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Göttliches Licht, Christus Sonne

Lesung der Ansprache Rudolf Steiners zur Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft vom 25. Dezember 1923
und Vortrag von Peter Selg

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Wir üben UnsICHerheit

Junge Menschen laden von 28. Dezember bis 1. Januar dazu ein, am Goetheanum einen Raum zum Fragen, zum Üben und zum Staunen freizuhalten. Silvestertagung der Assoziative DREI zu EINS.

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Rudolf Steiner Verlag

Verantwortung

Weil Ich und Welt Pole eines Ganzen sind, ist innere Entwicklung eine Quelle der Weltentwicklung. Sie beginnt in jedem von uns und je aufs Neue als ein inneres Geburtsgeschehen.

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Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

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Die Christengemeinschaft | Februar 2018

Die Christengemeinde

Inhalt | Die Christengemeinschaft | Februar 2018

hingeschaut

Sehen und Übersehen                                              5

Stefanie Rabenschlag

Künstlerporträt |

Franz Xaver Messerschmidt                                  7

Ulrich Meier

Leben mit dem Evangelium |
Was ist gut auf Erden?                                             7

Tom Ravetz

Thema

»Ich rege mich mit großem Vergnügen auf!«  8

Miriam Röger im Gespräch mit Tom Tritschel

Förster gegen Hirsch                                             13

Claudine Nierth

Zorn – Die provozierte Seele                              14

Karl Schultz

Die Ruhe nach dem Gewittersturm
des Zorns                                                                   16

Ulrich Meier im Gespräch mit Johannes Klemm

Hexen zürnen anders                                            20

Mathias Wais

religiöses Leben

Wege in die Menschenweihehandlung
II. Gott mit uns – Gott in mir                               23

Ulrich Meier

Biblische Begegnungen |
Moses auf dem Weg zur Ich-Kultur                  25

Ruth Ewertowski

Stilles Wochenende                                                28

Andreas Loos

 

Erzählt

Vom Fuchs, der in den Himmel wuchs (3)     31

Yaroslava Black

Die Begegnung mit mir auf der Straße            35

Sarah Knausenberger

Bücher

Regenbogen auf schwarzgrauem Grund
(Osten)                                                                        39

Jürgen Raßbach

Wie Wut zum »Benzin fürs Auto« wird
(Gandhi)                                                                     40

Maria Breckwoldt

Wie die Reformation weitergehen kann
(Rau)                                                                           42

Ulrich Meier

Entdeckungen

Wer spricht denn da …?                                        43

Andreas Wilhelm

Veranstaltungen                                               44

Impressum                                                                45

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»Ich rege mich mit großem Vergnügen auf!«

Miriam Röger im Gespräch mit Tom Tritschel

 

Miriam Röger: Zorn ist scheinbar aus der Mode gekommen. Man darf sich zwar noch über Lügner, Betrüger und Intriganten mit markigen Worten äußern, aber einen ausgewachsenen Zorn rechtfertigt das heute offenbar nicht (mehr). Warum ist das so?

Tom Tritschel: (lacht) Keine Ahnung, aber diese political correctness geht mir sowieso auf den Geist. Da wird eingeschränkt, worüber man sich freuen darf; aber genauso wird da eingeschränkt, worüber man sich aufregen darf. Also, ich rege mich ja nach wie vor mit großem Vergnügen auf. Das ist für einen Choleriker gewissermaßen Lebenselixier, um nicht zu sagen Dauerzustand.

MR: Das gefällt mir. Gehen wir in die Charakteristik der Worte: Wie ist es mit Wut, Rage, Aufregung, Tobsucht – und was macht gerade den Zorn zu etwas, was sogar »heilig« sein könnte?

TT: Im Kern sind das ja alles Feuerphänomene: Wärme bis Hitze. Sie sind letztlich in den höchsten geistigen Regionen angesiedelt, also in der ersten Hierarchie. Da gibt es auf der einen Seite die Geister der Liebe, ein Feuerphänomen; und polar dazu die Geister des Willens, auch ein Feuerphänomen. Sie tauchen in verschiedenen Schichten, auch unserer Wesensglieder und Wahrnehmungen und Wirkungen, auf. Willenswirkungen und Geisteswirkungen bedürfen nun einmal einer bestimmten feurigen Qualität. Dass der Sache mit dem Feuer prinzipiell etwas Problematisches anhaftet, wusste ja schon Prometheus, als er den Göttern das Feuer geklaut hat. Man kann eben nicht nur das »liebe« Feuer haben, sondern irgendwann zeigt sich auch die Seite, die dann sein dummer Bruder Epimetheus zu spüren bekommen hat: Krankheit, Krieg oder ähnliches, das als rückwärtiges Feuerphänomen auftaucht. Solange das Feuer produktiv ist, also irgendwie Druck auf den Kessel bringt und dadurch etwas in Gang setzt, ist es recht – in dem Sinne, wie Wolfgang Schad sagt: Christlich ist alles, was der Evolution dient. Und manchmal ist es eben auch nötig, sogar bis in das Zerstörerische zu gehen, um der Evolution zu dienen. Die Zornesschalen in der Offenbarung des Johannes sind ja auf so einer Ebene anzusiedeln. Selbst das, was im zerstörerischen Feuer, im Zorn, zum Tragen kommt, ist im Kern Liebe. Das ist bei manchen karmischen Angelegenheiten auch so: Entweder bekomme ich es als freien Entschluss hin, oder die gleiche geistige Qualität wird von außen schmerzhaft an mir wirksam. Feuer als mein Willensentschluss oder als Schicksal von außen. Das ist, meine ich, bei allen geistigen Dingen so. Steiner beschreibt das in seinem Vortrag »Was tut der Engel in unserem Astralleib?«1 zum Beispiel für die Bildwirksamkeit der Engel. Sie erzeugen Bilder, die wir als Zugewinn an Erkenntnis erfahren, wenn wir sie bewusst aufnehmen. Wenn wir sie nicht bewusst erleben, wirken sie in einer anderen Schicht, im Ätherischen, schädigend.

MR: Wie denkst Du über Aufregung und Tobsucht?

TT: Es gibt einen Lehrerspruch: »Man darf nicht nur wissen, was man nicht will, sondern man soll immer wissen, was man will.« Das halte ich für Blödsinn. Ich finde es sehr gut, wenn man weiß, was man nicht will und sich gehörig darüber aufregt, wenn etwas schief läuft. Gerade hat der Landwirtschaftsminister Schmidt für Deutschland im Alleingang entschieden, dass die Zulassung von Glyphosat für fünf Jahre verlängert wird. Da rege ich mich drüber auf, da könnte ich kotzen! Und ich hoffe, dass aus dieser Aufregung etwas wird. Und das ist der Sinn von Empörung. Das Büchlein von Stéphane Hessel »Empört Euch!« legt dar, dass Empörung eine Tugend ist. Er hat noch ein zweites Büchlein geschrieben »Engagiert Euch!«, aber die Empörung geht dem voraus. Ich muss erst einmal erleben, dass dieses Vorgehen vom Minister Schmidt ein Skandal ist, dass das eine Unverschämtheit ist. Ich muss erleben, dass das, im Sinne von Schad, gegen die Evolution gerichtet ist, dass es dem Menschen schadet, dass es Leute krank macht. Und wenn ich das nicht erlebe, wenn ich da in Gleichmut vor mich hin meditiere, dann wird es in der Welt nicht viel bewegen.

MR: Was spricht für den Zornigen? Dass ihm Coolness und damit Gleichgültigkeit fremd ist? Dass er im Feuer seiner Seele steht, weil ihn etwas herausfordert? Oder sind es eher die anderen, die vom Zornigen herausgefordert werden?

TT: Es gibt Menschen, die mit Cholerikern nicht klarkommen. Das ist auch, mit Verlaub, bei uns in der Christengemeinschaft so, da werden Choleriker schnell mal als unspirituell abgewertet. Spirituell ist demnach der tiefe Melancholiker, der den Kopf schief trägt und mit so einem Hundeblick in die Welt schaut. Er tut ja auch niemandem etwas. Zorn wirkt dagegen oft ansteckend: auch bei denen, die angeblich mit dieser Gemütslage nicht viel anfangen können. Wobei die Rückseite des Cholerikers ja auch ein Melancholiker ist, der leicht übersehen wird. Und es stimmt ja auch: nur zornig zu sein hilft ja auch nicht weiter, man muss dann auch irgendwie Klarheit hineinbekommen. Der alte Spruch »Warme Füße, kühler Kopf« gefällt mir. Druck auf dem Kessel zu haben ist das eine, aber dazu auch noch in der Birne klar zu sein, darum geht es. Der Zorn allein nützt natürlich nicht allzu viel. Trotzdem kann und will ich meine große Sympathie für die Zornigen nicht verhehlen. Es sind Leute, denen die Dinge nicht gleichgültig sind. Was wir außerdem als Tugend anstreben im Sinne von Gleichmut oder Gelassenheit, betrifft eine ganz andere Schicht des Seelenlebens. Im Durchgang durch dramatische Seelenvorgänge brauche ich ein Gespür für das, was jeweils dran ist: Im Moment muss es so sein, und da muss ich mich aufregen, es gibt sogar Momente, wo ich zuschlagen muss. Da führt gar nichts dran vorbei. Wenn in der U-Bahn drei Kerle auf ein Mädel losgehen, da kann ich mich nicht in die Ecke setzen und Gleichmut üben. An einer anderen Stelle ist genau das Gegenteil gefragt.

MR: Überhaupt: Wie geht man mit dem feurigen Gegenüber menschlich produktiv um? Kämpfen, weglaufen, wegsperren?

TT: Ich kann schon verstehen, dass es Momente gibt, in denen der andere wirklich in Deckung geht. Es gibt ja den Satz von Goethe: »Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen, denn der Betrachtende«, und da ist was dran. Wenn ich zum Beispiel früher im Atelier war und Kunst gemacht habe, kam manchmal meine Frau herein, hat nur durch die Tür geguckt und ist dann gleich wieder abgedreht. Der aktuelle Schaffensmodus ist für den Umkreis nicht unbedingt heilsam. Dann kann man nur sagen: In einer halben Stunde stehe ich wieder zur Verfügung, aber jetzt bin ich hier am ackern. Und wehe dem, der stört. Natürlich kann man in einer anderen Situation einem feurigen Macher auch entgegentreten, das kann gut sein, das kann auch produktiv sein, es kann aber auch in die Hose gehen, das ist das Risiko. Und es gibt Augenblicke, in denen ist es sicher auch gut, dass man sich aus dem Staub macht. Das ist ja auch so eine Geschichte, die Sache mit der Angst oder der Furcht. Sie sind wichtige Anker, nicht nur irgend so ein animalischer Untergrund: Angst ist ja etwas, was wichtig ist, manchmal sogar lebenswichtig. Ein Bergsteiger hat mal gesagt: Mit jemandem, der keine Angst hat, würde ich nicht in die Berge gehen. Ihm ist wichtig, dass man diese Wachheit aufbringt und sieht: hier ist jetzt eine Stelle, da geht es nicht weiter, jetzt ist es zu gefährlich.

MR: Darf eine Lehrerin oder ein Lehrer heute noch zornig sein? Unter welchen Bedingungen und mit welchem Ausgang?

TT: Prinzipiell dürfen die alles. Ich darf sowieso alles, unter der Voraussetzung, dass ich auch die Konsequenzen auf mich nehme. Das muss ich natürlich abschätzen. Und es kommt darauf an, in welcher Klasse ich mich bewege. Ach, ich finde es wunderbar, wenn man mal mit dem Latschen wie Chruschtschow auf den Tisch haut und so plärrt, dass die Wände wackeln. Letztlich freuen sich die Kinder sogar darüber. Gut ist es, wenn man sich hinterher auch wieder kaputt lachen kann, auch über sich selbst. Kurz: ich finde es völlig in Ordnung, wenn einen an irgendeiner Grenze auch gelegentlich mal einer anbrüllt. Es kommt halt darauf an, ob es in der Situation stimmt, wenn erlebt werden kann: Das war jetzt dran, hier echauffiert sich jemand, weil ihm danach ist, nicht aus kühler Berechnung. Es sollte aber kein schlechtes Schauspiel sein, das die Kinder sowieso durchschauen. Da sagen sie dann: Die oder der war ja gar nicht wirklich zornig. Zorn gezielt als pädagogisches Mittel einsetzen zu wollen, halte ich für Blödsinn. Wer ehrlich zornig sein kann, wird bemerken, dass Kinder das auch akzeptieren. Jede Mutter wird doch auch mal zornig, was ich ganz normal finde. … Mal sehen, ob wir zu diesem Abschnitt ein paar heftige Zuschriften bekommen, da wird jetzt sicher irgendjemand zornig.

MR: Dann haben wir doch etwas Gutes ­bewirkt …

TT: Da gibt es auch andere Meinungen. Wie viele Christen haben ein Problem mit einem der schönsten Gleichnisse aus dem Neuen ­Testament, mit der »königlichen Hochzeit«? Dort heißt es ja: »Da ward der König zornig …« (Mt 22,7).

MR: Das ist genau mein nächstes Thema, der Zorn im Neuen Testament. Wie gehen wir mit der Stelle bei der Tempelreinigung um, an der es von Jesus heißt: »Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!« (Joh 2,15–16)? Wie verstehst Du diese Reaktion auf die damaligen Sitten im Tempel?

TT: Ja, ich finde das vollkommen in Ordnung. Nicht wahr, wir werden als Christen ja oft auf so eine Weichei-Religion festgelegt. Das ist mir so ein scheinheiliger Pazifismus, immer den Satz im Munde zu führen: »Wenn dich einer haut, dann halt auch noch die andere Backe hin!« Das kommt ja interessanterweise oft als Forderung von Leuten, die das selbst nie tun würden. Wieder habe ich situativ zu entscheiden, an welcher Stelle es mir stimmig erscheint. Es gibt die Situation, in der es stimmt. Dann antworte ich tatsächlich mit einem Leiden – eine Frage von moralischer Fantasie. An einer anderen Stelle ist es wiederum richtig, zu agieren – bis hin zur Aktion Jesu im Tempel. Die hat übrigens gar nicht so viel mit Zorn zu tun, sondern es ist eine Technik. Jesus macht sich eine Waffe, ein Werkzeug, um die Händler aus dem Tempel zu werfen. Es ist eine Frage des Umgangs mit Gewalt, eine außerordentlich interessante und aktuelle Frage: Wo ist Gewalt am Platz und notwendig, wie gehen wir in einer Demokratie damit um? Es geht dabei um Gewaltenteilung, ein hohes demokratisches Gut, das jetzt in Polen zum Beispiel bedroht ist, wenn ein Parlament über die Einsetzung von Richtern entscheiden soll. Gewalt ist nicht prinzipiell negativ. Luther hat hohe geistige Kräfte so bezeichnet. »Mächte und Gewalten« sind Gestaltungswesen, Schöpferwesen, Geister der Bewegung, Geister der Form. Und beim Gestalten ist es eben auch notwendig, klare Grenzen zu ziehen und zu sagen: an diesem Ort geschieht das. Und wenn die Dinge an einer falschen Stelle auftreten, dann sind sie eben auch fehl am Platz und müssen weg.

MR: Im Johannesevangelium heißt es weiter: »Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht (Psalm 69,10): ›Der Eifer um dein Haus wird mich fressen‹« (Joh 2,17). Was ist mit dem Zorn der religiösen Eiferer heute? Haben die neuen Atheisten Recht, wenn sie behaupten, dass jede Form von Religion letztlich zum Terrorismus führt?

TT: Wenn es heißt: »von religiösem Fanatismus«, dann würde ich zustimmen. Ich hasse jede Form von Fanatismus. Die Idee von allein seligmachender Religion halte ich für vom Teufel. Alles Fanatische, fanatisch Missionarische geht mir völlig ab, damit habe ich nichts am Hut. Egal in welcher Religion oder in welcher Weltanschauung es auch immer auftritt, es führt zu Terrorismus. Eine andere, aber vielleicht genauso wichtige Sache, um die es in diesem Zusammenhang geht, ist der Humor. Auch der geht uns in der Christengemeinschaft gelegentlich ab, nicht wahr? Das Religiöse hat oft auch etwas Bierernstes, da ist es dann zum Fanatischen nicht mehr weit. In seiner Christusstatue hat Rudolf Steiner über den beiden Widersachern den Weltenhumor plastiziert, aus Proportionsgründen. Man hat dann diese Proportionsgründe gern auf die Komposition der Skulptur bezogen: dass da oben noch etwas fehlte. Ich glaube aber, dass es um etwas ganz anderes geht, nämlich um eine Trinität: Gegenüber den beiden Möglichkeiten der Entartung stellt der Weltenhumor die Proportion her. Es gibt einen kleinen Witz über den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern, den ich sehr mag. Während des Krieges sagt ein deutscher General zu einem österreichischen General: »Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos«. Antwortet der österreichische: »Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst«. Humor ist eine Tugend. Den Freunden des Humors wird gern vorgehalten, die Sachen nicht genügend ernst zu nehmen. Aber gerade wenn ich die Sachen ernst nehme, brauche ich Humor. Stell Dir vor, der liebe Gott hätte keinen Humor ... Der muss schon Humor haben, wenn er sich das Kasperletheater hier anguckt.     

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