News

News

Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

 … >>

Goetheanum

Fachbibliothek Heilpädagogik wird in Goetheanum-Bibliothek integriert

Seit Oktober 2018 werden die rund 7000 Titel der Fachbibliothek Heilpädagogik und Sozialtherapie des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development in die öffentliche Goetheanum-Bibliothek integriert.

 … >>

DieDrei

DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

 … >>

Wo steckt unser Ich?

a:2:{s:4:"unit";s:2:"h3";s:5:"value";s:233:"Das in diesem Buch dokumentierte Symposium im Rudolf Steiner-Haus in Stuttgart im Herbst 2007 ist ein Hinweis auf die geistige Natur unseres Ichs und seine Einheit mit dem Ganzen - Beiträge zu einer "sphärischen

Von: Nadine Aeberhard-Josche



Das vorliegende Buch ist die Dokumentation einer dritten Tagung in Folge im Rudolf Steiner-Haus in Stuttgart im Herbst 2007. Vorangegangen war die erste Zusammenkunft von Wissenschaftlern mit der Fragestellung "Wer strukturiert das menschliche Gehirn?", an die sich das zweite Symposium mit der Frage "Gehirn, Leib und Geist" anschloss. "Wo befindet sich unser Ich, wenn unser Bewusstsein gar nicht auf die Grenzen unseres Leibes beschränkt ist?" war die Ausgangsfrage des nun hier dokumentierten dritten Symposiums, mit dem sich Prof. Gernot Böhme von der Universität Darmstadt, Prof. Thomas Fuchs von der Uniklinik Heidelberg, Dr. Jan Vagedes, Uniklinik Tübingen und der Autor der Dokumentation Andreas Neider auseinandersetzten und Beiträge lieferten zu einer "sphärischen Anthropologie"

Ausgangspunkt sind neueste Erkenntnisse der Hirnforschung, die Entdeckung der sogenannten »Spiegelneuronen«. Die Annahme, dass unser Bewusstsein nicht so isoliert von dem Bewusstsein anderer Menschen ist, fordert seither die phänomenologische und philosophische Wissenschaft heraus. Wo steckt unser Ich? Was bedeutet dies konkret?

Andreas Neider (Buchautor und Veranstalter) leitet in seinem Vorwort in die Problematik der Fragestellung ein und setzt Hoffnungen auf die Interaktion verschiedener Disziplinen der Natur- und Geisteswissenschaft, die den ganzen menschlichen Leib und nicht nur die Gehirntätigkeit an der Entstehung des Bewusstseins teilhaben lassen. Diesem Grundgedanken entspringen auch die genannten Symposien.

Zwischenmensch

Gernot Böhme ist Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Universität Darmstadt. Sein kulturphilosophischer Text «Zwischen-Mensch und Mensch» gibt den Wortlaut seines Vortrages wieder. Seine These: das Ich, so wie wir es mit Selbständigkeit, Spontaneität und Autonomie in Verbindung bringen, kann im isolierten Individuum lokalisiert werden. Sein Ansatz basiert auf Bin Kimuras Werk "Zwischen Mensch und Mensch: Strukturen japanischer Subjektivität", das auf dem sprachlichen Phänomen bei den Japanern gründet, die im Gegensatz zu unserem westlichen Subjektbegriff, der Identität, viele verschiedene Ausdrücke, jeweils in Abhängigkeit des Mitmenschen benützen. Das Zwischen als der Quellgrund, so beschreibt es Kimura, aus dem sich das Ich selbst findet, liegt ausserhalb meiner selbst. So bedeutet das Zeichen für Menschen bei den Japanern "Zwischenmensch". Böhme sieht das Ich als ein sekundäres Produkt an, dass sich durch Absetzung von unseren primären sozialen Beziehungen, der Emanzipation von dem Familien-Wir, konstituiert. Vor allem aber ist für Böhme das Ich auch als ein Produkt der Selbstdistanzierung von leiblicher Erfahrung aufzufassen. Dies geschieht im Einschlafprozess, wenn das Ich "zerfleddert" und im Schmerzerleben, wo sich das Ich als Bewusstsein vom Schmerz distanzieren kann. Böhme geht in seiner These sogar so weit, dass er das Ich nicht als Existenz, sondern als Distanzierungsleistung des Subjekts begreift.

Semantische Transparenz

Der Mediziner und Philosoph Thomas Fuchs vom "Zentrum für psychosoziale Medizin" der Uniklinik Heidelberg, stellt eine schriftliche Zusammenfassung seiner Ausführungen in Form einer "ökologischen Sichtweise" zur Erfassung der Rolle des Gehirns dar: "Das verkörperte Subjekt". Hier wird das Gehirn, eingebettet in den Organismus, als ein Vermittlungs-, Modulations- und Transformationsorgan für die Interaktionen des Organismus mit seiner Umwelt verstanden. Fuchs verweist auf den Dualismus der dominierenden Paradigmen in den kognitiven Neurowissenschaften, die in ihrem Fokus auf das Verstehen des Gehirns den Leib und das Leben vernachlässigen. Dieser Sichtweise stellt er seinen Ansatz entgegen, in der das Gehirn das Vermittlungsorgan für die Beziehung eines Lebewesens zu seiner Umwelt ist. Bewusstsein entsteht demnach in einem lebendigen, mit der Umwelt vernetzten Organismus innerhalb einer dynamischen Beziehung. Das Gehirn, so Fuchs, ist als ein wesentlich sozial und geschichtlich konstituiertes Beziehungsorgan zu verstehen, dass die Fähigkeit besitzt, die Beziehungen zwischen den einzelnen Reizen in einen höheren Systemzustand umzuwandeln. Dies bezeichnet er als "semantische Transparenz".

Zwischen Zentrum und Peripherie

Der Text des anthroposophischen Mediziners Jan Vagedes von der Uniklinik Tübingen ist eine erweiterte und überarbeitet Fassung seines Beitrages: «Der rhythmische Mensch zwischen Zentrum und Peripherie». Hier steht Räumliches mit zeitlicher Dynamik und Zeitliches mit räumlicher Dimension gegenüber.

Nachdem Vagedes, der auch Oberarzt an der Stuttgarter Filderklinik ist, viele verschiedene anatomische und physiologische Phänomene zum Wechselspiel zwischen Zentrum und Peripherie aufführt, kommt er schliesslich zur These, dass das menschliche Ich sich im Rhythmus zwischen Zentrum und Peripherie befindet. Unser Ich, so Jan Vagedes, befindet sich in zeitlichen Prozessen; es entzieht sich einer Lokalisation.

Der Leib als Spiegel

»Und man wird deshalb zu einer besseren Vorstellung über das Ich erkenntnistheoretisch gelangen, wenn man es nicht innerhalb der Leibesorganisation befindlich vorstellt, und die Eindrücke ihm von außen geben läßt; sondern wenn man das Ich in die Gesetzmäßigkeit der Dinge selbst verlegt, und in der Leibesorganisation nur etwas wie einen Spiegel sieht, welcher das außer dem Leibe liegende Weben des Ich im Transzendenten dem Ich durch die organische Leibestätigkeit zurückspiegelt.«

Mit diesem Satz Rudolf Steiners versucht der Herausgeber Andreas Neider die Brücke aus den vorangegangenen Thesen zu den Einsichten Rudolf Steiners zu schlagen, die dieser bereits vor fast 100 Jahren in einem Vortrag auf einem philosophischen Kongress in Bologna formuliert hat.
Neider hebt die Übereinstimmung der verschiedenen Ansätze zu den Äusserungen von Rudolf Steiner hervor. Dieser gehe noch einen Schritt weiter, in dem er das Ich überhaupt außerhalb des Leibes ansiedelt und letzteren lediglich als seinen Spiegel betrachtet.

Die vorgestellten Ansätze zeigen vor allem für das soziale Leben der Menschen bedeutsame Konsequenzen. Andreas Neider knüpft innerhalb der Steinerschen Bewusstseinsschulung auf zwei Entwickelungsdimensionen an: Das Denken und den Willen. Durch Übungen, wie sie z.B. in Steiners "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" angegeben sind, ist es dem Menschen möglich, neben dem Alltagsmenschen noch einen höheren Menschen in sich zu entdecken. Neider verweist auf Stellen in Rudolf Steiners Werk, die den Menschen dazu führen können, seinen Willen so zu entwickeln, dass er sich seiner Peripherie bewusst wird. Der Mensch tritt sich selbst aus dem Umkreis seines Schicksals entgegen. Ein neues Bewusstsein für den Umkreis des eigenen Schicksals - davor sträubt sich noch das westliche Ich-Empfinden, so Neider. Und je weiter die Selbsterkenntnis des Menschen entwickelt ist, desto besser kann der Mensch zum bewussten Lenker seines Schicksals werden. Die Fragestellung "Wo steckt unser Ich?" bekommt dadurch eine völlig neue Perspektive.

Die in diesem Buch dokumentierten Beiträge sind Hinweise auf die geistige Natur unseres Ichs und seine Einheit mit dem Ganzen. Damit liegt unausgesprochen die Ahnung vor, dass sich das Ich selbst erschaffen muss und durch nichts anderes als sich selbst erschaffen werden kann. Als rein schöpferisches Prinzip entzieht sich das Ich jeder Definition. Die Frage «Wo steckt unser Ich?» impliziert auch die Frage
«Wo steckt Gott?». Mit dieser Fragestellung haben wir die Grenzen der Beweisbarkeit im naturwissenschaftlichen Sinne überschritten.

Über seelisch-geistige Zusammenhänge in der Neurobiologie zu debattieren wird von immer grösserer Bedeutung sein. Zu wünschen ist es, dass es den Forschern auch in Zukunft gelingt, im Austausch der verschiedenen Wissenschaftsbereiche immer näher an die Beantwortung dieser Grenzfragen zu gelangen.


Andreas Neider
Wo steckt unser Ich?
Beiträge zu einer «sphärischen Anthropologie»
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart

ISBN 978-3-7725-2192-8




Zurück