News

News

Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

 … >>

Goetheanum

Fachbibliothek Heilpädagogik wird in Goetheanum-Bibliothek integriert

Seit Oktober 2018 werden die rund 7000 Titel der Fachbibliothek Heilpädagogik und Sozialtherapie des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development in die öffentliche Goetheanum-Bibliothek integriert.

 … >>

DieDrei

DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

 … >>

Wie entsteht christliche Moral?

Ethik und Erziehung

Von: Ulrich Meier
Ein Blick in die pädagogische Literatur des 18., 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zeigt auch für die Frage der ethischen Erziehung die Besonderheit des pädagogischen Ansatzes Rudolf Steiners, der zuerst in dessen Schrift »Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft«1 entwickelt wurde. Anders als die meisten seiner Zeitgenossen versteht Steiner das Kind nicht zuerst als Objekt erzieherischer Einflussnahme, sondern als Subjekt seiner Entfaltung. Er setzt konsequenterweise den Beginn aller Pädagogik in der Selbsterziehung der Erziehenden. Das fundamentale Prinzip seiner pädagogischen Anschauung findet er in dem Wortpaar »Vorbild und Nachahmung«. Für die Moralerziehung bedeutet das: Alles, was sich Pädagogen an moralischer Grundhaltung und ethischem Verhalten von Kindern erwarten, haben sie diesen zunächst vorzuleben. Mit dem Beginn des Schulalters kommt eine zweite Ebene pädagogischen Handelns hinzu. Durch das Erzählen geeigneter bildhafter ­Geschichten kann das Kind von da an auch auf diesem Wege seine inneren Heldinnen und Helden finden, die es sich zum ­Vorbild ­nehmen kann. Die Seele findet eine zweite Schicht ­ethischer Bildung in einer vom Kind gesuchten Nachfolge. Rudolf Steiner nennt als Grund­lage dieser narrativ zu gestaltenden ­Erziehung die Stichworte »Autorität und Nachfolge«. ­Anders als in der damaligen pädagogischen Literatur und Praxis handelt es sich hier aber nicht um eine Erziehung zum »unbedingten Ge­horsam«, sondern die Hauptbedingung dieser Art ­Nachfolge ist darin zu sehen, dass das
Kind den »Autoritäten« folgen wird, deren ­Handeln in ihm ein Feuer des Nacheiferns ­entfacht. Für die ethische Bildung im Jugendalter kommt eine dritte Qualität zu den beiden bisher entfalteten hinzu: In einem Gegenüber auf Augenhöhe können »Verträge« ausgehandelt werden, nach denen sich auch das ethisch-moralische Handeln der Beteiligten zu richten hat. Steiner nennt als die beiden erzieherischen Stichworte für diese dritte Phase »Takt und Urteil«. Während das Wort »Takt« stärker auf den Respekt des Erwachsenen vor dem Jugendlichen zielt (im Sinne einer inneren Distanz), versteht Steiner das Wort »Urteil« mehr wie eine Begegnung: Idealerweise kommt man dabei in einer gemeinsamen Beurteilung zu einer Übereinkunft. Ethos von außen – Ethos von innen Es ist das Verdienst von Christoph Lindenberg, ein Verständnis von Rudolf Steiners durchaus kritischer Haltung gegenüber dem Kirchenchristentum seiner Zeit erschlossen zu haben. In seinem Buch »Individualismus und offenbare Religion«2 beschreibt er das Ringen Steiners um einen Zugang zum Christentum, der sich mit seiner individualistischen Philosophie und Lebenshaltung verträgt. Steiners Problem mit dem religiösen Prinzip der Offenbarung ist nach Lindenberg nicht im Inhalt der Offenbarung zu suchen, sondern es tritt dort auf, wo »... sie dem Menschen sagt, was er denken, was er tun, was er empfinden und glauben soll« (Seite 35). Für den Bereich der Ethik geht es demnach um die Frage, ob Moral von außen implementiert werden kann oder darf oder ob nicht erst dann von Moral gesprochen werden kann, wenn sie aus dem Subjekt des entsprechenden Menschen selbst hervorgeht. Die Frage, wer oder was sich in der Offenbarung ausspricht, bedarf einer Klärung durch den, der sie empfängt. Lindenberg beschreibt es folgendermaßen: »Unterwirft sich der Mensch einer ›Offenbarung‹, so nimmt
die Selbstbestimmung des Menschen den Umweg über die scheinbare Fremdbestimmung« (Seite 36). Rudolf Steiners »Philosophie der Freiheit« löst die Ausgangsfrage, wie der handelnde Mensch geistig frei sein kann, indem auf die Liebe zu dem Motiv seiner Handlung verwiesen wird. Demnach ist nicht entscheidend, woher das Motiv des Handelns stammt, sondern ob es eine positive Beziehung des Ich zu dem Inhalt dieses Motivs geben kann. Religionen, die das Einhalten von Gesetzen und Geboten ohne Rücksicht auf diese innere Beziehung des Ich zum Inhalt seiner Handlungsmotivation fordern, erwarten die Bereitschaft der Menschen, sich unhinterfragt einer Fremdbestimmung zu unterwerfen. Bevor wir der Frage nachgehen, wie das Verhältnis von Gesetz und Freiheit für die Entwicklung menschlicher Moral positiv veranlagt werden kann, sei noch ein Blick auf die eingangs genannte pädagogische Literatur geworfen, deren Ansichten auch zu Steiners Zeit noch weit verbreitet waren. In dem Sammelband von Katharina Rutschky »Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung«3 finden sich zahlreiche Beispiele dafür, welche Auswirkungen ein Bild vom Kind nach sich ziehen, das erst von seinen Erziehern aus dem Zustand der Unmoral eines Wilden zur Moral eines Kulturmenschen gebracht werden muss. »Schwarze Pädagogik« J. Sailer schreibt in seinem Buch »Erziehung für Erzieher« (2. Aufl. 1809): »Wer den Zögling gut bilden will, muss von dem Grundsatz ausgehen, dass die moralische Erziehung a) weiter nichts ist, als ein Defensiv- und Offensivkrieg wider alles Böse und für alles Gute ...« Sein Kollege C.G. Salzmann hat in seinem Ratgeber von 1796 anschaulich beschrieben, wie solche Kriegshandlungen ausgesehen haben. Deren erklärtes Ziel war es, den Eigenwillen des Kindes zu brechen und es zu einem Gehorchen »aufs Wort« zu dressieren. In einer der Geschichten geht es um einen Vater, der seinem Sohn, Konrädchen genannt, abverlangt, dem besuchsweise anwesenden Christelchen seine Puppe zu überlassen. Nach mehrfacher, sich intensivierender Aufforderung mit Worten folgt schließlich die Androhung von Schlägen mit der Rute, woraufhin Konrädchen die Puppe auf den Boden wirft. »Gott, wie erschrak ich darüber«, berichtet der Vater weiter. »Ich glaube, wenn mir die beste Kuh im Stalle gefallen wäre, es hätte mir so ­einen Schreck nicht verursacht.« Vom Schrecken des Kindes ist hier und im Folgenden leider nicht Rede. Wohl aber von dem »Manöver« des zornigen Vaters, der seinen Sohn vor der Milde der Mutter in ein anderes Zimmer trägt. Nach dem Verprügeln, das schließlich das erwünschte Verhalten nach sich zieht, heißt es über Konrädchen: »Nun lief er laut schreiend zur Mutter und wollte seinen Kopf in ihren Schoß legen. Diese hatte aber soviel Verstand, dass sie ihn zurückwies und sagte: Geh, bist kein guter Konrad.« Der Vater klagt daraufhin über Herzweh, hat keinen Appetit und holt sich endlich Trost beim Herrn Pfarrer, der ihm folgende Predigt hält: »Wenn die Nessel noch jung ist, so kann man sie leicht ausraufen; lässt man sie aber lange stehen, so wachsen die Wurzeln, und wenn man sie hernach ausraufen will, so bleiben die Wurzeln stecken. Mit den Unarten der Kinder ist es ebenso. Je länger man ihnen nachsieht, desto schwerer sind sie hernach wegzubringen. (...) Da nun bei seinem Konrädchen die Hiebe noch im frischen Andenken sind, so rate ich ihm, dass er diese Zeit benutze. Wenn er nach Hause kommt, so kommandiere er ihn fein oft. Lasse er sich Stiefeln, Schuhe, Tabakspfeife beiholen und wieder wegtragen; lasse er ihn die Steine im Hofe von einem Platz zum andern legen. Er wird alles tun und sich zum Gehorsam gewöhnen.« Missbrauch von Religion Der Vater des Konrädchen handelt weder vorbildhaft moralisch, auch schafft er keine Gelegenheit, die es seinem Sohn ermöglichen würde, einen eigenen ethischen Impuls zu entzünden, noch bereitet er einen Boden, auf dem der in Zukunft vertragsfähige Junge eine Vereinbarung auf Gegenseitigkeit schließen könnte. Am Rande der grausamen Geschichte wird bereits angedeutet, wie die Berufung der Pädagogen auf Religion und Gott mit einer demütigenden und verletzenden »Erziehung« einhergehen konnte. Die Überschriften weiterer Auszüge aus pä­dagogischen Ratgebern sprechen Bände: »J. H. Campe: Notwendige Willkür des ­irdischen ­Vaters als Vertreter des himmlischen (1779)«, »B. Blasche: Der Erzieher ist ein Organ der Gottheit (1828)«. Wie schnell wird Gott als pädagogische Instanz bemüht, wie einfach lassen sich Misshandlung und Übergriff durch den Verweis auf die jenseitige Instanz Gottes rechtfertigen und begründen! In seinem Büchlein »Gottesvergiftung« (1980) schildert der Psychoanalytiker Tilmann Moser, wie ihm in seiner Kindheit durch subtile und offene Drohung mit göttlicher Überwachung und Bestrafung jeder eigene Zugang zu einem menschlichen Gott verbaut wurde. Auch die Arbeiten von Alice Miller (z.B.: »Du sollst nicht merken«) entlarven die unheilvolle Allianz von gewaltförmiger »Erziehung« und einem entsprechenden Umgang mit Religion. Neutestamentliche Ethik Die abschließende Frage dieses Beitrags zielt darauf, ob und wie sich in den anfangs angedeuteten Schritten eine stufenweise Entwicklung ethisch-moralischer Impulse bei Kindern und Jugendlichen fördern lässt, die in einer zeitgemäßen Art auf das Neue Testament bezogen werden kann. Jesus setzt vor allem in den Lehrreden für seine Jünger auf ein das Gesetz ergänzendes Element, das unmittelbar an die Worte von Vorbild und Nachahmung anschließt: Das christliche Prinzip der Nachfolge beschreibt nichts anderes als eine Anregung zur Selbsterziehung nach dem Vorbild des Handelns Christi. Als Beispiel sei hier auf den Rangfolgestreit der Jünger verwiesen, auf den Christus antwortet: »Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen; wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an allen bereit sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben« (Mk 10,43–45). Die Bilderwelt des Neuen Testaments als solche bildet für den, der mit ihr lebt, eine nährende Schicht in der Seele, aus deren Kraft sie sich immer wieder neu ethisch erheben und aufrichten kann. Vielleicht sind die Evangelien als »Bilderbücher« die stärksten Förderer eines moralischen Entwicklungsweges. Voraussetzung für diese Wirkung ist aber, dass die Beziehung zu diesen Bildern aus einer entschiedenen Bewegung des Ichs aufgenommen wird. In der Bergpredigt Jesu findet sich wohl am ehesten die Sphäre, die der jugendlichen Moralerziehung entspricht. Christus spricht auch hier von einer Ergänzung des Gesetzes, das ja seine Moral stiftende Wirkung zunächst von außen entfaltet: »Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen« (Mt 6,17). Welche andere Möglichkeit gibt es, in diesem Sinne mit dem Gesetz umzugehen, als es sich selbst anzueignen? Wer das Gesetz in sich trägt, der befolgt es nicht mehr, sondern erfüllt es mit dem, was sich in seinem Handeln als Eigenes ausspricht. In der Wendung, die Christus in dieser großen Lehrrede vollzieht, wird auch noch auf andere Weise die Beteiligung des Ichs als Quelle der Moral erkennbar: »Ihr wisst, dass zu den Vorfahren gesagt worden ist: ›Du sollst keinen Mord begehen! Wer einen Mord begeht, soll vor Gericht gestellt werden.‹ Ich aber sage euch: ­Jeder, der auf seinen Bruder zornig ist, gehört vor Gericht« (Mt 6,21–22). Das bedeutet vermutlich zweierlei: Über eine solche subtile Schuld im tiefsten Innern kann kein Richter von außen urteilen. Außerdem wird es sinnlos, Schuld absolut zu vermeiden, da kaum ein Mensch eine Gefühlsregung wie die des Zorns verhindern kann. Wichtiger als das Vermeiden der Schuld wird der verantwortliche Umgang mit der eingetretenen Schuld. Damit wird auf das Ethos der autonomen Tat verwiesen, die das Ich ganz in die Verantwortung nimmt.                 *** Inhalt | Die Christengemeinschaft | Januar 2017 *** 1  Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Lucifer-Gnosis, Nr. 33,
Mai 1907 2  Christoph
Lindenberg:
Individualismus und offenbare Religion, Stuttgart ²1995 3  Berlin 1977 ________________________________

Kontakt

Sekretariat der Redaktion: Katrin Blumenstock
Landhausstraße 82, 70190 Stuttgart
Telefon: 0711 | 2 85 32-48
Telefax: 0711 | 2 85 32-45 |
Mail: katrin.blumenstock@urachhaus.com Anschrift der Redaktion:
Postfach 13 11 22, 70069 Stuttgart
Telefon: 0711 | 2 85 32-43
Telefax: 0711 | 2 85 32-45
Mail: Redaktion_CG@t-online.de Abonnentenservice und Einzelhefte: Antje Breyer
Telefon: 0711 | 2 85 32-00
Telefax: 0711 | 2 85 32-10
Mail: aboservice@urachhaus.com Anzeigenservice: Simone Patyna
Telefon: 0711 | 2 85 32-32
Telefax: 0711 | 2 85 32-11
Mail: anzeigenservice@urachhaus.com

Zurück