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Göttliches Licht, Christus Sonne

Lesung der Ansprache Rudolf Steiners zur Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft vom 25. Dezember 1923
und Vortrag von Peter Selg

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Wir üben UnsICHerheit

Junge Menschen laden von 28. Dezember bis 1. Januar dazu ein, am Goetheanum einen Raum zum Fragen, zum Üben und zum Staunen freizuhalten. Silvestertagung der Assoziative DREI zu EINS.

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Rudolf Steiner Verlag

Verantwortung

Weil Ich und Welt Pole eines Ganzen sind, ist innere Entwicklung eine Quelle der Weltentwicklung. Sie beginnt in jedem von uns und je aufs Neue als ein inneres Geburtsgeschehen.

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Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

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Pädagogik auf Trümmern - Notfallpädagogik in Gaza I

a:2:{s:4:"unit";s:2:"h3";s:5:"value";s:275:"Die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ waren bereits Ende Januar zu einer notfallpädagogischen Krisenintervention im Gaza-Streifen, mussten ihre Arbeit aber damals wegen der Schließung der ägyptischen

Von: NNA-Berichterstattung
Zur Jahreswende 2008/09 erschütterten kriegerische Auseinandersetzungen den Gaza-Streifen. Die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ waren bereits Ende Januar zu einer notfallpädagogischen Krisenintervention im Gaza-Streifen, mussten ihre Arbeit aber damals wegen der Schließung der ägyptischen Grenze vorzeitig abbrechen (NNA berichtete, 07.02.2009). Jetzt gelang es einem weiteren Notfallteam aus zehn Psychologen, Pädagogen und Therapeuten mit Hilfe des deutschen Auswärtigen Amtes über den israelischen Grenzübergang Erez nach Gaza zu gelangen und die Notfallpädagogik auf Grundlage der Waldorfpädagogik fortzusetzen (NNA berichtetet, 03.07.2009). Die Arbeit wurde dort wieder aufgenommen, wo sie im Februar abgebrochen werden musste: im Waisenheim von Gaza-Stadt. In diesem ersten Teil eines zweiteiligen Berichts beschreibt Einsatzleiter Bernd Ruf die Arbeit mit den kriegstraumatisierten Kindern.

KARLSRUHE (NNA). Die dreiwöchigen Kämpfe forderten etwa 1.400 Menschenleben, darunter viele Kinder. Über 5.500 Menschen wurden schwer verletzt. 22.000 Häuser und fast die gesamte Infrastruktur des Gaza-Streifens wurden zerstört. 80 Prozent der etwa 1,2 Millionen Einwohner leben seither
unterhalb der von der UNO festgelegten Armutsgrenze, davon sind über die
Hälfte Kinder unter 15 Jahren. Über den Gaza-Streifen ist nach wie vor eine
Blockade verhängt. Die Versorgung erfolgt größtenteils über die mehr als
2.000 illegalen Tunnel im Grenzgebiet zu Ägypten

Viele Kinder im Gaza-Streifen können aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen
ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Andere sind so schwer traumatisiert,
dass sie sich in ihren Wohnungen verkriechen und mit Panikattacken
reagieren, wenn sie das Haus verlassen sollen. Wieder andere werden in Folge
ihrer psychopathologischen Veränderung, die das Trauma verursacht hat,
schlicht von ihren verzweifelten Eltern versteckt und weggesperrt.

Farrah, 2 1/2 Jahre, lebt mit den Überlebenden ihrer Familie in den
Überresten ihres verbrannten Hauses in Nord-Gaza. Am 4. Januar 2009 trafen
Phosphorraketen die Wohnung, in die sich 16 Familienangehörige schutzsuchend geflüchtet hatten. Farrahs Opa, Sadaka (45), und ihre Brüder Adavahim (14), Zad (12) und Hamsa (9) verbrannten. Ihre Schwester Shakes, (1 1/2), wurde gerade gestillt, als sie durch die Druckwelle in den Tod gerissen wurde. Sechs weitere Familienangehörige verletzte der Angriff schwer. Farrah wurdezusammen mit ihrer Mutter Rada (20), in ein Militärhospital nach Ägypten
verlegt. Der Versuch des Krisenteams, das Kind im Februar dort zu besuchen,
scheiterte damals an bürokratischen Hürden. Ihre Mutter erlag ihren
Verletzungen und auch Farrah ist von schwersten Phosphorverbrennungen
gezeichnet. Zurück in Gaza werden ihre noch immer „rauchenden Wunden“ in
einem Zelthospital notdürftig mit Silikonlappen abgedichtet.

Zu den schweren körperlichen Verletzungen kommen die nicht minder schweren
psychischen Wunden. Das einstmals fröhliche Mädchen spielt seit dem
schrecklichen Ereignis nicht mehr. Sie ist sozial zurückgezogen und leidet
unter Ess- und Verdauungsstörungen. Jeden Abend erhält sie Schlaftabletten,
um einschlafen zu können, wacht jedoch nachts schreiend und schweißgebadet
von Albträumen auf. Farrah ist völlig auf ihren Vater Mohamed (24) fixiert.
Auf jede Trennung reagiert sie hilflos und panisch. Ihre 45jährige Oma Sabah
Salama Al Suleima Abu Halami sagt zum Abschied leise unter Tränen: „Dieses
Kind hat keine Zukunft!“. Farrah benötigt dringend medizinische und
psychotherapeutische Hilfe im Ausland – ein Fall von vielen.

Arbeit mit Kindern: „Warum habt ihr unsere Kindheit zerstört?“

Einzelschicksale wie Farrah begegnen einem im Gaza-Streifen überall. Auch
Monate nach der kriegerischen Katastrophe klaffen tiefe psychische Wunden
vor allem in den Seelen der Kinder. Etwa 50 Prozent der über 500 Kinder, mit
denen das pädagogische Notfallteam arbeitete, zeigen deutliche Symptome der
Posttraumatischen Belastungsstörung.

In einem Sommercamp für Kinder im schwer beschädigten Stadtteil Jabaliya
trifft das Team auf eine Gruppe mit etwa 60 Kindern. Die meisten zeigen
Verhaltensauffälligkeiten. Viele versuchen die Aufmerksamkeit durch
aggressive Störungen zu erzwingen, streiten um die halt- und
orientierungsbietende Hand der Betreuer im Kreisspiel oder um einen Fetzen
Knetwachs. Andere ziehen sich mit fast depressiver Lähmung aus der Gruppe
zurück. Mit Bewegungsübungen im Kreis wird versucht, an den oftmals
erkennbaren Rhythmusstörungen, den Konzentrationsmängeln und an den
Bewegungsstörungen (Hyperaktivität oder Bewegungsunlust) spielerisch zu
arbeiten. Da der Schreck, wie der Volksmund sagt, oft in den Gliedern
steckt, ist jede Art von Bewegung zur Lösung von inneren Blockaden und
Lähmungen von besonderer Bedeutung.

Ähnliche Symptome sind auch bei den Kindern und Jugendlichen im Al Amal
Institute for Orphanage, dem Waisenheim von Gaza-Stadt, zu beobachten.
Vielen ist es unmöglich über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen.
Deshalb wird versucht mittels Musik, Zeichnen, Malen, Kneten, Bewegung und
Rollenspiele kreative Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Auch diese Kinder
brauchen halt- und orientierungsgebende Rituale, um der durch die
Kriegserlebnisse eingetretenen Entgrenzung entgegenzuwirken und ihnen zu
einem neuen Regelbewusstsein zu verhelfen. Etwa 20 Kinder beteiligen sich in
tiefer Innerlichkeit an einem „Dornröschen-Spiel“. Die Mimik der Kinder
beginnt sich langsam zu entkrampfen, die Blicke zu öffnen. Es ist, als würde
nach einer seelischen Eis-zeit durch wenige Sonnenstrahlen Tauwetter
eintreten.

Auch in Salatine, einer Zeltstadt für Obdachlose im Nord-Gaza, spricht sich
die Arbeit des Notfallteams wie ein Lauffeuer herum. In kurzer Zeit sind
über 120 Kinder und viele Mütter beisammen. Das Leben im Lager ist armselig.
Eine Stiftung organisiert drei Mal wöchentlich ein warmes Mittagsessen. Zu
der äußeren Not kommt die innere. Ranin, ein neunjähriges Mädchen sah, wie
am dritten Tag des Krieges eine Rakete in eine Menschengruppe einschlug und
viele Menschen tötete. Sie war mit ihrer Familie auf der Flucht zu
Verwandten nach Jabaliya. Seither ist ihr Leben verändert. Albträume rauben
ihr den Schlaf, sie schreit jede Nacht, nässt wieder ein und schlägt
aggressiv um sich. „Wir hatten Häuser, jetzt leben wir in Zelten. Keiner
kümmert sich um uns. Was kann dieses Mädchen dafür, dass es jetzt ohne
Hoffnung auf Zukunft im Zelt leben muss!“, sagt Mohammed Zaid, ein
ausgebombter Bauer aus Nord-Gaza.

Zenab El Samouni ist 37 Jahre alt. Wir treffen die völlig mittellose Frau
mit zwei ihrer 6 überlebenden Kinder in einer Ruine in Zeitoun, einem
südöstlichen Stadtteil von Gaza-Stadt. Zenab El Samouni berichtet, dass ihr
Mann nach Aufforderung des israelischen Militärs ihr Haus verlassen habe und
vor der Türe von Soldaten angeschossen worden sei. „Wir konnten ihn wegen
der Blockade der Israelis nicht ins Krankenhaus bringen. Er starb vor dem
Haus und musste dort 18 Tage liegen bleiben.“ Auf unsere zweifelnde
Nachfrage wurde diese Angabe nochmals bestätigt. Auch andere Zeugen
bestätigten, dass während der Besatzungs-zeit keine Toten bestattet werden
durften. Zenab El Samouni weiter: „Ich war mit 15 Kindern alleine im Haus.
Als die Soldaten ins Haus eindrangen, musste ich die ängstlich schreienden
Kinder zusammenhalten. Bei der Hausstürmung erschossen die Soldaten dann
meinen 4jährigen Sohn Ahmet!“ Sie zeigt uns ein Bild der Kinderleiche und
deutet auf eine Blutspur an der Zimmerwand.

Auf den Trümmern von Zeidoun leben die Überlebenden des Samouni-Clans, einer über 100-köpfigen Familie bäuerlicher Herkunft. Ihre Häuser wurden durch
Raketenbeschuss größtenteils zerstört. 36 Familienmitglieder, darunter viele
Kinder, starben. Vier Tage lang wurden die Rettungskräfte des Roten
Halbmonds daran gehindert, den Verschütteten und Verletzten zu helfen. Schon
während der ersten notfallpädagogischen Krisenintervention im Februar 2009
bildete die pädagogisch-therapeutische Betreuung der Kinder des
Samouni-Clans einen Arbeitsschwerpunkt.

Die Wiederbegegnung war schockierend. Der 5jährige Islam, dessen Vater und
Mutter bei dem Angriff starben, leidet seither unter Panikattacken,
Albträumen, nächtlichem Angstschweiß, Schlafstörungen, sozialem Rückzug und
brennenden Allergien am Auge. Sein 15jähriger Bruder Helmi erzählt leise
weinend, wie er nach der Detonation der Rakete den abgetrennten Kopf seines
Vaters auf seinem Schoße fand. Er leidet an den schmerzhaften Folgen einer
missglückten Notoperation, die wegen einer Splitterverletzung am Bauch
erforderlich war. Die Ärzte konnten ihm keine Hoffnung auf Besserung machen.
Issa, 8 Jahre, der die Eltern und seine Geschwister verlor, bettelt seither
alle Menschen an und spricht stereotyp immer dasselbe vor sich hin. Fast
alle Kinder des Samouni-Clans leiden unter den seelischen Folgen ihrer
schrecklichen Kriegserlebnissen. Das Ungeheuer Trauma zerfrisst ihre Seelen.

Die Kulisse ist bizarr. Inmitten eines riesigen Trümmerfeldes steht ein von
uns errichtetes, 300 Quadratmeter großes Zelt, das Schutz vor der glühenden
Sonne bieten soll. Darin gehen etwa 120 Kinder rhythmisch schreitend im
Kreis. Erlebnispädagogische Spiele und Zirkuspädagogik stehen auf dem
Programm. Nicht weit entfernt ist in einem ehemaligen kleinen Lagerraum das
Kunstatelier eröffnet. Es herrscht drangvolle Enge und emsiges Treiben beim
Aquarellmalen und Formenzeichnen. Nebenan wird in der Ruine eines zerstörten
Hauses, an dessen Wand das Blut des getöteten 4jährigen Ahmet klebt, mit
einer Kindergruppe Eurythmie geübt.

Unter dem Schatten eines kleinen Baumes vor einem der drei übrig gebliebenen
Häuser werden Kindergartenspiele mit Vorschulkindern durchgeführt. Es wird
getanzt, gebastelt und musiziert. Etwas weiter entfernt wird in einem
Unterstand neben einem erkrankten Esel der 12jährige schwer traumatisierte
Mahmoud notfallpsychologisch betreut. „Soldaten in Panzern haben uns mit
Rauch beschossen. Meine Schwester lag verletzt auf der Straße. Zwei
Hubschrauber kreisten über ihr. Viele flohen. An der Tankstelle lagen viele
Tote. Der Sohn meiner Schwester ist tot, ihr Mann ist tot, ein anderer Sohn
meiner Schwester ist verletzt. Ich träume jede Nacht von Blut und Tod. In
der Schule kann ich mich nicht mehr konzentrieren!“. Mahmoud war durch
besonders brutale Bildinhalte aufgefallen.

Wir treffen Shaban und Issa wieder, die in dem Zimmer, in dem ihre Familie
starb und israelische Soldaten nach Angaben der Familie hässliche
Wandschmierereien hinterließen, begeistert mit uns Eurythmie machten. Auch
Almesa und Zenab, die beiden 13jährigen Mädchen, erkennen uns sofort wieder. Almesa klammerte sich nach eigenen Angaben vier Tage unter Schutt an ihre toten Eltern. Sie erzählte uns, wie sie verzweifelt versucht habe, das
Ungeziefer zu verscheuchen, das die Leichname zu fressen begann. Beide
Mädchen erschienen inzwischen wie „zwanghaft“ gereift. Sie beteiligten sich
engagiert beim Malen. Als Almesa ihr Gemälde fertiggestellt hatte, war als
Untertitel zu lesen: „Warum habt ihr unsere Kindheit zerstört!“.

END/nna/cva

Zweiter Teil folgt.


Dem Kriseninterventionsteam der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf
Steiners“ gehörten an: Manfred Hartmann (Pädagoge), Friedgard Kniebe
(Kleinkindpädagogin), Peter Lang (Diplompädagoge), Lukas Mall
(Erlebnispädagoge), Kristina Manz (Assistenz), Bernhard Merzenich
(Heilpädagoge und Eurythmist), Yoko Miwa (Psychologin), Bernd Ruf
(Sonderpädagoge und Einsatzleiter), Anni Sauerland (Erlebnispädagogin),
Heidi Wolf (Kunsttherapeutin), Yehia (Übersetzer).

Spendenkonto: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners, GLS
Gemeinschaftsbank Bochum, BLZ 430 609 67, Konto-Nr. 13042010, Kennwort:
„Notfallpädagogik“

www.freunde-waldorf.de

Bericht-Nr.: 090812-01DE Datum: 12. August 2009

© 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA).

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