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Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

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Goetheanum

Fachbibliothek Heilpädagogik wird in Goetheanum-Bibliothek integriert

Seit Oktober 2018 werden die rund 7000 Titel der Fachbibliothek Heilpädagogik und Sozialtherapie des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development in die öffentliche Goetheanum-Bibliothek integriert.

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DieDrei

DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

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Wieviel Islam tragen wir in uns?

Goetheanum-Tagung „Arabische Kultur und Europa“

Von: NNA-Korrespondent Wolfgang G. Vögele

Kulturtagung „Arabische Kultur und Europa“

DORNACH (NNA). Vorurteile, Ängste oder schlicht auch Unwissenheit kennzeichnen heute das Bild des Islam bei vielen Menschen in den europäischen Ländern. Auch in der anthroposophischen Bewegung besteht mindestens ein Informationsdefizit zu dem Thema - trotz vieler erfolgreicher kultureller und sozialer Projekte im arabischen Kulturraum, von denen Sekem in Ägypten wohl das bekannteste sein dürfte. Wie kann man das Verhältnis von „Christentum und Islam“ bestimmten und wo hat die Anthroposophie darin ihren Platz? Diesen Fragen wollte die Sektion für Schöne Wissenschaften am Goetheanum mit einer Kulturtagung „Arabische Kultur und Europa“ auf den Grund gehen, die im Februar in Dornach stattfand. Rund 200 Besucher hörten die Vorträge der Islamwissenschaftlerin Mirja Cordes und des Orientalisten, Waldorflehrers und Buchautors Bruno Sandkühler. Beide Referenten konnten auch aufgrund eigener beruflicher Erfahrungen in den arabischen Ländern zahlreiche Fragen beantworten. „Wir haben immer das Bewusstsein, dass unsere Kultur vor allem auf dem Griechisch-Römischen beruht“, stellte Sandkühler fest. Diese einseitige Auffassung solle mit dieser Tagung etwas erschüttert werden. Denn allzu lange sei verdrängt und vergessen worden, was der Westen den Arabern verdanke: nämlich das sich auf Beobachtung und Experiment stützende wissenschaftliche Denken. Erst mit der Klassik (Goethe, Herder) habe man sich wieder der orientalischen Kultur zugewandt, etwa der persisch- arabischen Dichtung. Heute würden wir uns immer stärker des europäisch-arabischen Kulturaustausches bewusst, der im 7. Jahrhundert eingesetzt und jahrhundertelang angedauert habe. Ein Ziel dieser Tagung war es denn auch, die Vielfalt dieser Wechselwirkungen möglichst umfassend aufzuzeigen, um eine breitere Urteilsgrundlage für die gegenwärtigen Weltlage zu gewinnen. Ein einleitender Vortrag über „Sterne, Wasser, Stein – Arabien vor dem Islam“ machte den kulturellen Boden sichtbar, auf dem der Islam als neue Weltreligion entstehen konnte. Mirja Cordes skizzierte dann in eindrücklicher Weise „Mohammed und seine Gefährten. Die Begründung des Islam.“ Bruno Sandkühler schilderte anschließend unter dem Titel „Von der Eroberung Spaniens bis zur neuen Naturwissenschaft – Der arabische Impuls in Europa“ die rasante Ausbreitung der neuen Religion in ihren verschiedenen Strömungen. Die bereits 271 n.Chr. gegründete „Akademie von Gondishapur“ (Persien, heute Iran), die als erste Universität der Welt gilt, wurde im 7. Jahrhundert muslimisch; ihre Forschungs- und Lehrmethoden wurden im 9. Jahrhundert in Bagdad von der konkurrierenden Institution „Haus der Weisheit“ übernommen und zur Blüte gebracht. Hier wurden zahllose wissenschaftliche Texte aus Indien, Persien und anderen Ländern gesammelt und ins Arabische übersetzt, vor allem aus den Bereichen Medizin und Mathematik. Schon damals bildete sich eine Spannung, eine Art Konkurrenz zwischen naturwissenschaftlich-materialistischer Forschung und religiös-traditionell fixierter Koranwissenschaft. Diese Wissenschaft, nicht nur der Islam, wirkte auf Europa. Das türkisch-osmanische Element war mehr religiös, das arabische mehr naturwissenschaftlich. Unter „Arabismus“ habe Rudolf Steiner nicht den Islam, sondern jene materialistische Naturwissenschaft verstanden, die sich zuerst von Gondishapur, später von Bagdad aus entfaltet und verbreitet habe. Nach Steiner bedeutete diese „bewunderungswürdige Wissenschaft der Araber“ eine verfrühte Entfaltung der Bewusstseinssele und des Intellektualismus. Durch den fortwährenden Austausch mit dieser Wissenschaft sei die christliche Zivilisation befruchtet worden, es sei aber auch der philosophische Nominalismus entstanden, für den Ideen keinen spirituellen Inhalt mehr gehabt hätten. Es gebe, so Sandkühler, noch etwa 200.000 unveröffentlichte arabische wissenschaftliche Schriften, die vieles „Moderne“ vorwegnehmen, etwa eine Art darwinistischer Evolutionstheorie und sogar quantenphysikalische Ansätze, deren Auswirkungen aber durch den religiösen Islam gebremst worden seien. Sandkühler zufolge sind die arabischen und gebündelten vorarabischen (indischen, persischen) Impulse in drei Schichten nach Europa transportiert worden: in der schriftlich überlieferten, in der mündlich weitergegebenen und in der (historisch nicht fassbaren) übersinnlich hereinwirkenden (rein esoterischen) Strömung. Die Esoteriker arbeiteten multireligiös zusammen. Nur eine dieser Gruppen ist historisch bekannt: die „lauteren Brüder“ (10. Jahrhundert), islamische Mystiker aus Basra, die eine Enzyklopädie publizierten, in der auch Pythagoras genannt wird. Diese esoterische Strömung taucht in der hermetischen Tradition des europäischen Mittelalters und der Renaissance wieder auf. Auch in den Gralsdichtungen wird auf arabische Quellen verwiesen. Trithemius von Sponheim beruft sich in seiner Lehre von den Regenten der Zeitalter ebenfalls auf arabische Quellen. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts, mit der maurischen Eroberung Spaniens, habe an den christlich-islamischen Grenzen eine Art kultureller Osmose stattgefunden. Cordoba und Granada entwickelten sich zu neuen Wissenszentren. Der persische Gelehrte Avicenna (um 1000) und der spanisch-arabische Philosoph Averrhoës (um 1150) wirkten auf den Sufismus, die islamische Mystik. Aristoteles wurde zuerst von den Arabern wahrgenommen, eher er in der Scholastik als Teil der christlichen Überlieferung galt. Die Gelehrten des Hochmittelalters studierten gründlich die arabischen Schriften in lateinischer Übersetzung, wie etwa der Franziskaner Roger Bacon (um 1250), der die Unwissenheit seiner Zeit beklagte und mehr Experimente forderte. Er gilt als der geistiger Vorläufer seines Namensvetters Francis Bacon (um 1600, Baco von Verulam), der die empirischen Wissenschaften begründete. Auch der jüdische Philosoph Maimonides (13. Jahrhundert) schrieb arabisch. Allmählich verlor die Religion an Überzeugungskraft und das wissenschaftliche Denken trat in den Vordergrund. Auch während der Renaissance wurden arabische Quellen neu entdeckt. Der Frühhumanist Nikolaus von Kues (1401-1454) ließ Koranübersetzungen herstellen und plädierte für eine Harmonisierung der Religionen. Im Werk des Philosophen Pico della Mirandola (1463-1494) gibt es viele Parallelen zu arabischen Schriften. Er plante eine Art Weltkongress der Wissenschaftler einzuberufen, was ihm aber von der Kirche untersagt wurde. So hätte eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Esoterik entstehen können. Der europäisch-arabische Kulturaustausch fand erst sein Ende, als Anfang des 17. Jahrhunderts die letzten Araber aus Spanien vertrieben wurden. Kaum wissenschaftlich erforscht sind manche kulturellen und wirtschaftlichen Folgen des Austausches, so geht das aufkommende Bankwesen und der bargeldlose Zahlungsverkehr auf den Templerorden zurück, der ein Bindeglied zwischen Arabien und Europa darstellte. Bis heute gelte ein unverbrüchlicher Fortschrittsglaube, dem zufolge alle Probleme – Klima/Soziales – durch Wissenschaft lösbar seien. Obwohl maßgebliche Politiker nicht merken, dass dies in eine Sackgasse führt, werde doch auch eine Gegentendenz sichtbar, die in einer Spiritualisierung der Wissenschaften bestehe – so die These von Bruno Sandkühler. Ein Vortrag von Mirja Cordes beleuchtete die aktuelle Situation der arabische Kultur, gab Einblicke in fundamentalistische Auslegung des Islam, wie sie in Saudi-Arabien praktiziert wird. Unter anderem wurde auch das Palästinaproblem erörtert. Im Sinne einer Selbsterkenntnis sollten wir uns fragen, wie es mit unserer eigenen Kultur bestellt sei, wie weit auch wir eine starre Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit in uns tragen, forderte die Referentin. Wieviel Informationsbedürfnis im Publikum herrschte, zeigte sich auch darin, dass eine zusätzliche Stunde anberaumt wurde, in der die Referentin Rede und Antwort stand. „Arabismus“ im Sinne von Steiner habe nichts mit den Arabern zu tun, so Cordes. Mohammed sei zwar Araber, aber kein Arabist gewesen. Die für viele Christen gewalttätig oder frauenfeindlich klingenden Stellen im Koran müssten in ihrem historischen Kontext verstanden werden. Den gleichen Vorwurf könne man auch Bibeltexten machen, die auch nicht völlig „gewaltfrei“ seien. Es gebe plurale Islam-Interpretationen. Schon der Begriff „Ungläubige“ werde je nach Lehrschule anders definiert. Wer diese heiligen Schriften zu eng interpretiere, nähere sich der Auffassung der radikalen Atheisten, für die jede Religion „gewalttätig“ sei. Eine schematische Einteilung von Weltanschauungen oder Religionen, wie sie Anthroposophen manchmal nach dem Schema „ahrimanisch“ oder „luziferisch“ vorgenommen hätten, lehnte sie ab. Sandkühler wies im Abschlussplenum auf die arabischen Staaten als Wirtschaftsfaktor hin: Mit der Ölförderung sei eine ungeheure Wirtschaftsmacht in die arabische Welt geflossen. In Saudi-Arabien und den prosperierenden Golf-Anliegerstaaten habe sich gleichsam Feuer mit Wasser verbunden: arabische starre Stammesmentalität plus westliche Hypermodernität. In Dubai – wo eine Waldorfinitiative in Gang gekommen sei – etwa spiele nur Technik eine Rolle, nicht der Islam. Das erwirtschaftete Geld fließe teils in die terroristische Al Qaida-Organisation, teils in den Moscheenbau in Europa. Sandkühler riet, sich auch bezüglich des Korans in muslimische Gesprächspartner hineinzuversetzen, wenn es zu einem Dialog kommen solle. Weitere Fragen betrafen das Verhältnis von Islam und Anthroposophie. So sei zwar der Reinkarnations-Gedanke mit dem orthodoxen Islam unvereinbar, doch gerade in der islamischen Esoterik (Sufismus) gebe es manche Überlieferung, die eine Verständigung mit der westlichen Esoterik ermögliche. Sandkühler forderte eine Aufklärung im Rahmen unseres Bildungssystems zum Thema Islam. Auch in den westlichen Medien werde der Islam in respektloser Weise behandelt, so etwa, wenn betende Moslems meist von hinten gefilmt werden. Eine Schweizerin befürchtete, nach dem Minarettverbot in der Schweiz als Touristin in arabischen Ländern diskriminiert zu werden. Sandkühler dazu: „Fragen Sie ruhig zurück: Wie steht es in Ihrem Land mit dem christlichen Kirchenbau?“ Ein zum Thema passendes künstlerisches Rahmenprogramm ergänzte die Referate: Friedrich Rückerts und Goethes Übertragungen persischer Dichtungen (Hafis) und sein daran anknüpfendes Gedicht „Selige Sehnsucht“ (aus dem „West-östlichen Diwan“), aber auch zeitgenössische Gedichte aus dem arabischen Raum wurden eurythmisch dargestellt. Die Teilnehmer hatten außerdem Gelegenheit, eine Aufführung der Goetheanumbühne mit Lessings Drama „Nathan der Weise“(Regie: Torsten Blanke) zu besuchen, das bekanntlich das Verhältnis der drei monotheistischen Weltreligionen thematisiert und vom Toleranzgedanken der Aufklärung beherrscht wird. Zum Abschluss der Diskussion schließlich rezitierten beide Referenten die Eröffnungs-Sure des Korans, die eine ähnliche Funktion erfüllt wie das Vaterunser im Christentum. Mit Eurythmie zum Goethegedicht „In tausend Formen...“ aus dem „Buch Suleika“ und zum arabischen Gedicht „Psalm“ des Syrers Adonis (geb. 1930) klang die Tagung aus. End/nna/vog Bericht-Nr.: 100316-02DE Datum: 16. März 2010 © 2010 News Network Anthroposophy Limited (NNA).

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