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Goetheanum

Der Mensch nimmt zunehmend Einfluss auf die Grenzen seines Lebens: Er plant den Geburtsmoment durch Kaiserschnitt und zieht den Todeszeitpunkt durch Sterbehilfen vor. Expertinnen und Experten rund um Geburts- und Sterbebegleitung tauschen sich über die Gestaltung dieser beiden Lebensschwellen aus.

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die Drei

Denn die Welt zu verändern ist bekanntlich ein langwieriges Unterfangen, bei dem die unvorhersehbaren großen Sprünge durch viele kleine Schritte mühsam vorbereitet werden müssen.

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AGiD

Wir beginnen mit einer kurzen Wahrnehmungsrunde zu der Frage: Woran übe ich zurzeit? Die 20 Teilnehmer*innen beschreiben ihre Üb-Felder: von Schicksalsfragen bis zu Sozialprozessen, von Berufsesoterik bis Seelenkalender, von Grundsteinspruch bis Nebenübungen, von Begegnungskultur bis Evangelien Worte.

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Aus Sorge um den Lebensraum Erde ist eine neue Jugendbewegung entstanden. Über Wege aus der Krise in Klima und Sozialem tauschen sich sich junge Menschen von 30. Januar bis 2. Februar 2020 am Goetheanum aus.

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So wie das Klimaproblem über Jahrzehnte durch eine Unzahl individueller Konsumentscheidungen entstand und weiter verschärft wird, so kann es auch gelöst werden: Unsere täglichen Entscheide bestimmen, ob sich etwas ändert oder nicht.

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Die Christengemeinschaft | April 2019

Ausgabe April 2019

Die Christengemeinschaft

Inhalt | Die Christengemeinschaft | April 2019

 

hingeschaut

100 Jahre Christengemeinschaft                          5

Martin Kühnert

Künstlerporträt                                                          7

Beatriz Rubio

Leben mit dem Evangelium |
Was ist Auferstehung?                                             7

Tom Ravetz

Thema

Bileam! Geh die Eselin segnen!                             8

Stefanie Rabenschlag

Alter und segnen                                                     12

Georg-Henrich Schnidder

Ein heiliger Moment –
der Segen zum Abschied                                      14

Julia Polter

religiöses Leben

Gewalt – eine der Wunden
des Wiederkommenden                                       17

Andreas Loos

Wege in die Menschenweihehandlung
XV. Gott in Raumesweiten
und Zeitenfernen                                                    22

Ulrich Meier

Biblische Begegnungen | Warum der
Messias auch der Gottesknecht ist                   24

Ruth Ewertowski

Biografisches

Ninetta Sombart – leuchtend nüchtern
Ein Nachruf                                                               27

Ulrich Imming

Gespräche mit Ninetta Sombart                        28

Bastiaan Baan

»Demenz« – Gedanken und
Erlebnisse einer Betroffenen                              31

Mitgeteilt von Gudrun Stoewer

weltweit

Das Wunder von Chartres                                   32

Albrecht Schwenk

Meerweibchen oder Eingeweihter?
Ein Besuch von Sankt Paul im Lavanttal        34

Wolfgang Gädeke

Bücher

Aufbruch ins eigene Leben (Ortheil)               37

Susanne Gödecke

Luftwurzeln (Wodin)                                            38

Maria Breckwoldt              

»Schule der Endlichkeit« (Velten)                    39

Friedrich Schmidt-Hieber

Digitale und utopische Zukunft (Precht)        40

Christine Berg

Flüchten oder ankommen?
(Meyer-Legrand)                                                    42

Ulrich Meier

Eine meiner Heiligen

Marie Kondo – die ­alltägliche Wandlung
ermöglicht                                                                 43

Françoise Bihin

Veranstaltungen                                               44

Impressum                                                                45

 

 

Bileam! Geh die Eselin segnen!

Stefanie Rabenschlag

Auf ein Wort, Bileam. Ich erhielt kürzlich den Auftrag, über dich zu schreiben. Bei meinen Nachforschungen stellte ich fest, dass oft von dir die Rede ist in biblischen Kreisen, in Predigten, Auslegungen und Kommentaren. Auch außerbiblisch hattest du einen Ruf als Seher und Flucher, wie eine alte Inschrift in Deir Alla bezeugt. Und dabei stehst du nicht besonders gut da. Denn du warst käuflich. Sagen sie. Deine Geschichte ist schnell erzählt. Du warst ein, lass mich sagen: ein Megaphon der Götterwelt, die große Stimme. Es sagt Bileam, der Sohn Beors, es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind; es sagt der Hörer göttlicher Rede, der des Allmächtigen Offenbarung sieht, dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet (4 Mose 24,3f).

Nicht nur laut war deine Stimme, sondern auch wirksam. Was du ausgesprochen hast, das wurde wahr! Nahezu magisch wahr! Was du segnetest, war gesegnet. Was du verfluchtest, war verflucht. Wer kann das schon!? Und doch kommst du nicht gut weg, Bileam. Verwirrt seist du gewesen. Wie konntest du denken, du müsstest Israel verfluchen? Das auserwählte Volk. Nur weil ein König wie Balak daherkommt, mit Macht und Reichtum? Und dich braucht, genau dich und deine Fähigkeiten, dich zu seinem Vorteil einsetzen will? Da hättest du glänzen können. Zuerst hast du wie gewöhnlich den Herrn, deinen Gott befragt. Denn du warst ja seine Stimme, sein Prophet, mit ihm im Gespräch. Und er wollte natürlich nicht, dass du sein gesegnetes Volk verfluchst. Du hast abgelehnt, die Boten zurückgeschickt. Die Frage kam wieder, mit Vehemenz diesmal, in der Gestalt von Fürsten. Der Herr heißt dich gehen. Doch nur was ich dir sagen werde, sollst du tun (4 Mose 22,2). Er gibt dir noch ein richtungsweisendes Wort mit auf den Weg. Jetzt auf die Eselin und hin zum König mit seinen vielversprechenden Schätzen. Bileam, nun kommt die allseits bekannte Szene mit der Eselin, die den Engel sieht. (Ich verstehe dich gut, Bileam, mir geht es wie dir.) Es gab einen Auftrag – den des Königs Balak. Es gab die Absprache mit dem Herrn, so mach dich auf und ziehe mit ihnen, hatte er gesagt. Du warst Feuer und Flamme, alles passte zusammen, du warst guter Stimmung und schon ganz in der Vorausschau deines Auftrags und in der Absicht, zügig zu seiner Ausführung zu kommen. – Nein, das ist doch wohl nicht wahr! Was macht das Vieh denn jetzt? Weiß doch sonst im Schlaf, wo es langgeht! Wir sind unterwegs in einer wichtigen Angelegenheit, da wird jetzt nicht nach Disteln Ausschau gehalten. Mach sofort eine Wendung, bevor ich mich vergesse! Wird scheinbar alt, das Tier, hab’ sonst nie den Stock gebraucht. – Ja, zum Donnerwetter, bist du denn heute von allen guten Geistern verlassen, du Esel, schwankst hin und her, das sieht doch ein Blinder, dass es hier eng ist, Vieh, Mensch, jetzt hast du mir den Fuß gequetscht, dich soll doch der …, soll ich vielleicht hinkend zum König kommen? Marsch, weiter jetzt, verstockte Kreatur, da hast du eins und noch eins, das merkst du dir. – So! So! Und jetzt! Jetzt guck doch hin, was du gemacht hast! Ich liege im Staub wegen dir! In meinem ganzen Leben bin ich keiner so unfähigen Gestalt begegnet! Geht auf die Knie und schmeißt mich kopfüber runter! Wenn ich nicht diese Verabredung hätte, würde ich dich töten, jawohl, töten. Steh auf und sieh zu, dass du mich weiterbringst, sonst überlebst du diese Stunde nicht, das schwöre ich dir. Stockschläge sind noch zu gut für dich, du Vermaledeite! – Bileam, ja, ich höre genau, dass du bestens fluchen konntest, du, der Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis des Höchsten hat, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet (4 Mose, 24,16). Hast deine gute Eselin ziemlich schlechtgeredet, sie niedergemacht mit Worten. Die Stockschläge hätte es gar nicht mehr gebraucht, so prasselte dein wüstes Schimpfen auf sie nieder. Hörst du das auch, Bileam? Siehst du dich dort die gute Eselin beleidigen? Wer hat dich diese kränkende Rede gelehrt? Du Hörer der göttlichen Rede, von wem hast du das Fluchen erfahren? Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des Herrn, meines Gottes, weder im Kleinen noch im Großen (4 Mose 22,18). Großes sprichst du von dir, Bileam, und kaum hast du es ausgesprochen, sollst du es unter Beweis stellen, im Kleinen und im Großen. Doch gleich bei der ersten Prüfung scheiterst du. Es ist deine Gewohnheit, wenn etwas nicht läuft, wie du es willst, loszuwettern, hinter dem Rücken der armen Eselin. Wie konnte ein König dich rufen lassen, Großes zu tun, wenn du dich selbst nicht regierst im Kleinen? Wie ein Spiegel, unverrückbar und untäuschbar dein Bild wiedergebend, dient dir die Eselin in ihrem vermeintlichen Abweichen, Schwanken und Bockigwerden. Du schämst dich, als du dein Bild siehst in diesem Spiegel, zu dem dir der Engel samt Eselin verhilft. Du wandelst dich dort an dieser Stelle, genau dort, wo es abweicht und schmerzhaft eng wird, wo du zu Boden gehst. Du wirst nicht mehr fluchen, Bileam, welcher ängstliche König dir auch Schätze über Schätze bietet, nicht über das Volk Israel, über kein anderes Volk, über niemanden, auch nicht über die Eselin, die dich trägt. Nichts anderes, als was ich zu dir sagen werde, sollst du reden (4 Mose 22,35). So heißt jetzt das Gebot. Wie du der Eselin ihre Verweigerungshaltung austreiben wolltest, so hat der Engel dir das Fluchen ausgetrieben. Du hast die Macht über deine Sprache wiedergewonnen. Dreimal hast du mit Worten und Schlägen die Eselin verwundet. Als du nun zu dem König Balak kommst, lässt du ihn an drei erhöhten Stellen je sieben Altäre bauen, wo ihr dreimal opfert. Danach sprichst du jeweils – sehr zum Missfallen Balaks, der die dreimalige Verfluchung erwartet – einen großen Segen über das Volk Israel. Wie fein sind deine Zelte, Jakob, und deine Wohnungen, Israel. Wie die Täler, die sich ausbreiten, wie die Gärten an den Wassern, wie die Aloebäume, die der Herr pflanzt, wie die Zedern an den Wassern (4 Mose 24,5f).

Du hast Balaks Ruf gebraucht, Bileam. Er hat dich in Bewegung gebracht. Erst in das Gespräch mit Gott, in das Ringen zwischen der himmlischen Weisung und den Forderungen der Erde. Du warst bekannt für die einsetzbare Wirkung deiner Worte, segensreich oder fluchend. Das konntest du, das war dein Gebiet, auf dem du agiertest. Du gingst deinen Aufgaben nach, unauffällig begleitete die Eselin deinen Alltag. Bis zu dem besonderen Tag, da es ganz anders wurde. Weil eine Kraft dazwischenfuhr, die dich in die Knie zwang. Nicht nur in das gewohnte Gespräch mit deinem Gott, sondern in die Begegnung mit dir selbst, mit dem willkürlich Fluchenden in dir, der jähzornig seine Eselin malträtiert. Bileam, etliche hundert Jahre später wollte einer durch ein Nadelöhr, stell dir vor, samt seinem Kamel, seinem schwergewichtigen Ballast. Vielleicht hat er, wie du auf die Eselin, mit seinem Stock auf das Kamel schlagen wollen, damit es durch die Enge ging. Sah er nicht den Engel hinter dem Nadelöhr, der das Kamel zurückdrängte? Ich lächle, Bileam, weil ich verstehe, während ich deine Geschichte schreibe, eine Urbildgeschichte. Und ich danke dir, weil deine Geschichte mich mit dieser Erkenntnis segnet. Bileam, an der Enge dort im Weinberg, wo auf beiden Seiten Mauern waren (4 Mose, 22,24), wo er sich ereifert, empört; er will durch, will seine Arbeit machen. Bileam dort an einer engen Stelle, wo kein Platz mehr war auszuweichen, weder zur Rechten noch zur Linken (4 Mose 22,26), ungeduldig, bereit, keine Hinderung duldend und sieht nicht, dass das Hindernis in ihm liegt. (Wahrlich, hier sieht es aus, als hätten die recht, die über dich sagen, du seist verwirrt.) Da wurden dir erst wirklich die Augen geöffnet, Bileam, dass du ein Seher werden konntest, erst, als du dich gesehen hattest. Geh die Eselin segnen, weil sie den Seher zum Sehenden machte.

Gib mir die Hand, Bileam, du bist jetzt ein Zeitgenosse. Die Jahre des alten Sehens sind vorbei. Aber nicht die Jahre von treuen Eselinnen, nicht die der Engel, nicht die der Menschen, die sehend werden können. Es ist keine hundert Jahre her, da tauchte ein neues Signum auf unter den Menschen, ein neues Segnen. Man kann auch sagen, es tauchte herunter. Es taute herunter und brachte neue Worte und neue Möglichkeiten der Verbindung zwischen Himmel und Erde mit. Von drei Bergen herab hast du das Volk Israel gesegnet. Das neue Signum spricht das Wort der trinitarischen Gottheit in die Welt. Bei dir waren es sieben Altäre. Hier sind es nun sieben Kräfte, die wir Sakramente nennen, in deren Zeichen und Worte durch menschliches Handeln und Sprechen der Segen des dreieinigen Gottes über die Welt kommt. Denk’ dir nur, Bileam, du und die Eselin, ihr kommt auch darin vor! Erinnerst du dich an deinen dreifachen Zorn, den du walten ließest gegenüber der Eselin auf dem Weg zum Moabiterkönig? Dieser dein unberechtigter Zorn hat sich in drei Bitten verwandelt: Vor meinem Munde sei die Schwelle behütet – Eine Mauer hindere meine Irrung, um mich zu strömen – Alles Böse sei meinen Worten entnommen – so heißen sie. Hast du gehört, Bileam? Sogar die Mauer kommt darin vor. Und wie damals steht an dieser Stelle der Engel mit dem Schwert, du wirst ihn sehen nach einer Weile, Bileam, glaub’ mir. Los, Mensch, komm rein!

 

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