FondsGoetheanum: Pädagogik und Kleinkinderziehung

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Ist Kinder erziehen eine Kunst?

Kunst hat einen hohen Stellenwert in der anthroposophischen Erziehung. Als Verbindung von Können und Wissen, aber auch ganz direkt durch den substanziellen Anteil an musischer Erziehung.

Wann spricht man von Kunst, zum Beispiel von Heilkunst? Wenn Können und Wissen eine Einheit geworden sind und auch so angewandt werden dürfen. In den Rudolf Steiner Schulen spricht man noch gerne von der Erziehungskunst, denn man ist bestrebt, Wissen und Können zu verbinden.

Sinds die Gene, ists die Umwelt?

Es gibt den Gesichtspunkt der Doppelheit eines Kindes im Hinblick auf genetische Veranlagung und Sozialisation. Dazu haben die Neurowissenschaften gezeigt, dass sich die Folgen von Veranlagung und Sozialisation in einem neurologisch offenen System zusammenfinden und im Endeffekt den Menschen ergeben, wie er sich uns zeigt. Der sagt uns, dass neben dieser Doppelheit ein Drittes im Spiel ist.

Christof Wiechert
Christof Wiechert, Leiter der pädagogischen Sektion am Goetheanum

Das Dritte im Bunde

Dieses Dritte kann man bezeichnen als dasjenige, für wen die Veranlagung da ist. Denn ich bin nicht meine Veranlagung, sondern ich habe sie. Ich bin nicht meine Sozialisation, sondern ich erfahre sie. Aber was ich durch meine genetische Veranlagung erfahre und was ich erlebe durch die Umstände der Sozialisation, die Erlebnisse meiner Jugend, die Erlebnisse im Kindergarten, alles was die Schulzeit bringt, wie meine Eltern mit mir umgehen, was ich an meinen Lehrern erfahren und lernen werde, das wird mich prägen. Das heisst, man kann also auch statt einem dualen Gesichtspunkt einen «trialen» Gesichtspunkt einnehmen: Der Mensch (das Kind) hat eine genetische Veranlagung, die er aber nicht ist und erfährt eine Sozialisation, die ihn prägt, die ihn aber auch nicht ausmacht. Der dritte im Bunde ist der Mensch selbst. Und auf den kommt es an.

Was bedeutet das für das Können?

Sehr viel. Zum Beispiel, dass man im Rudolf Steiner Kindergarten den Mut hat, die Kinder spielen zu lassen, weil man weiss, das Spiel bringt Veranlagung und Sozialisation in ein dem Kinde förderliches Gleichgewicht: Es beginnt sich in seiner «Behausung» wohl zu fühlen, es lernt seine «Instrumente» zu gebrauchen.

Das Spiel ist ein grosser Lehrmeister

Werden Defizite wahrgenommen, werden die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner auf der Stufe, auf der die Kinder sich befinden, helfend eingreifen können. Gibt es zum Beispiel ein Sprachdefizit, erhält das Kind eine entsprechende Therapie. Oder haben wir durch Spiel, Verse, Reigen, durch die Pflege der Sinne eine so starke Wirkung, dass das Kind sich selbst heilen kann?
Wie kann ein Sprachdefizit entstehen? Es kann zum Beispiel dadurch entstehen, dass im frühkindlichen Alter nicht genug taktile Erfahrungen, nicht genug Tasterfahrungen gemacht worden sind. Das ausgebildete Tastzentrum im Gehirn ist später der Ort, an dem der Wortschatz veranlagt wird. Vernünftig geleitetes Spiel mit vielen Tasterfahrungen kann sehr wohl die Sprachfähigkeit anregen und nur teilweise Entwickeltes zur weiteren Entwicklung führen.

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Die Schule hat eine soziale Mission: Je heterogener, desto stärker sind Interesse, Toleranz und Zusammenarbeit.

Motivation von innen her

In den Rudolf Steiner Schulen weiss man, wie wichtig Motivation zum Lernen ist.
Man gebraucht da sogar das altmodische Wort (von Piaget) der intrinsischen Motivation, der Motivation von innen her. Da gibt es einen Schüler mit Neigung zur Mathematik oder sagen wir zur Chemie. Im klassischen Stundenplan kann er seiner Neigung höchstens 45 Minuten viel leicht dreimal in der Woche nachgehen. Man kann sagen, so erzieht man Nervenbündel.
Man kann es auch anders machen. Chemie oder Mathematik werden vier Wochen lang jeden Tag zwei Stunden hintereinander unterrichtet. Man ist nicht gehetzt, kann fortsetzen, was gestern und vorgestern begonnen wurde. Man kann den Stoff ausloten, anreichern, ihn auch interaktiv bearbeiten. Vielleicht konstruieren die Schüler eine Hyperbel selbst, statt sie bloss im Computer anzuschauen. Auch das bestätigt die Wissenschaft heute: Feine manuelle intelligente Betätigungen zu fördern wirkt auf die Lernfähigkeit. Immer nur den Kopf gebrauchen strapaziert die Lernfähigkeit. Diese Art des Unterrichts wird Epochenunterricht ge nannt.

Vergessen lernen

Vieles machen die Rudolf Steiner Schulen anders. Sie erlauben dem Schüler sogar, Teile von dem, was einmal intensiv gelernt worden ist, zu vergessen. Ein gutes Gedächtnis entsteht im Schüler nicht dadurch, dass er nie etwas vergessen darf. Es entsteht, wenn er vergessen und unter kundiger Anleitung sich wieder erinnern darf. So werden Arbeitsgedächtnis und Langzeitgedächtnis getrennt trainiert: Was darf ich jetzt vergessen, was soll ich festhalten? Das drückt sich dann im Stundenplan aus in den Fächern, die ausgesprochene Übfächer sind und wöchentlich gehalten werden. Eben so im Epochenunterricht, wo Lernen und Verstehen zentral sind. Es ist wie ein Atmen im Intellekt.
Es gab eine Zeit, wo man dachte, Kunst (auch an den Schulen) sei Luxus. Und hin und wieder schaut diese Idee versteckt noch um die Ecke. Wer aber Forschung ernst nimmt, weiss spätestens seit Beginn dieses Jahrhunderts, dass eine musische Erziehung für die kreative intelligente Betätigung unerlässlich ist. Der weiss, dass ein elementarer Unterricht in Zeichnen oder Malen bedeutende Vorbedingungen schafft für die Orientierung in der Welt. Darum pflegen diese Schulen auch ein musikalisches und bildnerisches  Angebot. Auch für die sogenannten Unmusikalischen und Unkünstlerischen. Denn die gibt es eigentlich nicht. Auch hier: Der Lehrplan kann atemlos machen, er kann auch zum Atmen anregen.

Vormachen, nachmachen, leicht machen

Spätestens seit der Entdeckung der Spiegelneuronen weiss man, das kleinere Kind lernt nicht durch seinen Verstand. Es lernt durch das anregende Beispiel, durch Vorbilder, die nachahmenswert sind. Nicht nur zeigt sich hier die ethische Verantwortung, die man für allen Unterricht trägt, er wirkt sich auch ganz praktisch aus. Zum Beispiel ist das frühe Fremdsprachenlernen mit dem Verstand eine Tortur, die viele durch gemacht haben und diese Zeit lieber vergessen oder verdrängen. Fremdsprachenlernen rein aus dem Nachmachen, wie bei der Muttersprache, indem der Lehrer sich während des Unterrichts nur in diesem Sprachraum aufhält, wirkt natürlich und motivierend.
Schule hat nicht nur eine Bildungsaufgabe. Wichtig ist heute die soziale Mission der Schule, an welchem Ort, in welchem Stadtteil sie auch steht: Jedes Klassenzimmer ist der geschützte Übraum für das, was man später alleine in der grossen Welt können muss. Auch da haben die Rudolf Steiner Schulen etwas entdeckt: Je heterogener die Fähigkeiten in einer Klasse durchmischt sind, umso stärker entwickeln sich Interesse, Toleranz und Zusammenarbeit zwischen den Schülern.
Auch weiss man aus vielen Forschungen, dass die Heterogenität die individuellen Leistungen nicht beeinträchtigt. So gesehen ist unterrichten dürfen ein zeitgemässer Auftrag. Wenn man denn Erziehungskünstler sein darf.