FondsGoetheanum: Lasst uns Kind sein

Lasst uns Kind sein

Spielen

ist eine Fähigkeit, die jedes Kind mit auf die Welt bringt. Sie zu fördern und sie frei entfalten zu lassen, ist eminent wichtig.

Kinder spielen von Natur aus, und sie haben das Spielen mit der Natur gemeinsam. Auch die Natur spielt. Das Wasser spielt, die Wolken spielen, der Wind spielt mit den Blättern. Wenn wir diesem Spiel zusehen, ist es erfrischend, beruhigend und gesundend für uns Menschen. 

FondsGoetheanum: Lasst uns Kind sein

Auch Tiere spielen, wenn sie jung sind. Im Buch «Die Seele des Bären» erzählt Charlie Russell, dass er ganz berührt war vom Spiel der drei Bärenmädchen, die er in Kamtschatka (Sibirien) aufgezogen hat. Das Faszinierende war, dass die Bärenkinder unaufhörlich spielten, und zwar von morgens bis abends.

Lasst uns Kind sein
Schon die Kleinen finden im Spiel zueinander.

Das würden auch unsere Kinder tun, wenn sie so ungestört wären wie die Bärenkinder und wenn sie die passende Umgebung hätten. Wir müssten sie in keiner Weise ermuntern, sie anleiten, ihnen Spielsachen kaufen oder passende Ideen liefern. Das Spiel, das von innen kommt, fliesst unerschöpflich, ohne jede Vorgabe.

Im Zug traf ich zwei norwegische Geschäftsleute, die einander von ihren Ferien erzählten. Der eine sagte: «Wir gehen jedes Jahr in dieselbe Hütte auf dem Fjäll (Hochflächen in Skandinavien). Weisst du, zu Hause hocken meine Kinder immer an den Geräten und sind davon fast nicht wegzukriegen. Auf dem Fjäll gibt es keinen Empfang. Zuerst ist es ihnen langweilig, sie haben Entzugserscheinungen. Aber langsam beginnen sie dann, draussen zu sein und zu spielen. Und dann tauchen sie ein und spielen ohne Ende – und sie sind wieder ‹normal›!»

Das freie Spiel kann nicht sterben. Es ist auch nicht verloren gegangen bei Kindern, von denen Eltern oder Lehrpersonen beteuern, sie könnten nun einmal nicht selbst spielen und hätten keine Ideen, keine Ausdauer und keine Lust. Es ist jedoch möglich – und das geschieht immer häufiger –, dass das Spiel sich nicht mehr zeigen kann. Es bleibt eingeschlossen oder sogar eingemauert, ganz im Innern des Kindes. Da braucht es dann viel Geduld, Liebe und Vertrauen, bis es sich wieder hervorwagt.

Es gibt viele Faktoren, die das freie, selbst erfundene, selbstbestimmte Spiel bedrohen, wie die Spielsachen, die unablässig auf den Markt geworfen werden: Das freie Spiel der Kinder schwindet dahin. Das freie Spiel aber ist für ein Kind gleichbeutend mit Leben.

Wenn wir das Spiel wieder beleben wollen, haben wir unsere besten Helfer im Bereich des Lebendigen. Die Natur unterstützt uns dabei in ungeahntem Masse. Die wenigsten haben zwar eine Hütte in den ungestörten Weiten eines norwegischen Fjälls, aber es gibt doch Ferien auf der Alp oder auf dem Bauernhof. Kinder und Erwachsene brauchen eine Auftankzeit, in der nichts läuft, in der es kein Animationsprogramm weit und breit gibt. Diese Ruhe bietet den Boden fürs Spiel, dann können Kinder und Eltern wieder aufatmen und etwas davon in den Alltag hinüberretten. Ohne geschützte Ruheinseln kann sich übrigens auch zu Hause kein Spiel entfalten.

Was beinhaltet ein solches «Zurück zum Ursprünglichen», zum freien Spiel? Die Kinder brauchen Zugang zu Nicht-Vorgefertigtem, zu Wasser, Sand, Erde, Lehm, Bäumen, Stecken, Büschen, Wiesen, Tieren.

Alles, was nach Unterhaltung und Beschäftigtwerden aussieht, hat nichts mit freiem Spiel zu tun. Kinder gehen wohl darauf ein, wenn nichts Anderes möglich ist. Da fehlt aber der Enthusiasmus, d. h. das innige Verbundensein, die Konzentration und das Durchhaltevermögen, die glühenden Wangen, die Begeisterung für das selbst erfundene Spiel. Dieser Enthusiasmus ist über das freilassende, vom Kind initiierte Spiel zu erreichen. Die geeignete Spielstimmung zu schaffen, ist anspruchsvoll – eine Kunst. Ab welchem Alter können wir denn beginnen, das freie Spiel zu nähren und zu stützen? Schon ganz kleine Babys können selbstbestimmt für sich spielen, wenn wir ihnen liebevoll eine geeignete Umgebung vorbereiten. Der Schlüssel dazu ist, dass das Kind «seelisch gesättigt» sein muss, um dazu fähig zu sein. Das heisst, wenn es vom Erwachsenen achtsam und mit voller Präsenz gepflegt wird, z. B. auch beim Anziehen. Das ist nicht einfach, die Gedanken sind oft woanders. Schon ein Smartphone macht fast jedes Kind zum Verlierer. Die Aufmerksamkeit wird unwillkürlich immer wieder von den Geräten abgezogen.

Lasst uns Kind sein
Beim Spielen Neues entdecken.

Den Spieltrieb entwickeln

Ein Kind, das liebevoll umsorgt wird, fühlt sich sicher und zufrieden. Es spielt nachher ganz von selbst und mit «fast nichts» : mit Schwingbesen, Salatsieben und Schuhlöffeln. Jedes «Bespielen» des Kindes unterbricht und stört es in seiner Eigentätigkeit. Die Pikler-Pädagogik, die diesen Ansatz vertritt und gründlich erforscht hat, kann für Eltern ungemein hilfreich und erleichternd sein. Die einfachsten, grundlegendsten Dinge sind hier gefragt: Ruhe, Respekt, Einfühlung. Das Resultat ist eine unvergleichlich gesunde Spiel- und Bewegungsentwicklung. Das Kind ist der beste Förderer seiner selbst.

Wenn es uns dann ausserdem noch gelingt, alles Belehrende im Umgang mit dem Kind zu vermeiden und es die Welt ganz selbstständig entdecken zu lassen, dann haben wir einen weiteren grossen Schritt zur Entfaltung des Spiels gemacht. Der Strom des Spiels stockt sofort, wenn wir den Lehrer spielen, der halt weiss, «wie es geht», auch wenn dies sehr subtil geschieht. 

Lasst uns Kind sein
Spielen fördert die Neugier.

Das Spiel befreien

Kinder haben eine unglaubliche Lernfreude. Lernfreude und Spielfreude sind eng verflochten. Diese Art von freiem Spiel ist fern von allem Wettbewerb angesiedelt. Der Wettbewerb durchzieht unsere Gesellschaft fast bis in den hintersten Winkel. Viele meinen, Kinder würden ihn schon mit auf die Welt bringen. Mitnichten! Antoine de Saint-Exupéry sagte zu Recht: «Kinder müssen mit den grossen Leuten viel Nachsicht haben.»

Wenn es uns gelingt, den Kindern eine Umgebung zu schaffen, in welcher das freie Spiel möglich ist,  wenn wir das Vertrauen in die ungeheure Entwicklungskraft, die dem freien Spiel innewohnt, aufbringen, dann können wir das Spiel der Kinder wieder geniessen wie das Spiel des Wassers in einem Bergbach. Es erfrischt und belebt dann nicht nur die Kinder, sondern auch uns.

Es ist eine grosse Erleichterung für Eltern und Lehrkräfte, wenn sie erleben, dass sie Spiel nicht «machen» und auch nicht kaufen müssen – sondern, dass es «nur» ihre Aufgabe ist, das freie Spiel zu ermöglichen.


Maria Luisa Nüesch
Kindergärtnerin und Eurythmistin

Maria Luisa Nüesch: Begleitungskunst in Eltern-Kind-Gruppen. Verein Spielraum-Lebensraum, 2015.
Maria Luisa Nüesch: Spiel aus der Tiefe. Von der Fähigkeit der Kinder, sich gesund zu spielen. K2, 2004.
Monika Aly: Mein Baby entdeckt sich und die Welt. Kindliche Entwicklung achtsam begleiten nach Emmi Pikler. Kösel, 2011