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DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

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Neue Dimensionen des Bewussteins in Dichtung und Kunst

Tagung am Goetheanum befasste sich mit dem Einfluss der Esoterik auf die europäische Moderne – Rudolf Steiner als wichtiger Impulsgeber für viele Kulturschaffende ...

Von: NNA-Korrespondent Wolfgang G. Vögele



DORNACH (NNA).

Welche Rolle spielte die zeitgenössische Esoterik beim Aufbruch der europäischen Moderne des 20. Jahrhunderts? Diese Frage gerät seit einigen Jahren mehr und mehr in das Blickfeld der Kulturwissenschaften. (NNA berichtete, vgl. dazu Artikel vom 21.4.08) Im Oktober war sie Gegenstand einer Wochenendtagung am Goetheanum in Dornach, veranstaltet von der Sektion für Schöne Wissenschaften.

Reinhard Bode, Germanist und Michael Ladwein, Kulturwissensschaftler trugen
dem Publikum ihre Forschungsergebnisse zu diesem vielschichtigen Thema vor.

Bode untersuchte Gemeinsamkeiten und Unterschiede im künstlerischen Ringen
von Hermann Hesse, Thomas Mann und Albert Steffen. Anhand markanter
Textstellen, die der Schauspieler Matthias Hink von der Goetheanumbühne
rezitierte, arbeitete er wesentliche Werk- und Lebensmotive der Dichter
heraus.

Der Aufbruch der Moderne und der damit verbundene Verlust an traditionellen
Werten hatte für sie alle ein Aufbrechen des Inneren zur Folge, eine
existentiell erschütternde Erfahrung. Wie schon vor ihnen Nietzsche,
erkannten sie: sinngebend ist nur, was der freie Mensch aus sich selbst
heraus schafft. Diese Erkenntnis prägte nicht nur Steiners ethischen
Individualismus, sondern vielfach auch das Selbstverständnis der modernen
Künstler. Wesentlich sei auch die stete Suche nach dem Gleichgewicht
zwischen niederem und höheren Ich, wie sie etwa das Lebenswerk Hesses
durchziehe, betonte Bode. Bei Thomas Mann spiele sich dieser Prozess mehr im
Gedanklichen ab, bei Albert Steffen mehr im Willenselement.

In einem zweiten Vortrag versuchte Bode Dichtungen von Rilke, Kafka und
Albert Steffen als verschiedene „Wege zur Einweihung“ zu deuten. Was macht
einen Dichter zu einem Eingeweihten? Für viele Dichter bedeutete der
Schaffensprozess Meditation und Imagination, ein Vorstoß in andere
Bewusstseinsdimensionen, durch die sie das Leiden an sich selbst und an der
Welt zu überwinden suchten. Verschiedene Motive wie Opfer, Sehnsucht nach
Erlösung, Scheitern, aber auch eine unbewusste Sehnsucht nach Christus
spielten dabei eine markante Rolle. Künstler gehen mit realen Kräften und
Gegenkräften um, vermögen es aber in den seltensten Fällen, diese bewusst zu
erkennen. Was aber entsteht, wenn der Künstler sich seiner
Inspirationsquellen bewusst wird?


Noch vor seiner Begegnung mit Rudolf Steiner sei der Dichter Albert Steffen
einen Einweihungsweg gegangen, indem er sich bewusst dem Milieu der Berliner
„Unterwelt“ unter Kriminellen und Prostituierten ausgesetzt habe. Diese
erschütternden Erlebnisse habe er dann in dem Drama „Das Viergetier“
künstlerisch verarbeitet. Auferstehung und Überwindung des Bösen seien
wesentliche Motive in Steffens Dichtung.

Die innere Haltung des „Stirb und Werde“ habe Steffen zeitlebens begleitet,
er habe sie weiterentwickelt und verfeinert. Spirituelle Substanz sei bei
ihm real und relevant geworden, um die überall lauernden dämonischen Kräfte
zu erlösen. Bode wies auf das damit zusammenhängende christliche Grundmotiv
und den manichäischen Impuls bei Steffen hin. Rilke sei dagegen nicht zu
einer wirklichen Erkenntnis des Bösen gekommen. Und die eisigen Regionen, in
die uns Kafka führt, seien zwar real, doch von einer pathologischen
Komponente getrübt, die in der gesundheitlichen Konstitution des Dichters
begründet liege.

Ein dritter Vortrag warf einen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
des Mysterienimpulses in der Dichtung. Steiners Mysteriendramen werden genau
wie die Dramen Steffens von der Literaturwissenschaft meist als
Weltanschauungskunst ohne künstlerischen Wert abgetan. Dazu vertrat Bode die
These, erst kommende Generationen würden den spirituellen und künstlerischen
Wert dieser Dramen richtig einzuschätzen wissen.

Was aber ist das Neue, das Moderne in Steiners Dramen?


Nach Bode ist es zum einen die „neue Trinität“, Luzifer-Ahriman-Christus, in
die der Mensch verwoben sei. Unbewusst hätten alle modernen Dichter mit den
luziferischen und ahrimanischen Kräften gerungen: „Man könnte die
Literaturgeschichte unter diesem Aspekt neu schreiben“, meinte Bode. Was
Steiners Dramen aber zu repräsentativen Kunstwerken der Moderne werden
lässt, sei der Aspekt der Freiheit. Denn im Gegensatz zum antiken Drama wie
etwa Ödipus oder den eleusinischen Mysterienspielen, seien Steiners Dramen
nicht von tragischer Kausalität bestimmt, sondern der Mensch durchschaue
sein Schicksal und werde zu dessen Mitgestalter.

Abschließend griff Bode noch spirituelle Ansätze im Bühnenschaffen des 20.
Jahrhunderts heraus (Beckett, Ionesco, Dürrenmatt, Frisch). Im 21.
Jahrhundert überwiege bislang entweder die Lust an zynischer Darstellung von
Gewalt und Trieb oder an seelenloser Technik. Michel Houellebecqs 2005 in
Deutschland verfilmter kulturpessimistischer Roman „Elementarteilchen“ sei
in diesem Sinne eine erschreckende, aber auch grandiose Analyse unserer
Gegenwart.

Hoffnungsvolle Zeichen einer neuen spirituellen Dichtung sieht Bode in dem
2003 in Hamburg uraufgeführten Schauspiel „Purgatorio“ des chilenischen
Dramatikers Ariel Dorfman, das an den Medea-Stoff anknüpft und die
Erlebnisse eines Paares in postmortalen, jenseitigen Sphären schildert. Oder
in dem Buch „Wiedergeboren“ des anthroposophischen Schauspielers und
Regisseurs Wilfried Hammacher, der in Anlehnung an Steiner die Inkarnationen
August Strindbergs und seines Freundes Schleich nachzeichnet.

Der zweite Vortragende der Tagung, Michael Ladwein beschrieb das Suchen der
bildenden Künstler nach Spiritualität. Seine brillianten Analysen, die dem
Zuhörer keine Interpretationen aufdrängten, sondern zu eigenem Denken
anregten, unterstützte er teilweise durch Dia-Projektionen der besprochenen
Kunstwerke. Anknüpfend an einen Ausstellungstitel beleuchtete er in seinem
ersten Vortrag „Okkultismus und Avantgarde“ das Interesse der Künstler an
den „okkulten Hintergründen des Seins“ seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts
und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die kunsthistorische Forschung sei in den letzten Jahrzehnten aus ihrer
materialistischen und formalistischen Epoche herausgetreten und habe sich
verstärkt den spirituellen und hermetischen Untergründen zugewandt, aus
denen ein erheblicher Teil der neueren Kunst erwachsen sei. In Publikationen
und Ausstellungen schlage sich dies nieder, etwa in der Ausstellung „Das
Bauhaus und die Esoterik“ (2006). In fast allen Monographien und
Ausstellungskatalogen etwa zu Kandinsky oder Mondrian, werde heute die
spirituelle Gedankenwelt der Künstler berücksichtigt, wobei immer der Name
Rudolf Steiner erwähnt werde.

Ausgehend von der „okkulten Szene“ im Paris des 19. Jahrhunderts, zeichnete
Ladwein den Weg esoterischen Gedankenguts in die Ateliers einzelner Künstler
nach. Schon der Dichter Charles Baudelaire habe eine esoterische
Korrespondenztheorie vertreten und damit zahlreiche Künstler des Symbolismus
beeinflusst. Odile Redon, Gauguin, die Gruppe der Nabis, sie alle hatten
theosophische Literatur rezipiert. Der Einfluss des Theosophen Edouard
Schuré sei nicht nur in Frankreich bedeutend gewesen. Bis zum Kubismus,
Futurismus und Konstruktivismus, aber auch in der Wiener Moderne (etwa bei
Egon Schiele) lassen sich esoterische Einflüsse nachweisen. Klee und Itten
hatten Steiners Werke gelesen, teilweise auch dessen Vorträge gehört, sie
gestalteten die empfangenen Ideen in der Anfangszeit des Bauhauses auf
eigene Weise aus.

In seinem zweiten Vortrag „Theosophie und Abstraktion“ schilderte Ladwein
den Durchbruch zur nichtgegenständlichen Malerei. Der Schwerpunkt lag dabei
auf Piet Mondrians „Neue Gestaltung“ aus dem Geist der Theosophie. Mondrian
hat sich intensiv mit Theosophie und Rudolf Steiner befasst und mit diesem
auch korrespondiert. Der dritte Vortrag untersuchte Kandinskys Orientierung
an Rudolf Steiner auf dem Weg zur Abstraktion und zwischen „Blauem Reiter“
und Bauhaus. Dabei spielten schon früh Gedankenformen, Synästhesie und
Farbklänge ein Rolle. Die Anthroposophin und Kandinsky-Schülerin Maria
Strakosch-Giesler spielte eine wichtige Vermittlerrrolle, indem sie ihren
Lehrer mit Rudolf Steiner bekannt machte. Kandinskys Verarbeitung von
Steiners Ideen ist dokumentarisch gut belegt und findet auch in einzelnen
Kunstwerken ihre Widerspiegelung. Steiner, so resumierte Ladwein darf als
ein wesentlicher Anreger eines bedeutenden Teils der Kunst des 20.
Jahrhunderts angesehen werden.

Eine beeindruckende Konzertsoiree mit Daniel Thiel (Tenor) und Hristo
Kazakov (Klavier) brachte Lieder von Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Othmar
Schoeck und von den anthroposophischen Komponisten Hans-Georg Burghardt und Louise Astna. Dem Programm waren zwei Zitate von Schönberg und Steiner
vorangestellt. Die Auswahl des Konzertprogramms mit Schönberg und Mahler als
Wegbereiter der musikalischen Moderne verwies auf eine mögliche Fortsetzung
des Tagungsthemas: die Darstellung des Spirituellen in der musikalischen
Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Das Interesse von Komponisten an der
Anthroposophie, ein bisher brachliegendes Forschungsfeld, wird allmählich
auch von der Musikwissenschaft wahrgenommen. (Siehe unten)

Mit der Tagung wurde auch eine Ausstellung der Kandinsky-Schülerin Maria
Strakosch-Giesler (1877-1970) eröffnet, die noch bis 23. November zu sehen
ist.


END/nna/vog

Literatur- und Veranstaltungshinweis: Schweizer Jahrbuch für
Musikwissenschaft, Neue Folge, Nr. 27, Dezember 2008; Ausstellung zum
Lebenswerk des Komponisten und Dirigenten Felix Weingartner (ab 21.November
in der Universitätsbibliothek Basel)

Link: http://mwi.unibas.ch/aktuelles/

Bericht-Nr.: 081103-01DE Datum: 3. November 2008

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