News

News

Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

 … >>

Goetheanum

Fachbibliothek Heilpädagogik wird in Goetheanum-Bibliothek integriert

Seit Oktober 2018 werden die rund 7000 Titel der Fachbibliothek Heilpädagogik und Sozialtherapie des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development in die öffentliche Goetheanum-Bibliothek integriert.

 … >>

DieDrei

DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

 … >>

So dialogfähig wie ihre Mitglieder

Kommentar zum Artikel von Ramon Brüll über die Anthroposophische Gesellschaft in Info3 Nr. 10/2008...

Von: Wolfgang Held in Nachrichten für Mitglieder Nr. 1–2/09
Ein Artikel in Info3, in dem Ramon Brüll die Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft empfiehlt, hat vielseitige Reaktionen ausgelöst mit der Bitte, vom Goetheanum aus darauf zu reagieren. Aus diesem Grund folgt hier ein Kommentar von Wolfgang Held, zuständig für Kommunikation und Öffentlichkeit am Goetheanum. >> PDF der Wochenschrift

Bei einer Generalversammlungen am Goetheanum saß ich in einer der letzten Reihen neben Martin Barkhoff, dem damaligen Chefredakteur des ‹Goetheanum›. Plötzlich wies er über alle vor uns Sitzenden und sagte: «Du musst sie eigentlich alle lieben, sonst kannst du kein Anthroposoph sein.» Einige Jahre später traf ich zwischen Goetheanum und Haus Duldeck Walter Kugler. Nicht weniger überraschend als damals Barkhoff sagte er unvermittelt: «Wenn man nicht täglich eine Liebeserklärung für die Welt übrig hat, dann ist man eigentlich kein Anthroposoph.» - Martin Barkhoff, der in seinen Leitartikeln zeigte,wie viel ihm an der Begegnung mit der Welt liegt, beschwor die Bindung zu den Mit-Anthroposophen, und Walter Kugler, der mit mehr Anthroposophen im Austausch steht als die meisten Lesenden, erklärte die Zuneigung zur Welt als Ausweis des Anthroposophentums. Tatsächlich: Es sind die beiden Säulen des anthroposophischen Lebens: die Weltlichkeit, das heißt die Befähigung für die Welt, die Bewährung in der Welt, und das weite Herz für die anthroposophische Gemeinschaft, die Treue zu Rudolf Steiner. Diesen zwei Bedingungen wird sicherlich jeder zustimmen, aber in der Wirklichkeit scheitert man leicht. So bedeutet die Liebe zur Welt die Gewissheit zu besitzen, dass nicht nur die Anthroposophische Gesellschaft die Welt entwickeln kann, sondern dass ebenso die Welt unsere Anthroposophische Gesellschaft zu erlösen vermag. Virginia Sease hatte das bei der letzten Michaelikonferenz am Goetheanum ausgesprochen, als sie das Wort der okkulten Gefangenschaft von Manfred Schmidt-Brabant aufgriff und aufzeigte, dass der Schlüssel für das unsichtbare Gitter, das jeden (Anthroposophen) umgibt, in der Außenwelt zu finden sei. 

Daseinsberechtigung 

Ramon Brüll entwickelt in seinem Artikel ‹Kulturfaktor mit Eintrittskarte› in Info3 Nr. 10, dass sich durch die Anthroposophische Gesellschaft ein Innen und ein Außen bilde und durch diese Vereinsbegrenzung die Anthroposophie schwerer in die Welt finde. 
Aus dieser Feststellung folgert er, dass die Anthroposophische Gesellschaft am meisten für die Anthroposophie tun könnte, wenn sie sich auflösen würde. Vorbehaltlos nach der Daseinsberechtigung der Anthroposophischen Gesellschaft zu fragen, ist - wenn es mit der nötigen Verbindlichkeit geschieht und nicht nur als Provokation gemeint ist- sicher sinnvoll, weil es dazu beiträgt, das allzu Selbstverständliche aufmerksamer in den Blick zu nehmen.
Die von Ramon Brüll erwähnten Probleme der Anthroposophischen Gesellschaft sind nicht neu. Neu ist meiner Wahrnehmung nach, dass sie in verantwortlichen Kreisen und Zweigen offen untersucht werden und Viele nach kreativen Antworten suchen; dass der zwischenmenschliche Ton anders geworden ist; dass der Schulungsweg nicht mehr stillschweigend vorausgesetzt , sondern gemeinsam in Meditationsworkshops (wie in der Anthroposophischen Gesellschaft in Holland, Österreich oder am Goetheanum) entwickelt wird; dass die Suche nach Zusammenarbeit mit nichtanthroposophischen Institutionen unverkrampfter und ohne Anbiederung ist. Dass diese Entwicklung, diese ‹Ankunft im 21. Jahrhundert› noch längst nicht am Ziel ist und neue engagierte Wege braucht, scheint mir allgemeine Überzeugung geworden zu sein. Ramon Brülls Gedanke, dass die Anthroposophische Gesellschaft einen Alleinvertretungsanspruch auf Anthroposophie habe und haben wolle, ist sicherlich ein Irrtum. Einzelne Mitglieder mögen so fühlen, aber es liegt nicht in der Natur der Anthroposophischen Gesellschaft. Das Rote Kreuz oder Amnesty International sind Organisationen, die für Menschlichkeit eintreten, aber natürlich daraus keine Exklusivität auf Nächstenliebe ableiten. Ähnliches gilt für die Anthroposophische Gesellschaft. Sie besitzt weder für Anthroposophie noch für Rudolf Steiner eine Deutungshoheit und erhebt auch in ihren leitenden Vertretern nicht diesen Anspruch. Gleichzeitig engagiert sich die Anthroposophische Gesellschaft mehr als jede andere Gemeinschaft dafür, dass Anthroposophie lebendig wird und sich entwickelt, ja, dass die Anthroposophische Gesellschaft im Sinne der Weihnachtstagung 1923/24 sogar identisch wird mit der Anthroposophie. Sie sollte Anthroposophie am besten vertreten und sich zugleich darüber freuen, wenn außerhalb ihres Feldes Anthroposophie eine fruchtbare Entfaltung findet. Anthroposophie ist (auch) durch die Anthroposophische Gesellschaft in die Welt gekommen, aber die Geisteswissenschaft ist mittlerweile erwachsen geworden. Sie sucht Begegnung mit der Welt und ein freies und souveränes Verhältnis zu ihrem Ursprung. 

Die Grenzlinie in jedem Einzelnen 


Der Ort dieser Begegnung ist nicht, wie Ramon Brüll schreibt, an der Grenze der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern in der Seele jedes Anthroposophen in seiner Liebe zu Rudolf Steiner, zur anthroposophischen Gemeinschaft und seiner Zeitgenossenschaft in der Welt. Es geht um jeden Einzelnen, denn dort verläuft die Grenzlinie. Dort entscheidet sich die Öffentlichkeit der Anthroposophischen Gesellschaft. Diesen Punkt hatte wohl Wolf Ulrich Klünker im Auge, als er im gleichen Heft von Info3 pointiert formulierte, man müsse mit seinem nichtanthroposophischen Anteil die Anthroposophie weiterentwickeln. Die Anthroposophische Gesellschaft ist so öffentlich und dialogfähig, wie es ihre Mitglieder sind. Sie ist ein Spiegel. Man bekommt kein besseres Antlitz, indem man den Spiegel zerschlägt! Um die Befähigung von Anthroposophen und die Vergegenwärtigung der Anthroposophie geht es, und dafür sollte die Gesellschaft ein Instrument sein. Wenn ihr das nicht immer gelingt, ist das noch kein Grund, sie aufzulösen.
Es hängt viel davon ab, ob man den Grat bemerkt zwischen selbstbewusster anthroposophischer Identität und bekenntnishaftem Eifer, durch den Einwände unmittelbar als Angriffe missverstanden werden.
Eine Zwischenbemerkung: Ramon Brüll beklagt den Begriff des ‹Generalsekretär› als anachronistisch und erinnert an die gleichlautenden Bezeichnungen innerhalb der ehemaligen Sowjetunion. Hier weiß ich nicht, ob Ironie am falschen Ort oder zu große Eile schuld sind, denn für einen Koordinator mit repräsentativen Aufgaben gibt es keinen besseren Namen als ‹Generalsekretär›. Genau aus diesem Grund wählen auch Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen für ihre Leitungsfunktionen die Bezeichnung ‹Generalsekretär›.
Natürlich ruft einiges in der Anthroposophischen Gesellschaft nach Verwandlung und es hängt viel davon ab, ob es gelingt, anthroposophische Identität von Bekenntnistum unterscheiden zu können. Die Frage aber nach dem Sinn der Anthroposophischen Gesellschaft beantwortet sich erst dann, wenn man - ähnlich wie bei der Charakterisierung eines Menschen - über ihren gegenwärtigen Zustand hinausgeht und zwei weitere Perspektiven einnimmt, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft:
Betrachtet man sie aus ihrer Vergangenheit, dem visionären Gründungsakt von Rudolf Steiner an der Weihnachtstagung 1923/24, so spricht alles dafür, sich für den Fortbestand der Gesellschaft zu engagieren. Denn durch die Existenz der Anthroposophischen Gesellschaft bleibt ihr Gründungsimpuls mit all den zukunftsträchtigen Ideen, ob bereits verwirklicht oder noch immer erhofft, lebendig. Rudolf Steiner selbst scheint durch den Leib dieser Gesellschaft greifbarer. Die Anthroposophische Gesellschaft, die nicht zuletzt durch ihren Ursprung ihren Glanz erhält, darf und muss immer wieder zurückgreifen und sich auf ihre Wurzeln besinnen. Denn dieser Rückgriff kann völlig frei von Nostalgie geschehen. Er stellt sich für die meisten Mitglieder sehr konkret. So spielten für meine anthroposophische Bildung Jörgen Smit und Georg Glöckler eine wichtige Rolle und durch sie beispielsweise Elisabeth Vreede und Louis Locher-Ernst. Es ist ein biographisch menschliches Netzwerk in der Zeit, für das die Gesellschaft den Leib bildet.
Welche Zukunft könnte die Anthroposophische Gesellschaft haben in Bezug auf die allgemeine Öffentlichkeit? Bodo von Plato hat in den ‹Infoseiten Anthroposophie› im Frühjahr ein interessantes Phänomen geschildert: Zu Rudolf Steiners Persönlichkeit gehört, dass zu ihm weder aus großer Nähe noch aus der Distanz ein unmittelbar unbefangenes Verhältnis möglich ist. Erst aus einer engagiert-erkennenden und lebensvollen Begegnung wächst ein souveränes und freies Verhältnis. Gerade danach sucht die Öffentlichkeit, und ich vermute, dass von den anthroposophischen Einrichtungen dieses autonome Verhältnis zu Rudolf Steiner und zur Anthroposophie kaum vermittelt werden kann. Das ist eine der interessantesten Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft selbst beziehungsweise genauer der Menschen in dieser Gesellschaft. 

Situatives Erkennen 


Oft zeigen sich die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft unerwartet: An einer Podiumsveranstaltung im Paracelsus-Zweig Basel beschrieb ein Mitglied, dass es viele Jahre anthroposophische Literatur gelesen, viel Wissen gesammelt hätte, doch nun niemand da sei, der ihn nach seinem Wissen fragen würde - es würde nutzlos brachliegen. Es war erschütternd zuzuhören. Wo kann das Sterben und Loslassen von Wissen und seiner Auferstehung in neuen Fähigkeiten geübt werden? Wenn die Anthroposophische Gesellschaft in der Welt stehen will, dann sind deren Probleme auch ihre Probleme. So ist es auch hier: Dass Begriffe, dass Denkformen mit dem Übertritt ins 21. Jahrhundert verabschiedet und neu gefunden werden müssen, dass an die Stelle von Rezepten situatives Erkennen treten muss, scheint heute selbstverständlich. Und wo sollte dieser Prozess im Hinblick auf die Anthroposophie stattfinden, wenn nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft?
Es gibt zentrale Fragen, nach deren Antwort unsere Zeit sucht. Es wäre anmaßend zu glauben, dass in der Anthroposophischen Gesellschaft diese Antworten greifbar wären, aber mir fällt kein kompetenteres Forum ein als dasjenige, was die Anthroposophische Gesellschaft zu bilden in der Lage ist oder sein könnte. Eine solche Frage ist der Religionsfriede. Am Goetheanum fand ein Kulturtag zur Innenseite des Islam statt mit Christine Gruwez, Joachim Daniel und Mahmud Kilic, Generalsekretär des islamischen Rates aus Istanbul. Es ging um die Verständigung der Religionen. Ein Wort, das leicht über die Lippen ging, bis die Frage nach dem Verhältnis zum Bösen auftauchte. Da öffnete sich bei allem gegenseitigen Respekt ein Abgrund zwischen der christlichen und der islamischen Vorstellung. Wer, wenn nicht Anthroposophen und die Anthroposophische Gesellschaft, wird hier Raumschaffen können, dass diese gegensätzlichen Welterklärungen sich verstehen können? Es mag anmaßend sein, hier eine Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft zu sehen, aber es erinnert daran, dass die Anthroposophische Gesellschaft nicht programmatisch zu fassen ist. Sie dient keinem definierten Zweck, sondern findet ihre Erfüllung, ihren Sinn immer wieder neu, und genauso oft bleibt sie hinter diesen Möglichkeiten zurück. Nicht die Anthroposophische Gesellschaft muss sich auflösen, sondern ihr Kleid, ihr Leib muss sich an vielen Stellen wandeln und neu erscheinen. Das geschieht gegenwärtig in einem hohen Tempo.
Woran liegt es, dass der Satz von Heinrich Böll: «Das Christentum hat noch gar nicht angefangen» einer der großartigsten Sätze über die europäische Religion im 20. Jahrhundert ist? Weil sich in ihm nicht aus der Gegenwart, sondern mit visionärer Kraft aus der Zukunft das Urteil bildet.

Wolfgang Held aus Nachrichten für Mitglieder Nr. 1–2/09

Goetheanum
Postfach
CH-4143 Dornach 1
Tel. +41 (0)61 706 42 61
Fax +41 (0)61 706 44 17
wolfgang.held@goetheanum.ch

Zurück