FondsGoetheanum: Wirtschaft

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Kredit, oder etwas anders gesagt: Leihgeld

Geld ist nicht einfach Geld. Man muss verschiedene Qualitäten unterscheiden. Rudolf Steiner prägte 1922 im Nationalökonomischen Kurs die Begriffe «Kaufgeld», «Leihgeld» und «Schenkgeld».

Die wichtigste Eigenschaft von Geld ist, dass es ein «Fliessmittel» ist, dass es von einem Menschen zum anderen fliesst, dass es Menschen miteinander verbindet. So sind z.B. alle Menschen, die mit Euro bezahlen, mit den Menschen der finanziell schwachen EU-Länder im südeuropäischen Raum verbunden.

Leihgeld

Beim Leihen ist das Entscheidende, dass mit dem Geld etwas geschaffen, etwas finanziert werden kann, wie z.B. Betriebe, Unternehmungen, Projekte. Je nachdem, was mit diesem Geld ermöglicht wird, schafft es einen ganz spezifischen Wert. Neues kann in die Welt kommen, was vorher nicht da war, das für die positiven Entwicklungen entscheidend sein kann, beispielsweise sinnvolle und wertorientierte pädagogische, medizinische, landwirtschaftliche, technische oder künstlerische Projekte.

Geld an sich ist neutral

Geld an sich hat keine ethische Dimension, ist neutral. Es kommt darauf an, wie es eingesetzt wird. Geld kann deshalb auch für Waffenproduktion und umweltschädigende Technologien geliehen werden. Es ist für mich als Bankier nicht gleichgültig, was mit dem Geld geschieht, was umgesetzt wird – denn Geld ist schon gar nicht der Verantwortung des Menschen entzogen: Die Leiher (Bank, Private) sind mitverantwortlich dafür, was mit ihrem Geld geschieht und wie sie den Kreditnehmer behandeln. Der Kreditnehmer hingegen ist verantwortlich für die Umsetzung des Vorhabens und die Bedienung des Kredites (Zins, Rückzahlung). Das Bewusstsein für solche Prozesse gewinnt an Bedeutung angesichts einer sich ständig anonymisierenden Finanzwelt und ständig stattfindender Handlungen ohne Verantwortung für das, was geschieht; extremstes Beispiel hierfür ist die Spekulation.

Keine Kredite, keine Entwicklung

Bei der Qualität des Leihgeldes geht es nicht um Geldvermehrung und -anhäufung, sondern allein darum, dass Leihgeld etwas ermöglicht. Ohne Kredite wären ein Wirtschaften und eine gesellschaftliche Entwicklung unmöglich. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Mensch mit Ideen und Fähigkeiten Geld benötigt, um etwas aufzubauen, das er aber in dem Moment nicht hat. Wenn er darauf warten müsste, seine Impulse umzusetzen, bis er genügend Geld beisammen hätte, gäbe es keinen Fortschritt. Nun gibt es aber auch Menschen, die ihre Fähigkeiten oder Ideen nicht direkt umsetzen, dafür mit dem Geld, das sie übrig haben etwas ermöglichen wollen. Dieses Geld kann dann vom Besitzer zu jemanden anderem hinfliessen. Dorthin, wo es gebraucht wird – ein gesunder Strom, der Zukunft ermöglicht. Man kann sagen, dass Spargeld eigentlich totes Geld ist und dass es durch den Kredit wieder zum Leben erweckt wird, natürlich nur, wenn das Geld dann dem Leben dient und nicht der Anhäufung.

Markus Jermann

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Leihgeld: durch Direktbeteiligung in Menschen und Ideen statt in Immobilien investieren.

Fallbeispiel L'Aubier

Leihgeld durch Direktbeteiligung

L’Aubier, ein Verbund von Unternehmen in Montezillon bei Neuchâtel, besteht aus einem biologisch-dynamischen Bauernhof von 40 ha mit Verarbeitung und Direktvermarktung und angegliedert einem Tourismusbereich mit Restaurant von 120 Plätzen, Laden, Öko-Hotel mit 25 Zimmern und Seminarräumen, einem Café-Hotel in der nahe gelegenen Stadt Neuchâtel sowie einem generationenübergreifenden Wohnprojekt für Familien und Senioren.

Vom kleinen Hof zum grossen Projekt

L’Aubier SA, als Eigentümer von Grund, Boden und Gebäuden, bildet den finanziellen Rahmen und wirkt zusammen mit der Stiftung L’Aubier, dem Hof L’Aubier und dem Verein L’Aubier Partenaires. L’Aubier entstand im Herbst 1979 auf der Grundlage einer kleinen Landwirtschaft. Aus dem über die Direktvermarktung entstehenden Kreis von Kunden und Freunden bildete sich ein Hofumfeld, aus dem heraus sich anlässlich eines zum Verkauf stehenden benachbarten Restaurants eine Aktiengesellschaft zur finanziellen Beteiligung gründete. Die weitere Entwicklung erfolgte Schritt für Schritt ohne vorgefasstes Gesamtkonzept entlang konkreter Projekte.

Die über Jahre entwickelte juristische und finanzielle Struktur bringt zum Ausdruck, dass die verantwortlich tätigen Menschen von einem unterstützenden Umkreis die Freiheit zur Gestaltung bekommen. Die einzelnen Unternehmensbereiche sind wirtschaftlich selbstständig. Auf Transparenz und kollegiale Leitung wird hoher Wert gelegt. Die um die tätigen Menschen gruppierten Aktionäre und Darlehensgeber stellen dem Unternehmen Kapital ohne massgebliche Mitbestimmungsrechte zur Verfügung und schenken die Stimmenmehrheit der «Idée L’Aubier» als gemeinnützigem Verein.

Über verschiedene Beteiligungsformen sind heute über 1300 Menschen. finanziell in die Trägerschaft eingebunden: 705 Aktionärinnen, 143 Partizipationsscheininhaber, 192 Darlehensgeberinnen und schliesslich 422 Obligationäre. Diese haben ihr Geld leihweise L’Aubier anvertraut, weil ihnen nicht die Rendite wichtig ist, sondern wofür ihr Geld eingesetzt wird, weil sie die Menschen am Ort kennen und ihnen die Beziehung von Mensch zu Mensch wichtig ist.

Die Kommunikation mit dem Umkreis aus Anlegern und Freunden ist ein zentrales Anliegen von L’Aubier. Zweimal jährlich wird der Rundbrief «L’Aubier Nouvelles» im Umfang von vier bis zehn Seiten herausgegeben. Der Jahresbericht führt detailliert und allgemein verständlich die finanziellen Einzelheiten sowie die Ereignisse des vergangenen Jahres auf.

www.aubier.ch

Fallbeispiel
Freie Gemeinschaftsbank

Einander kennen

Die Freie Gemeinschaftsbank wurde 1984 als Genossenschaft gegründet und basiert auf den Erkenntnissen Rudolf Steiners zu Geldwesen und Sozialgestaltung. Handel mit Geld oder Spekulation sind per Statuten verboten. Als reine Kreditbank, die von der Zinsmarge zwischen Einlagezinsen und Kreditzinsen lebt, widmet sich die Bank, mit Sitz in Basel, der Unterstützung der Realwirtschaft und einer Erweiterung des Bewusstseins im Umgang mit Geld. Die Genossenschaftsanteile der Freien Gemeinschaftsbank werden nicht verzinst und nur im Konkursfall zurückbezahlt. Geld wird nicht als Ware verstanden, sondern als Mittel, Projekte für die Zukunft zu ermöglichen – als bewusst zu gestaltende Verbindung von Mensch zu Mensch. Eine Besonderheit der Freien Gemeinschaftsbank ist das persönliche Kennenlernen der Kreditnehmenden und ihrer Projekte. Wir besuchen alle Kreditnehmer vor Ort und sprechen mit den Einlegern ausführlich über ihre Bedürfnisse und Wünsche im Umgang mit Geld.

Die 19 Mitarbeitenden der Freien Gemeinschaftsbank betreuen CHF 226,3 Mio. Bilanzsumme und CHF 45,3 Mio. ausserhalb der Bilanz als Treuhandgelder.

gemeinschaftsbank.ch
oder 061 269 81 00