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Wir üben UnsICHerheit

Junge Menschen laden von 28. Dezember bis 1. Januar dazu ein, am Goetheanum einen Raum zum Fragen, zum Üben und zum Staunen freizuhalten. Silvestertagung der Assoziative DREI zu EINS.

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Verantwortung

Weil Ich und Welt Pole eines Ganzen sind, ist innere Entwicklung eine Quelle der Weltentwicklung. Sie beginnt in jedem von uns und je aufs Neue als ein inneres Geburtsgeschehen.

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Freunde der Erziehungskunst

Notfallpädagogischer Einsatz nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien

Einen Monat ist es her, seit das verheerende Erdbeben und der dadurch ausgelöste Tsunami die indonesische Insel Sulawesi in die Katastrophe gestürzt haben.  Über 7.000 Menschen sind vermutlich gestorben, mehr als 10.000 Personen sind verletzt, hunderte werden unter den Trümmern eingestürzter Gebäude vermisst.

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Zwölf Tugenden im Jahreskreis - September: Höflichkeit

Alnatura, Rubrik Anthroposophie: Ein Gastbeitrag von Dr. Manon Haccius.

Von: Dr. Manon Haccius
Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Die Tugend, die für den Monat September auf dem Übungsplan steht, ist die Höflichkeit. Höflichkeit als Tugend? Zunächst mag das überraschen, scheint es sich doch dabei um etwas sehr Alltägliches zu handeln, bei dem vielleicht die Frage entsteht, ob es sich dabei wirklich um eine Tugend handelt. Sie könnte eher als Gegenstand eines gedankenlosen Trainings erscheinen, nicht als etwas geistvoll und mit Überzeugung zu Erübendes. Alltäglich ist sie auch, die Höflichkeit – bietet sich doch jeden Tag wiederholt die Gelegenheit zu ihrer Ausübung. Wohl jeder bemerkt es auch, wenn diese Tugend zur Anwendung kommt. Ob es jedem immer gelingt, selbst höfliches Verhalten an den Tag zu legen, oder ob er beziehungsweise sie das überhaupt und in jeder Situation anstrebt, das ist dann schon eine andere Frage.

Ihrer ursprünglichen Wortbedeutung nach bezeichnet Höflichkeit das rechte Verhalten bei Hofe, also am fürstlichen oder königlichen Hof. Höflinge hatten höflich zu sein. Das liegt weit zurück. Als zeitgemäßere Definition führt das Lexikon "Brockhaus" (19. Auflage, 1989) an, Höflichkeit sei die "Form des Umgangs mit den Mitmenschen, die von gegenseitiger Achtung, Rücksichtnahme und der Einhaltung bestimmter gesellschaftlicher Konventionen (zum Beispiel Begrüßungsformen, als Ausdruck des Anstands und des guten Tons) geprägt ist." Wikipedia sagt zum Thema: "Die Höflichkeit oder Zivilisiertheit ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll. Ihr Gegenteil ist die Grobheit oder Barbarei." Sowohl der Verweis auf die Höflinge der Vergangenheit als auch der Hinweis des Brockhaus auf die gesellschaftlichen Konventionen und tradierte Formen des Umgangs mögen erklären, warum man Höflichkeit, die einem gegenüber zum Ausdruck kommt, gelegentlich mit leicht "gemischten Gefühlen" wahrnimmt. Einerseits ist es angenehm, wenn der Umgang höflich ist. Respekt drückt sich darin aus. Anderer­seits kann es sein, dass das bloß Konventionelle daran, das den überkommenen Formen des Umgangs und des Anstands Genügen ein wenig kühl berühren, unpersönlich wirken. Wie jede Konvention kann auch die Höflichkeit in überkommenen Formen, die nicht mehr von Leben erfüllt sind, erstarren. Etwas fehlt da noch – der Herzenstakt, zu dem die Höflichkeit durch bewusstes Üben hinentwickelt werden soll. Ein wunderbares, ein wenig altmodisch anmutendes Wort ist das: Herzenstakt. Übrigens kennen den Herzenstakt weder Brockhaus noch Wikipedia. »Man sieht nur mit dem Herzen gut«, sagt der kleine Prinz bei Saint-Exupéry. Das wird gerne zitiert und bringt regelmäßig ein Lächeln auf die Gesichter. Es ist den Menschen also keine Frage: Sehen kann das Herz.

Auch berühren; das bedeutet ja die lateinische Wurzel des Wortes Takt. Tactus heißt Gefühl, Berührung. Um wieder den Brockhaus zu zitieren: Takt bezeichnet das »Gefühl für richtiges Verhalten, Feingefühl im Umgang mit anderen Menschen«. Beim Takt geht es wie bei der Höflichkeit ebenfalls um richtiges Verhalten, jedoch nicht mehr um die bloß gelernte und insofern richtige äußerliche Form. Sondern es geht darum, dass die gewählte Verhaltensweise von innen kommt, letztlich von Herzen. Dass man erspürt, was in der jeweiligen Situation richtig ist, also nicht nur sozial akzeptiert und angemessen, sondern zwischen den Menschen in einer gegebenen Situation stimmig und passend.
Ein Umgang zwischen Menschen, der von Herzenstakt ­geprägt ist, verlangt Aufmerksamkeit und viel Gespür für die jeweiligen Zwischentöne. Mechanisch einüben kann man dies nicht. Denn hier gibt es kein Verhalten "nach Schema F". Vielmehr ist jede Situation neu und immer wieder anders. Üben jedoch kann man dies sehr wohl. Was setzt das voraus? Zunächst einmal den Willen zu einem entsprechenden Ver­halten. Wachheit, echte Präsenz in der Situation. Selbstkritisches Reflektieren, wenn das angestrebte Verhalten nicht gelungen ist. Dies auf beiden Seiten der an einer Begegnung Beteiligten. Sowohl der "Sender" bei einem Austausch als auch der "Emp­fänger" tragen ja beide zum besseren und auch einmal weniger guten Gelingen einer Begegnung – und sei sie noch so kurz, auf dem Gang, im Vorbeigehen – bei. Dankbar wahrnehmen tut man es gewiss, wenn einem jemand mit Herzenstakt begegnet. Das gilt in besonderem Maße dann, wenn die Situation eine schwierige, nicht alltägliche ist, die gestaltet sein will.

Höflichkeit wird zu Herzenstakt – ein lohnendes Übungsziel für den Monat September, der im Sternzeichen der Jungfrau steht. Diesem Sternbild wird die besondere Fähigkeit zu einem genauen, feinen Empfinden nachgesagt, die rechte Voraussetzung dafür, den nuancierten Abstufungen zwischen Höflichkeit, Takt und Herzenstakt nachzuspüren und sich ihnen zu widmen.

*** Dr. Manon Haccius, Studium der Agrarwissenschaften, Promotion im Fachgebiet Tierzucht, Arbeit für die Verbände des ökologischen Landbaus national und international von 1987 bis 2000; seit April 2000 Mitarbeiterin von Alnatura, dort leitend für Qualität, Recht und Nachhaltigkeit verantwortlich.

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