienkonsum irreparabel?

GTN: Frükindlicher Medienkonsum führt nicht nur zu folgenschwerer Kopflosigkeit, sondern die Schäden sind noch umfassender. Mut, Ausdauer, Flexibilität, Empathie, Angstbewältigung, das alles sind Eigenschaften, die jedes Kind durch handfeste Erfahrungen in sich verankern muss. Natürlich ist auch das alles dem neuronalen Lernen unterstellt und wird in vielen thalamisch-limbischen Relais-Stationen und Hirnwindungen vernetzt und synaptisch verschaltet. Jedes kindliche Gehirn legt auch dafür unter dem Einfluss alltäglicher Erfahrungen Gedächtnisspuren an, die als wegweisender Ariadnefaden die Richtung des Lebens bestimmen. Das Handy in der Schultasche verhindert als »digitale Nabelschnur« die psycho-soziale Abnabelung von der Mutter und kann ein inzwischen bereits verbreitetes »symbiotisches Angstsyndrom« erzeugen. Das wiederrum kann die Grundlage für die Ausbildung einer Depression werden. Zudem kann sich im digitalen Kinderzimmer und beim Smartphonen in sozialen Netzen heimlich manche traumatische Erfahrung einstellen. Wir wissen ja, dass ein frühkindlich erfahrenes Trauma erst in der Adoleszenz oder später zutage tritt und tragische Folgen hat. Diese Aussage hirnphysiologisch durch Studien zur Neuroplastizität von Nervenzellen und Transmittern zu begründen, hat mein Forscherleben bestimmt und eine über die Jahrzehnte anhaltend hohe Zahl junger Nachwuchswissenschaftler in Anspruch genommen.

FK: Sind heute schon Spätfolgen absehbar?

GTN: Da wir die Frühschäden an Schulkindern schon deutlich erkennen und die Alarmglocken längst anschlagen, werden Spätfolgen nicht ausbleiben. Bleiben wir zunächst bei den Frühschäden.

Durch kindlichen Medienkonsum erkannte Frühschäden betreffen eventuell eine sprachliche und körperliche Retardierung, Beeinträchtigung der Hand-Koordination und damit der Schreibfähigkeit, auffällige Konzentrations- und Antriebsschwächen, Lernprobleme und Schlafstörungen oder/und eine autistoide Symptomatik. Hinter all diesen Symptomen stehen defizitärer Kontaktbildungen in höheren Hirnfeldern und zusätzlich eine weitreichende Fehlsteuerung der Reifung von Neuro-transmittern. Das haben uns quantitative immunhistochemische Analysen offenbart. Zusätzlich haben Elektrophysiologen in jüngster Zeit herausgefunden, dass sich oszillatorische Aktivitäten pathologisch verändern und Hirnrhythmusstörungen auslösen. Somit beruhen jegliche Verhaltensauffälligkeiten gleichzeitig auf strukturellen, neurochemischen und oszillatorischen Störungen. Die Komplexität der Schäden macht es so schwer, Spätfolgen erfolgreich zu therapieren.

...

>> zum ganzen Interview auf der Seite der erziehungskunst.de

Zurück