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Journalisten schreiben gerne voneinander ab. Darunter auch Behauptungen, was Rudolf Steiner angeblich gesagt haben soll. Aber hat denn Steiner das wirklich je gesagt oder geschrieben?

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Wie aktuell die Schicksalsfragen sind, zeigt der Zustand der Welt bei Natur- und Zivilisationskatastrophen, in Biotechnologie und Medizin, und zeigen die seelischen Anliegen der Menschen. Sie gehören zur kulturgeschichtlichen Aufgabe der Anthroposophie, zu ihrer Mitarbeit am Grundstein einer Zivilisation der Zukunft.

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»Alles, was uns forttreibt, ist zugleich Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht, bei uns selbst anzukommen«, so der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann über Reise und Heimkehr des Odysseus. Gleichzeitig macht Liessmann damit grundlegende Aussagen über die Natur des Menschen und seine Beziehung zur Welt: Ist der Impuls des Fortgehens ein universaler Weg, um zu sich selbst zu finden?

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Das Barometer der Corona-Pandemie – die vielbesungene Inzidenz – sank. Erstmals seit über einem Jahr versammelten sich daher in der Documenta-Halle 50 Schüler leibhaftig zum Kasseler Jugendsymposion mit dem Thema: »Conditio humana«. Gefragt wurde: Was zeichnet den Menschen, aber auch das Leben aus, das wir führen? Was heißt es, in brüchiger Zeit Mensch zu sein?

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Einstellungen und Reaktionen bei Menschen mit einem anthroposophischen Hintergrund während der Corona-Pandemie

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Die International Students’ Conference vom 31. März bis 3. April 2021 war die vierte in einer Reihe von Tagungen, die sich an Schülerinnen und Schüler aus aller Welt richten. Sie findet alle zwei Jahre statt – dieses Jahr jedoch anders als sonst voll digital.

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Reise weg – zu dir selbst!

Ein Windhauch streift mein Gesicht

Foto: @ willma ... / photocase.de

aus erziehungskunst.de

Ein Windhauch streift mein Gesicht, lässt meine Haare wehen, pustet meine Gedanken beiseite. Es ist ein friedliches Plätzchen, hier oben, auf dem kleinen Hügel außerhalb des Ortes. Von hier aus bietet sich mir eine Aussicht über das ganze Tal. Von hier oben sieht die Welt so klein aus. Ich kann meinen Blickwinkel »outzoomen« und die Perspektive wechseln. Diese Umgebung stellt eine kleine Rückzugsmöglichkeit dar, wenn ich dem Alltag für einen Augenblick entfliehen möchte, um meine Gedanken und Gefühle zu sortieren und wieder zu mir selbst zu finden.

Sich selbst finden – was bedeutet das überhaupt? Kann ich etwas nicht erst dann finden, wenn ich es zuvor verloren habe? Entgleiten wir uns selbst in unserem Alltag, sodass wir uns auf die Suche nach dem Selbst machen müssen? Wie ist es zu so einem Hype geworden, sich nach dem Abi aufzumachen, um sich dort draußen – in der großen weiten Welt – selbst zu finden? Braucht es eine Odyssee, eine Abenteuerreise, um dieses Ziel zu erreichen, oder dient sie als Sinnbild des Selbstfindungsprozesses? Ist es nicht erstaunlich, wie viele junge Menschen sich auf Reisen begeben, um nicht nur die Welt, sondern auch ein Stück von sich selbst kennenzulernen?

Getrieben von unergründlichen Sehnsüchten und Neugier zieht es uns fort. Fort, zu neuen Ufern, über die vertrauten Horizonte hinweg an unbekannte Orte, die bislang nicht einmal in unserer Phantasie existiert haben. Fort, um sich von Vergangenem abzuwenden und sich im selben Zuge ein Stück weit vom alten Ich loszulösen. Es ist ein besonderes Gefühl. Romantisch und schmerzhaft zugleich. Ein schönes Gefühl. Geprägt von leiser Nostalgie und Wehmut, gefärbt von zarten Hoffnungen und Träumen, gesteuert von tiefen Wünschen und Bedürfnissen.

Sehnsucht, so sagen sie, heißt es. Sie keimt aus einer Unvollkommenheit, die uns bedrückt. Und sie sehnt sich nach nichts mehr als Vollkommenheit.

Sie können mir glauben, werte Leser: Ich bin damit vertraut. Gerade im Alltag habe ich oft das Gefühl, neben mir zu stehen, meine Werte aus den Augen zu verlieren und mich dabei still und heimlich von mir selbst zu entfernen. Gleichzeitig erlebe ich sie: Die Sehnsucht nach etwas, das ich in mir selbst nicht finden kann, nach etwas Unergründbarem. Das ist eine befremdliche Beobachtung, denn sie verdeutlicht eben genau das: Ich entfremde mich mir selbst. Ist das womöglich eine Art des Verloren-Gegangen-Seins?

Es ist ein besonderes Gefühl: Fesselnd und polarisierend zugleich. Es zieht mich weg, nur weiß ich nicht wohin. – An einen Ort, der mir all das geben kann, was mir die Heimat, das Vertraute nicht geben kann. Ich möchte mich selbst in einer anderen Umgebung, in einem anderen Kontext in einem neuen Licht kennenlernen, mir so vielleicht auch näherkommen. Fernweh, so sagen sie, heißt es.

Warum der Impuls des Fortgehens? Was erhoffen wir uns vom Reisen?

Das Reisen ist die Chance, dem Alltäglichen, dem Gewohnten, dem Überlebten zu entkommen und sich in neue Erlebnisse, Erfahrungen und Momente zu stürzen, die sich uns zu Hause nicht bieten. All das, was uns im Alltag verloren geht, hoffen wir, an einem anderen Ort auf diesem Planeten zu erlangen. Das Reisen ruft uns in Erinnerung, wie groß, farbenprächtig, aufregend und geheimnisvoll diese Welt doch ist, und dass es so viel mehr gibt als das Leben, das wir zu unserer Wirklichkeit gekürt haben. Weg von den Normen und Strukturen, in die wir hineingeboren werden, weg von Idealen und Wertvorstellungen, die uns in die Wiege gelegt werden.

Eine Wirklichkeitsflucht, so sagen sie, heißt es.

Denken wir nur an Goethes Italienreise, auf der von ihm lang ersehnte Charakterzüge aufblühten und er neue Qualitäten in seinem Temperament entdecken konnte. Goethe machte sich auf diese Reise, um eine neue Auffassung der Kunst zu erlangen, die über die dunklen Wolken Weimars hinausreichte. Die Reise war eine Art von Flucht, weg von festgefahrenen Strukturen und schöpferischen Blockaden. Weggehen von etwas – nicht zwingend zu etwas hin, auf etwas zu. Und doch begann das Neue gleich hinter den Alpen – nein, eigentlich vorher schon: Neue Gesteinsarten, die er sammelte, bis fast die Achse brach. Der Duft von Pinien, Zitronenbäumen, reich gedeckte Tische, die sich unter ihrer köstlichen Last bogen, farbenfrohe Marktstände, neue Klänge … und erst die Kunst! Goethe gelang es, sich selbst und seine Auffassung der Kunst neu zu greifen und darüber hinaus die Liebe in einer neuen Ausprägung zu erfahren. Kaum auszudenken, was wir als Nachwelt, bis heute, entbehren würden, hätte er sich nicht auf den Weg gemacht. Die Kultusminister hätten kein Abi-Thema (Faust I?!). Die Germanisten zehn Regalmeter weniger in der Bibliothek ... Es war eine Reise, die Früchte trug.

Goethes Italienreise ist wohl ein Ideal­bild, wenn es ums Reisen in Verbindung mit Selbstfindung geht, denn Vorstellungen weichen leider schnell von der Realität ab. Es ist ernüchternd, von einer längeren Reise oder einem Austausch zurückzukommen, und die Heimat und das soziale Umfeld nahezu unverändert anzutreffen. Und ehe man sich versieht, verfällt man wieder in alte Normen und Muster, die man am liebsten hinter sich gelassen hätte.

Eine Erfahrung, die ich damit verknüpfe, ist meine Zeit in Schottland, wo ich einen Austausch nach Edinburgh machen und somit in eine mir noch unbekannte Kultur eintauchen durfte. Getrost kann ich behaupten, dass dies die zwei aufregendsten und eindrucksvollsten Monate meines Lebens waren. Das erste Mal konnte ich mich bewusst von meinem vertrauten, heimatlichen Umfeld abwenden und mich voll und ganz in ein neues, unerforschtes Leben stürzen. Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln durfte, sind einzigartig.

Auch wenn mich ab und zu das Heimweh packte, wollte ich diesem Ort und der Persönlichkeit, die ich dort entwickelt hatte, insgeheim nie wieder den Rücken kehren. Und ich erinnere mich an die ersten Tage und Wochen nach meinem Austausch, wieder zu Hause, in denen ich mich zerrissen und unvollständig fühlte, von Fernweh durchdrungen. Es war, als wäre ein Teil von mir jenseits des Meeres geblieben und der andere bereits zu Hause angekommen.

Dankbar und wehmütig schaue ich meiner Zeit im Ausland hinterher. Aber ich halte es für eine Utopie, dass Reisen geradewegs zur Selbstfindung oder Ähnlichem führt. Es ist vielmehr ein Versprechen, bereichert von einem Ort zurückzukommen. Und ich glaube, darin liegt der Zauber. Jeder Schritt, den wir tun, bringt uns ein kleines Stückchen näher zu uns selbst, bis wir erkennen, dass uns Selbstfindung und Erfüllung nicht irgendein ferner Ort beschert, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass dieser Ort unabhängig von Raum und Zeit ist und wir uns immer in ihm befinden – eine Art des Nach-Hause-Kommens. Selbstfindung eben.

Immerfort suchen wir nach einer Konstanten für unser Leben, um im selben Atemzug zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die einzige Konstante die Veränderung ist. Vielleicht liegt die Aufgabe auch darin, sich auf die Reise des Lebens zu begeben, auf seine eigene Odyssee. Vorbei an Schreckensgestalten wie den Zyklopen oder verführerischen Sirenen. Vielleicht müssen wir uns einfach treiben lassen und darauf vertrauen, dass der Wind und die Wellen uns dorthin bringen, wo wir uns selbst begegnen können. Ganz im Sinne von: Der Weg ist das Ziel.

Wenn dem so ist, bin ich mir sicher, dass der Impuls des Fortgehens ein universaler Weg ist, zu sich selbst zu finden, denn einzig und allein, wenn wir uns für das Unbekannte, Geheimnisvolle öffnen, sind wir auch bereit dazu, noch verborgene Facetten unseres Seins zu entdecken. So fügen sich die Puzzleteile peu à peu zu dem, was wir Vollkommenheit nennen.

Ich glaube, es ist ein besonderes Gefühl. Erfüllend und harmonisch. Ein inneres Gleichgewicht, das kein Windstoß, keine Welle aus der Ruhe bringen kann. Ein paar flüchtige Eindrücke dieses Gefühls konnte ich schon erhaschen. Und Sie können mir glauben, geneigte:r Leser:in, sie waren vielversprechend!

Sich selbst finden – was bedeutet das also? Es bedeutet, den Mut zu haben, sich selbst zu verlieren.

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Zur Autorin: Johanna Stella Paffrath war Schülerin der Freien Waldorfschule Überlingen. Sie ist Bundespreisträgerin für »Viola Solo« bei »Jugendmusiziert« und bei der »Jungen Waldorf Philharmonie«.

 

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