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Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

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Goetheanum

Fachbibliothek Heilpädagogik wird in Goetheanum-Bibliothek integriert

Seit Oktober 2018 werden die rund 7000 Titel der Fachbibliothek Heilpädagogik und Sozialtherapie des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development in die öffentliche Goetheanum-Bibliothek integriert.

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DieDrei

DieDrei - Schwerpunkt: Erde, Mensch und Kosmos

Heft 10, 2018

Grundbegriffe des Landwirtschaftlichen Kurses - Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte - Das leibfreie Bewusstsein in der Meditation

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Zum Tode von Hans-Peter Dürr

Dürrs Denken hatte ausgreifende Konsequenzen, die weit über Physik und Philosophie hinausgingen.

Von: Rüdiger Sünner

Tropfen und das Meer

Gerne denke ich an meine Begegnungen mit Hans-Peter Dürr zurück, der am 18. Mai 2014 gestorben ist. Ich traf ihn zu einem Interview für meinen Film "Das kreative Universum", dessen Berliner Premiere er mit einer feurigen Ansprache ans Publikum beehrte sowie bei einer gemeinsamen Podiumsdiskussion zum Film im Hamburger Rudolf Steiner-Haus. Dürr war ein aufregender Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Spiritualität, auch seine Sprache wechselte ständig zwischen Begriffen und Bildern hin und her. Er sprach nicht medienerprobt in knappen geordneten Sätzen, sondern in Wortkaskaden und Metaphernströmen, die eher nach einem künstlerischen als naturwissenschaftlichen Geist klangen. Man musste auf diesen Wellen mitsurfen, es akzeptieren, dass dieser unermüdlich suchende Geist auch seinen Sprachstil an seine Einsichten aus der Quantenphysik angepasst hat. Danach gibt es in dieser Welt keine Grenzen, nichts Festes, Abgetrenntes, Eingepacktes, Gegenständliches, sondern nur Beziehungen, Kraftfelder, letztlich nicht zergliederbare Zusammenhänge zwischen allen nur denkbaren Phänomen. Dürr beschenkte mich mit vielen Metaphern, etwa der Einsicht, dass die Welt eigentlich so wenig aus Materieklumpen bestehe, wie das Meer aus einzelnen Tropfen. Nur unser Verstand, von der Evolution zum Überleben auf das ständige "Apfelpflücken" trainiert, tue so, als gäbe es überall Greifbares. In Wirklichkeit sei dies eine aus praktischen Gründen ersonnene Fiktion, die uns immer weiter von der eigentlichen Wirklichkeit, dem "grossen Unaufgetrennten", entferne. Dürr unterschied "Wirklichkeit" von "Realität". Realität, abgeleitet von res (lat.Ding), sei die Welt der materiellen Objekte, die wir uns bis in die Atome hinein wie "immer kleinere Äpfel, Äpfel, Äpfel" vorstellten. Wirklichkeit aber komme von Wirken und Wirkung, sei - um mit Meister Eckhart zu sprechen - das, was sich ewig wandelt. Eben keine Apfel- oder Billiardkugelwelt, sondern das Reich der Beziehungen, Gestalten, Wirkverhältnisse und Kräfte, für die wir eigentlich eine neue Sprache bräuchten. Dürr hatte durchaus Humor. Wenn er seiner Frau sage, so erzählte er, dass es keine Materie gäbe, würde die nur mit ihrem gesunden Menschenverstand sagen: "Jetzt bist du endgültig übergeschnappt. Heute auf der Strasse wäre ich beinahe gegen einen Laternenpfahl gelaufen und dann hätte ich sehr wohl die schmerzhafte Erfahrung von Materie gemacht." Er schmunzelte selbst bei diesem Beispiel und wusste natürlich, dass sie Recht damit hat. Aber Dürr meinte mit diesem radikalen Statement etwas anderes. Die eigentliche Wirklichkeit, die uns im Alltag umgibt, sei ja nicht der "langweilige" und "dumme" Stuhl oder Laternenpfahl, sondern das Meer von Ideen, Gefühlen, Plänen, Visionen, aussprechbaren und nicht aussprechbaren Stimmungen, Assoziationen und Bildern, als die die Welt in unseren Köpfen erscheint. Das Dazwischen zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur, das viel eher ein vages und vibrierendes Kräftespiel, als ein vermessbarer Objektbereich sei. Hoffnung, Liebe, Vertrauen, Mut, aber auch das Glitzern des Meeres oder die Schönheit eines Schmetterlingsflügels sind in diesen flüchtigen, energetischen Sphären angesiedelt und nicht durch die definitorische "Apfelpflücksprache" zu fassen. Eher durch eine Sprache, die die Magie von Gestalten und Gestaltübergängen benennen kann: etwa die Kunst, für die Dürr eine grosse Faszination hegte. Dürrs Denken hatte ausgreifende Konsequenzen, die weit über Physik und Philosophie hinausgingen. Das von ihm 1987 gegründete "Global Challenges Network", an dem Wissenschaftler, Ökonomen, Medienleute und Bürgerinitiativen mitarbeiten, versucht seine Philosophie der Vernetzung auch auf Umweltschutz, globale Politik und nachhaltiges Wirtschaften auszudehnen. Doch Dürr - so mein Eindruck - wurde eher von Esoterikern, Buddhisten und spirituellen Gruppen gehört, als von Politikern oder Philosophen. "Die sprechen nicht mit mir", sagt er halb trotzig, halb resigniert, als ich ihn frage, ob er schon mal in den Bundestag eingeladen worden sei oder mit Philosophen wie Habermas und Sloterdijk diskutiere. Vielleicht nahmen sie Dürr nicht ernst, weil er kein Berufsphilosoph war, der sich durch Platon, Aristoteles und Hegel hindurchgekämpft hatte, vielleicht aber auch, weil Dürr in spirituelle Sphären hineinreichte, die in Deutschland unter Akademikern und Politikern immer noch tabu sind. Dabei mochte er selbst den Begriff Spiritualität nicht besonders, da er "zu verbraucht" sei. Der Urgrund von allem, so sagte Dürr eher in der Sprache der Mystiker, sei die totale Lebendigkeit, ein instabiles offenes Etwas, ein Reich von Potentialitäten, die uns aufforderten, kreativ mitzugestalten, ohne dass ein Gott über allem wache oder schon alles im Voraus wisse. Eine euphorische und gänzlich undogmatische Erkenntnis, die jede Begegnung mit ihm so aufregend und anrührend machte.

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