FondsGoetheanum: Die Bienen und wir

FondsGoetheanum: Die Bienen und wir

Die Bienen und wir

Die Bienen sind weltweit in Bedrängnis. Ihre Not berührt uns. Was können wir für ihre Rettung und ihre Gesundheit tun? Wie können wir uns sinnvoll für das Wohl der Bienen engagieren? In dieser Ausgabe finden Sie Hintergründe für diese Not und mögliche Wege, die weiterführen.

Wenn wir Bienenvolk und Mensch betrachten, fällt auf, dass beide aussergewöhnliche Fähigkeiten haben, die sie von ihren biologisch nahen Verwandten unterscheiden: 

• Die Bienen der Gattung Apis sind unter allen blütenbestäubenden Insekten die einzigen, welche – als Volk, nicht als Einzeltiere – in der Bienenwohnung Eigenwärme entwickeln und über eine sehr differenzierte Arbeitsteilung sowie einen komplexen Informationsaustausch verfügen. Sie erreichen damit eine unter den Insekten einzigartige Autonomie. 

• Ähnlich beim Menschen: Er ist unter den Primaten das einzige Wesen mit aufrechtem Gang, Sprache und Denken. Er hat eine ebenso unerreichte Autonomie entwickelt: Er züchtete Haustiere und Kulturpflanzen, schuf Religion, Kunst und Wissenschaft, Wirtschaftssysteme und Technik.

FondsGoetheanum: Die Bienen und wir
Die Welt der Bienen fasziniert auch die Kinder.

Schicksalsgemeinschaft Bienenvolk und Mensch

Das Bienenvolk besteht aus vielen Tausenden von Bienen und einer Königin. Es hat eine hoch ausgebildete So­zial-struktur, welche auf das Wohl des ganzen Bienenvolkes ausgerichtet ist. Jede Biene arbeitet im Interesse des ganzen Volkes. Die Bienen sind Teil der Landschaft, dienen der Natur und bereichern sie. Gleichzeitig schenken sie uns ihre Produkte. Ohne unsere Für­sorge sind die Geschenke der Bienen an uns und an die Natur gefährdet.

Mit naturnaher Imkerei Völker stärken

In den letzten hundert Jahren sind die Bienen enger an den Menschen herangerückt als je zuvor. Sie überleben in unseren Breiten nicht mehr ohne Aufmerksamkeit und Pflege des Menschen. Wir sind gefordert, einen besseren Umgang mit den Bienen zu finden. Ähnlich wie bei der Entwicklungshilfe haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können den Bienenvölkern das geben, was sie als Nothilfe brauchen. Aber das ist kurzfristige Symptom-bekämpfung. Oder wir können mit der naturnahen Imkerei die Völker so stärken, dass sie wiederum aus eigener Kraft leben können.

Das Bienenvolk gibt uns unsere Zuwendung und Pflege in Form einer wertvollen Apotheke aus der Natur zurück. Seine Produkte sind ein Segen für den Menschen. Sie zu vernachlässigen oder zu übersehen,  hiesse, ein wertvolles Geschenk nicht anzunehmen. 
Der Imker trägt neben der Verantwortung für die Bienen auch Verantwortung für die Menschen. Bienenprodukte wie Honig, Pollen und Wachs zu gewinnen, zu verarbeiten und in angemessener Menge zu verwenden, ist unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Bienenvolkes – und damit sozusagen im gegenseitigen Einvernehmen – sinnvoll.

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Mensch und Bienenvolk auf Augenhöhe. Malerei in den Höhlen von Araña, Spanien.

Felsenmalereien zeigen Bienenvolk und Mensch auf Augenhöhe

Diese enge Beziehung zwischen Bienenvolk und Mensch gibt es seit jeher. Dies zeigt uns die rund 8000 Jahre alte Felsenmalerei in den Höhlen von Araña in Südspanien. Es ist das älteste Kunstwerk, das diese Beziehung dokumentiert: In luftiger Höhe nähert sich auf einer fragilen Hängeleiter eine schlanke, zierliche Gestalt einem Bienenvolk, das in einer Höhlung eiförmig rund­liche Waben gebaut hat. In der rechten Hand trägt sie einen Korb, in dem sie die Ernte sicher hinunterzubringen gedenkt. Diese Form der «Imkerei» hat sich bei den Honig­jägern in Nepal bis heute erhalten.
Das Bild berührt mit seiner Ästhetik und den «nicht realistischen» Grössenverhältnissen zwischen heimkehrenden Bienen und Mensch. Ebenso überraschend finden sich der Kopf der Gestalt und das Bienen­volk auf gleicher Höhe. Möchten uns diese beiden künstlerischen Setzungen zeigen, dass Mensch und Bienenvolk Schwesterwesen sind?
«Les animaux ne sont pas seulement bons à manger, mais aussi bons à penser.» (Tiere dienen nicht nur der Ernährung, sondern regen auch das Denken an.) Mit diesem Satz hat der Forscher Claude Lévi-Strauss darauf aufmerksam gemacht, dass die Höhlenzeichnungen der Urzeit nicht nur Gegebenheiten des Alltags, sondern auch Symbole einer geistig-religiösen Beziehung zwischen Tier und Mensch ins Bild bringen. Viele Darstellungen bis ins Mittelalter zeugen von diesem doppelten Verhältnis: vom Priester-Imker im alten Ägypten, der mit erhobenen Händen vor seinen Bienenstöcken kniet, bis zu den Bienen auf dem Gewand der Artemis im Tempel von Ephesus oder auf der Stola des ersten Bischofs von Ravenna, des Heiligen Apolinaris.

Unsere Aufgabe

Bis heute ist diese archetypische Beziehung von Mensch und Bienenvolk erlebbar. Nicht zuletzt weist auch die Resonanz in den Medien ums Bienensterben darauf hin, und der grosse Erfolg des Dokumentarfilms «More than Honey» spricht Bände. Die reale Kraft der Beziehung von Mensch und Biene in ihrer Besonderheit ist jedoch noch nicht vollständig erfasst. Sie zu verstehen, ist eine Aufgabe, welche sich den Imkerinnen und Imkern und allen interessierten Menschen stellt und die nach einer umfassenden, acht­samen Auseinandersetzung mit dem Bienen­volk, seinem Wesen, seinen Bedürfnissen und seiner Mission ruft. Wie wir die Bienenvölker weltweit stärken und retten können, darauf gehen die einzelnen Artikel in dieser Ausgabe des FondsGoetheanum detailliert ein.

Aus Gesprächen mit den Imkern Martin Dettli und Johannes Wirz, zusammengestellt von Susanna Küffer Heer.