FondsGoetheanum: Altern und Sterben

FondsGoetheanum: Altern und Sterben

Sterbebegleitung statt Sterbehilfe

Palliative Care versucht, dem Menschen Raum und Zeit zu schaffen, damit er seine Lebenssymphonie vollenden kann.

FondsGoetheanum: Altern und Sterben
Dr. med. Stefan Obrist, Oberarzt Radio- Onkologie und Palliativstation Universitätsspital Zürich

Dass man im Verlauf einer zum Tode führenden Erkrankung oder bei nicht heilbaren Altersbeschwerden manchmal den Lebensmut verlieren kann und die eigene Situation als sinnlos erlebt, ist eine völlig normale und verständliche Reaktion. In dieser Verzweiflung scheint der Gang zu einer Sterbehilfeorganisation oft die einzige Hilfe für den Patienten zu sein, denn in vielen medizinischen Institutionen war das Sterben bis vor kurzem ein Thema, das kaum angesprochen wurde. Sterbehilfeorganisationen fordern uns insofern auf, sich diesem Thema nicht zu verschliessen. Wir wollen Möglichkeiten schaffen, damit der letzte  Lebensabschnitt in Würde gelebt werden kann. 

Mit der Entwicklung einer Palliative Care in allen Bereichen – ambulant und stationär – soll dem Sterbenden eine Betreuung angeboten werden, die auf seine Bedürfnisse individuell angepasst ist. Selbstverständlich ist es ein schwieriges Unterfangen, mit dem schwer kranken Menschen zusammen einen Weg zu suchen, wo es keinen mehr zu geben scheint.

Entscheidend ist es, mit dem Patienten ins Gespräch zu kommen, sich seinen Fragen zu stellen, auch wenn sie über das rein Medizinische hinausgehen und das Besprochene in die Betreuung einfliessen zu lassen. Manchmal wird die Situation schon entschärft, wenn die Befürchtungen und Probleme konkret benannt werden. Oft sind es Angst vor Schmerzen, Angst vor dem Sterben überhaupt, auch die Angst, die Kontrolle zu verlieren oder im Spital den Ärzten ausgeliefert zu sein. Für manche ist es eine Hilfe zu wissen, dass man auch bei schwersten Erkrankungen bis zum Schluss zuhause behandelt werden kann, für andere ist es wichtig, dass sie bei Schmerz oder Atemnot nicht allein gelassen werden, wieder für andere, dass keine lebensverlängernden Therapien mehr eingesetzt werden.

Natürlich gelingt es nicht immer, befriedigende Lösungen zu finden. Man erlebt aber immer wieder, dass Menschen zum Beispiel noch eine ganz neue Erfahrung machen oder eine schwierige zwischenmenschliche Situation geklärt werden kann. Oft erkennen die Patienten, dass auch dieser Lebensabschnitt durchaus einen Sinn hat und sind dann sehr dankbar dafür, dass sie ihren Weg nicht vorzeitig in der Verzweiflung beendet haben. Man kann es eigentlich gar nicht besser sagen, als die australische Palliativmedizinerin Norelle Lickis: «Create time, space and relief from suffering in order to allow patients to complete their symphony.» Denn in der Palliative Care geht es darum, Zeit und Raum zu schaffen, damit die Lebenssymphonie vollendet werden kann.