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Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866), ein Schweizer Vorbote und Wegbereiter der Anthroposophie

Am 6. März 2016 jährte sich zum 150. Mal der Todestag des Schweizer Arztes, Philosophen, Pädagogen und Politikers

Am 6. März 2016 jährte sich zum 150. Mal der Todestag des Schweizer Arztes, Philosophen, Pädagogen und Politikers Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866), jener bedeutenden Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts, auf deren voraussehendem Denken und mutig-konsequentem Wirken die «politische Architektur» der modernen Schweiz mit ihrer Konstitution als Bundesstaat im Jahre 1848 massgeblich gründet. Troxlers Universalität und Schaffenskraft sind legendär. Als der wohl bedeutendste Schweizer Philosoph seiner Zeit liess Troxler zu allen wesentlichen Lebensfragen Früchte reifen, welche in der heutigen Zeit neu zu entdecken und deren Samen weiter zu kultivieren sind. Während des Gedenkjahres fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, darunter auch ein Troxler-Thementag am Goetheanum am 24. September 2016. Die Neuherausgabe der Troxler-Biografie des Berner Lehrers Max Widmer im Futurum-Verlag, die Realisierung des als DVD erhältlichen TV-Dokumentarfilmes Ignaz Troxler, Philosoph, Arzt, Schweiz-Macher von Christian Labhart sowie die umfangreiche Webseite www.troxlergedenkjahr2016.ch sind weitere Elemente des von einem Initiativkreis angeregten Troxler-Gedenkens. Eine detaillierte Rückschau auf das Gedenkjahr finden Sie hier.

Frühe Würdigung durch Rudolf Steiner …

Anfangs des 20. Jahrhunderts, insbesondere 1916, in dessen 50. Todesjahr, hat Rudolf Steiner den inzwischen kaum mehr wahrgenommenen I.P.V. Troxler als bedeutenden Philosophen «einer vergessenen mitteleuropäischen Geistesströmung» wiederholt eindringlich, sowohl schriftlich als auch in Vorträgen, als frühen Theosophen und als Vorboten der Anthroposophie gewürdigt, wie hier am 6. Oktober 1916 in Basel in seinem Vortrag Die Menschenrätsel in der Philosophie und in der Geistesforschung: «Es hat einen grossen Lehrer gegeben einer tief philosophischen Weltanschauung, den Ihnen schon das letzte Mal genannten Troxler, der in Basel und in Bern in einer wunderbaren Weise auf Anthroposophie hingewiesen hat, und zwar so auf Anthroposophie hingewiesen hat, dass gerade dazumal, da sein konnte es noch nicht, aber dass es angedeutet ist von Troxler, was jetzt als Anthroposophie auftritt. […] Wahr ist, dass hier auf schweizerischem Boden zuerst von Troxler sogar innerhalb unserer Kulturgemeinschaft das Wort Anthroposophie und der Begriff Anthroposophie erahnend geprägt worden ist. Nicht etwas Fremdes wird mit Anthroposophie hereingetragen, sondern gerade dasjenige, was hier ersehnt und erhofft worden ist eben von solchen Persönlichkeiten, wie Troxler …»

Weitere Textstellen, in denen Rudolf Steiner über Troxler schreibt oder spricht, in aufsteigender GA-Reihenfolge hier

… beflügelt die anthroposophische Troxler-Forschung im 20. Jahruhundert

Schon zu Lebzeiten Rudof Steiners begannen sich erste seiner Schüler mit Troxlers philosophischen und pädagogischen Schriften zu befassen, wie Hans Erhard Lauer, Willi Aeppli, später Friedrich Eymann, Curt Englert-Faye, Karl Ballmer, um nur einige zu nennen. In den 1930-er Jahren wurde der grössere Teil des zwischenzeitlich durch ausgewanderte Nachkommen Troxlers in Argentinien aufbewarten und nun in die Schweiz zurückgebrachten äusserst umfangreichen handschriftlichen Troxler-Nachlasses  durch Vermittlung von Willi Aeppli der Anthroposopischen Gesellschaft in Dornach übermacht und von dieser der Basler Universitätsbibliothek zur Archivierung anvertraut, wo er in den 1980er Jahren vom anthroposophischen Philosophen Werner A. Moser inventarisiert wurde. Dieser etwa 97'000 Dokumente enthaltende Nachlass bildet neben den gedruckten Schriften die wichtigste Quelle für die wissenschaftliche Troxlerforschung.

Schon in den 1930er und 1940er Jahren erschienen in zahlreichen Ausagaben der Wochenschrift Das Goetheanum vorwiegend von Willi Aeppli verfasste Aufsätze zu Troxler und in Erstveröffentlichung thematisch gruppierte Fragmente und Aphorismen aus Troxlers Nachlass. Sie wurden 2014 von Christoph Podak vom Archiv-Verlag Agraffe gesammelt, eingscannt und zum Download aufbereitet hier.

Wichtige der schwer zugänglichen Troxler-Schriften wurden im 20. Jahrhundert in anthroposophischen Verlagen neu herausgegeben, geisteswissenschaftlich eingeleitet und kommentiert. Eine Auswahl an vergriffenen Titeln von und über Troxler sind seit kurzem auch digital abrufbar, ebenfalls beim Archivverlag Agraffe hier.

Als bedeutendste Studien zu Troxler mit Berücksichtigung anthroposophischer Gesichtspunkten innerhalb der letzten 50 Jahre sind zu nennen Peter Heussers medizinische Dissertation zu Troxlers Philosophie, Anthropologie und Medizintheorie, Max Widmers und Hans Erhard Lauers Biografie zu Troxlers 200. Geburtsjahr 1980 sowie die von Andreas Dollfus 2005 eingeleitete und begleitete Anthologie politischer Troxlerschriften Ignaz Paul Vital Troxler – Geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz. Eine Sammlung der bisher erschienenen anthroposophischen Troxlerliteratur findet sich hier.

… und inspiriert anthroposophische Instiututionen zu ihrem Namen

Soweit uns bekannt, tragen bzw. trugen bisher vier anthroposophische Institutionen den Namen Troxlers zu dessen Gedenken:

Troxlerzweig der Anthroposophischen Gesellschaft

Am 1. Mai 1922 wurde von 13 Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft der Troxlerzweig Olten gegründet, nachdem hier schon seit 1919 eine Arbeitsgruppe öffentliche Vorträge, u.a. von Rudolf Steiner und Albert Steffen, sowie eine Eurythmieaufführung veranstaltet hatte. Weshalb I.P.V. Troxler dem neuen Zweig den Namen gegeben hat, ist aus den Aufzeichnungen nicht zu ersehen. Es darf aber angenommen werden, dass Rudolf Steiner bei der Namengebung mitgewirkt hat. Früher Zweigleiter bis 1934 war der als Bezirkslehrer und ab 1927 an der von ihm mitbegründeten Basler Rudolf Steiner-Schule unterrichtende Willi Aeppli, der sich neben der Schul- und Zweigarbeit zu einem bedeutenden Troxlerkenner entwickelt hatte. 1929 wohnten nur noch zwei Mitglieder in Olten, in Basel deren zehn. Die übrigen Freunde verteilten sich auf ein ausgedehntes, mehrere Kantone umfassendes Gebiet. Der Sitz des Zweiges wurde nach Aarau verlegt und der Name auf Troxlerzweig Aarau-Olten abgeändert. Die Zweigarbeit fand zunächst alternierend in Aarau und Olten statt, Aarau wurde indessen immer mehr der Schwerpunkt, und der Name Olten verschwand nach 1960 allmählich aus dem Zweignamen. Heute bildet ein Kollegium von sechs Personen die Zweigleitung. Zur ausführlichen Chronik des Troxlerzweiges Aarau hier

(Link zu: Troxlerzweigchronik)

Troxler-Verlag Bern

Die Gründung des Troxler-Verlags gleichzeitig mit der Gründung der Zeitschrift Gegenwart im Jahr 1939 durch den Berner Theologen und «Bahnbrecher der anthroposophischen Pädagogik in der Staatsschule»[1] Friedrich Eymann erfolgte  nach dessen Entlassung als Religionslehrer am Bernischen Staatsseminar aufgrund seines konsequenten und unverhüllten Bekenntnisses zur Pädagogik Rudolf Steiners, um die Verbreitung anthroposophischen Gedankenguts sicherzustellen und zu intensivieren. «Vielleicht spielte auch der Umstand mit, dass in Hitler-Deutschland und in dem gleichgeschalteten Österreich seit 1938 jegliches Schrifttum mit anthroposophischem Inhalt oder Einschlag verboten war. (…) Folgerichtig wurden natürlich bald auch die Erzeugnisse des Troxler-Verlages in den genannten Ländern verboten»[2]. Eymann beurteilte Troxlers philosophische Leistung als «eine Vorschau der Anthroposophie», zudem war er beeindruckt von dessen mutigem Einsatz für ein von Kirche und Staat unabhängiges Bildungswesen. Nach Eymanns Tod wurde der Troxler-Verlag vorerst weitergeführt, später ging er an die Rudolf-Steiner-Schule Bern über, wo es in den Achzigerjahren zum Stillstand kam. Mehr zur Geschichte des Troxler-Verlags und zum Verlagsprogramm hier

(Link zu: Der Troxler-Verlag, aus Christian Bärtschi/Otto Müller, Friedrich Eymann, Bern 1986, S. 119–124)

Troxler-Haus Wuppertal

1949 begann in Wuppertal die anthroposophisch-heilpädagogische Arbeit mit Schülern in den Räumen der Waldorfschule durch Dr. Lothar Vogel, Marta Weißenborn und Hermann Becher. In dem 1957 eröffneten Pädagogisch-Therapeutischen Institut schlug der mit Troxlers Werk bekannte Hilfsschullehrer Reimer für die hier geplante Bildungs- und Werkstätte für Erwerbsbehinderte den Namen «Troxler-Haus» vor, und durch sofortige Zustimmung von Lothar Vogel und Siegfried Schmock kam es zu einem einstimmigen Beschluss. 1961 wurde das Troxler-Haus begründet um Arbeitsplätze zu schaffen – die Differenzierung der Keimzelle anthroposophisch-heilpädagogischer Arbeit in Wuppertal schritt weiter voran. Heute umfasst die heilpädagogische Einrichtung Troxler-Haus Wuppertal Wohnsiedlungen, eine Landwirtschaft, sozialtherapeutische Werkstätten, einen Kindergarten und eine Schule. Eine Troxler-Haus Stiftung setzt sich die Aufgabe, die notwendigen Mittel aufzutreiben, um die Qualität der Arbeit im Troxler-Haus auf Dauer zu gewähren und weiter auszubauen. Ausführliche Information zur Institution finden sich auf der Website www.troxler-haus.de

I.P.V. Troxler, Schweizer Vorbote und Wegbereiter der Anthroposophie

Bis mitten in die konkreten gesellschaftlichen Lebensbereiche hinein greifen Troxlers zeitkritische Analysen, Klarstellungen und Forderungen, mit der Entfaltung des freien Ich-Wesens des Menschen im Sinne der späteren Anthroposophie Rudolf Steiners in Zusammenhang stehend.

Auf politisch-gesellschaftlichem Gebiete ist es die Realisierung der Ideale der französischen Revolution: Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit, die für Troxler zur Grundlage und Voraussetzung freier menschlicher Geistesbetätigung gehören und die er mit unerbittlich-konsequentem Einsatz anstrebt und verteidigt.

Vordenker und -kämpfer der sozialen Dreigliederung ist Troxler insofern, als er in seiner Staatstheorie die absolute Freiheit des Geisteslebens als Unabhängigkeit des Bildungswesens von Kirche und Staat sowie die damals noch kaum realisierte Trennung der ‚staatlichen Gewalten’ Legislative, Exekutive, Justiz fordert, und dass er in keinem Falle gelten lässt, dass einem Regierenden ein Bestimmungs- und Verfügungsrecht über andere, nicht Regierende, zustehen könne. [3]

Auch in Troxlers Erziehungsverständnis sind Grundgedanken zu erkennen, welche ganz im Sinne der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners stehen: Ziel jeder Erziehung ist die Entfaltung des wesenhaften, seelenverbundenen Ich des Menschen die, durch den Erziehungsprozess angeregt, im Wesentlichen durch Selbsterziehung zu geschehen habe. Nicht ein sich Unterwerfen und Anpassen des menschlichen Individuums an gesellschaftliche Konventionen, Normen und Gewohnheiten wird erstrebt, sondern im Gegenteil das Erwecken und Aufrufen innerer Kräfte, die das freie Ich zu moralischen Handlungen befähigen sollen.

Im Zentrum von Troxlers politischem Streben und Wirken stehen geistgeleitete und willensdurchpulste Gedankengänge, die weit über die damalige Zeit hinaus Gültigkeit beanspruchen: «Politik ist auf die Gesellschaft bezogene Wissenschaft und Kunst der Ethik» lautet einer seiner Aphorismen, und als zentraler Leuchtpunkt seines Verfassungsentwurfs von 1833 für die Eidgenossenschaft steht im Paragraphen 30: «Der Bund anerkennt die Herrschaft geistiger und sittlicher Ideen und Grundsätze über materielle Interessen und Kräfte. Er huldigt dem Grundsatz, dass ungestörte Entwicklung der Menschheit in ihrem eigenen freien Bildungsgang oberster Staatszweck sei, und verzichtet auf alle Bestandesordnung und auf jede Gesetzlichkeit, welche diesem unveräusserlichen Urrecht der Menschen und Bürger in der christlich-schweizerischen Eidgenossenschaft widersprechen.» [4]

Franz Lohri  November 2017

 

[1] Christian Bärtschi/ Otto Müller, Friedrich Eymann, Menschenbild und Menschenbildung, Bern 1987

[2] Ebd., S. 219

[3] z.B. in seinen Aufsätzen in der von ihm kurzzeitig herausgegebenen Kulturzeitschrift ‚Schweizerisches Museum’ 1816; oder in seiner Schrift ‚Fürst und Volk’ 1821

[4] zitiert aus Andreas Dollfus, Ignaz Paul Vital Troxler, Geistiger und politischer Erneuerer der Schweiz, Novalis 2005, hier Seite 142.