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Inhalt | Die Christengemeinschaft | April 2017

Der opfernde Mensch

Von: Zeitschrift "Die Christengemeinschaft"

Ein Beitrag aus der Zeitschrift

"Die Christengemeinschaft", Ausgabe 4/2017

*** Mathias Wais Martin Buber hat im Zuge seiner Über­setzung der jüdischen Heiligen Schrift (z.T. in Zusammenarbeit mit Franz Rosenzweig) für die hebräischen Begriffe für ­»Opfer« wie »Minchah« oder »Karban« das Wort ­»Darhöhung« geprägt und eingeführt. Er er­öffnet damit ­einen neuen Blick auf das im religiösen Kontext durchgeführte Opfer. Denn was ist das Opfer ursprünglich? Alle Kulturen und die alten Religionen opfern ihren Gottheiten. Rituell wurden Feldfrüchte, junge Tiere, bei einigen Völkern auch ausgezeichnete Menschen dargebracht. Hier wollte der Opfernde – das konnte ein Bauer, ein Familienpatriarch sein, später ist es der Priester – mit dem Opfer die Götter besänftigen, sie gnädig stimmen oder er wollte von einer Gottheit etwas erreichen: Regen, eine gute Ernte, Kriegsglück auch. Er gab etwas ihm Wertvolles hin, damit er etwas ihm existenziell Wichtiges bekam. In heutiger Sicht kann man versucht sein, diesen archaischen Opfervorgang als einen Handel mit Gott zu betrachten. In einer späteren Entwicklung ist sich der Mensch der Kluft bewusst, die ihn von der Sphäre der Gottheit trennt. Deshalb wird jetzt das Opfer in größerer physischer Nähe zu dieser Sphäre dargebracht: auf einer Anhöhe, einem Berg, auf dem Gipfelplateau eines Tempels oder einer Pyramide (Maya, Azteken). Die Gottheit als Adressat des Opfers, die jetzt in weiterer Himmelsferne gedacht wird, kann so eher oder sicherer erreicht werden. Auch das Rauchopfer soll ja nach oben steigen. Soweit Tiere oder auch Menschen geopfert wurden, war das Wesentliche wohl nicht der Akt des Tötens, sondern die Darbringung des Blutes als Träger der Lebenskraft. Aber auch noch hier sieht sich der Opfernde als eingreifend in die Wirkmächtigkeit der Götter: Indem ihnen die Lebenskraft geschenkt wird, sucht man sie zu überreden, zum Wohle des Volkes zu handeln. Im Alten Testament finden wir nun eine andere Auffassung des Opfers. Sehen wir von früh­israelitischen Opferhandlungen mit Früchten und Tieren ab, die lokale Gottheiten oder über eine bestimmte Naturerscheinung regierende Götter milde oder hilfreich stimmen sollten, ist das Opfer jetzt ein heilschaffendes Geschehen für das Volk, für die Gemeinde. Das »Heil« wird jetzt aber nicht als besondere, umschriebene Handlung Gottes an seinem Volk gesehen, sondern dieses Heil kann sich dadurch entfalten, dass Volk und Gemeinde (vertreten durch den Priester) sich durch die Opferung in die Ordnung Gottes stellen. Der sündige Mensch, das schuldbeladene Volk reinigen sich im Opfer und können nun des ohnehin und ohne menschliches Zutun schon immer bereiten Heils teilhaftig werden. Die Gottheit braucht kein Opfer. Sie braucht keine Umschmeichelung. Sie ist in einem absoluten Sinne vollständig – für den Hebräer ist sie El-Elion, das Höchste überhaupt. Also nicht die Gottheit wird durch das Opfer erhöht, bereichert oder erweitert. Sondern der opfernde Mensch (vertreten durch den Priester am Altar) wird erhöht, indem er sich (vertreten durch das Opfertier) opfert. Der Opfernde stellt sich in den Willen und das Wirken Gottes. Er erfährt eine Art Weihe, eine Reinigung: sein (als sündig gedachtes) Alltags-Ich streift in der Opferhandlung seine Niedrigkeiten und Einschränkungen ab und ruft damit sein Höheres Ich, seinen geistigen Wesenskern in seine Wirksamkeit. Das ist m.E. mit dem Buberschen Begriff der »Darhöhung« kongenial beschrieben. Im christlichen Kontext sehen wir die Opfertat Christi als das zentrale Ereignis: Jesus Christus opfert sich für den Menschen. Wir aber opfern, um Anschluss zu halten an sein vorgängiges Opfer. Dadurch können wir Anteil am Heil finden. In der Menschenweihehandlung erfahren wir (wie der Begriff besagt) eine Weihe als Mensch, der einerseits der göttlichen Sphäre fern ist und doch mit seinem geistigen Wesenskern Anschluss an eben diese Sphäre erfahren kann. So führt das so verstandene Opfer mich zu mir selbst, es verwesentlicht mich. Das ist die Darhöhung. Aber wie jede Weihe schafft auch diese keinen irgendwie privilegierten oder gesicherten Zustand, sondern sie eröffnet ein Potential: Ich bleibe oft nicht in diesem Zustand der Reinheit und Wesentlichkeit, nachdem ich einmal an der Opferung teilgenommen habe – so wenig wie das Volk Israel nach der Opferung eines Tieres am Altar im Tempel sündenfrei blieb. Inwiefern ich auf der Höhe dieser »Weihe« bleibe, liegt an mir, nicht an Gott. In der Regel werde ich Tag für Tag »rückfällig« werden, so dass ich bald erneuter Opferung bedarf. Dennoch kann das immer wieder vollzogene Opfer in mir eine Kraft freisetzen, mich mehr und mehr auf das Wesentliche meiner Person, meines Lebens, des Lebens zu konzentrieren. Mein Alltags-Ich wird sich zunehmend meinem Höheren Ich ­annähern. Aktuelle Ausgabe der CG hier bestellen

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