FondsGoetheanum: Saatgut betrifft uns alle

FondsGoetheanum: Saatgut betrifft uns alle

Biodynamische Züchtung bringt Kultur und Pflanzen weiter

Züchten warum? Für welche Bedürfnisse? Die alten Getreidesorten taten sich schon vor einem Jahrhundert schwer mit der zunehmenden Intensivierung der Land­wirtschaft. Die Folge waren Anbau-­ und Qualitätsprobleme. Die Lösung ist die Neuzüchtung aller Kulturpflanzen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Schon vor 100 Jahren bereiteten die alten Getreidelandsorten den Land­wirten grosse Probleme. Sie waren den Anforderungen der sich ver­änderten Anbaubedingungen und der intensivierten Landwirtschaft, insbesondere dem Stickstoffdünger nicht mehr gewachsen. Als Rudolf Steiner deshalb gefragt wurde, was man tun könne, um die Verschlech­terung der Qualität der Produkte trotz steigender Erträge zu verhin­dern, antwortete dieser kurz und knapp, dass alle Kulturpflanzen neu gezüchtet werden müssen.  

Für etliche Menschen war diese Aussage Anlass, mit Kulturpflan­zen züchterisch zu experimentieren. Jedoch erst in den späten 1970er Jahren wurden die biodynamischen Züchtungsideen angesichts der her­aufkommenden Saatgutmultis und der Molekulargenetik so konkret und pragmatisch aufgegriffen, dass 20 Jahre später in der Praxis ver­wendbare Sorten entstehen konnten.

Saatgut betrifft uns alle

Züchtung und die Entwicklung der Landwirtschaft

Die Intensivierung der Landwirt­schaft ist unterdessen weiter fort­geschritten: auch auf einem gut ge­führten Biobetrieb wird heute zwei bis dreimal so viel Weizen pro Hek­tar geerntet wie noch vor 100 Jah­ren. Die Züchtung hat alle Kultur­pflanzen verändert und fortlaufend an die sich ändernden Anbaubedin­gungen und an die Erwartungen der Verarbeiter und Konsumenten angepasst: ohne Züchtung wäre die heutige Intensivproduktion über­haupt nicht möglich.

Neue Getreidesorten dürfen nicht oder höchstens geringfügig von den Ertrag beeinträchtigenden Pilzkrank­heiten befallen werden, sie müssen sicher und standfest sein, damit sie ihren Ertrag bis zur Ernte aufrecht tragen können, und das Mehl soll einen Teig bilden, der trotz Gär­stopp und Kühllagerung über lange Zeit stabil bleibt, damit die Bäcker einen «normalen» Arbeitstag haben und nicht schon um ein Uhr früh, sondern erst um sechs Uhr in die Backstube müssen. 

Bleibt die eigentliche Qualität auf der Strecke?

Spätestens jetzt muss die Frage auftauchen, wieweit alle diese An­forderungen mit dem Wesen der Pflanzen überhaupt zu vereinbaren sind. Viele Züchtungs-­, Düngungs-­ und Anbaumassnahmen befördern vorwiegend das vegetativ «wuchern­de» und ertragsbildende Wachstum, während die Umwandlungs-­ und Reifungsprozesse vernachlässigt werden. Diese wiederum wirken jahreszeitlich sehr unterschiedlich, prägen jedoch Aroma, Geschmack und Struktur, sind also die im ei­gentlichen Sinne qualitätsbildenden Elemente. 

Züchtung ist Geburtshilfe für Neues

Die Lebenswelt und damit auch die Kulturpflanzen sind nicht ein für alle Mal geschaffen worden, son­dern sie sind in einer fortdauernden Entwicklung. Das wird uns heute erst allmählich bewusst und macht vielen Menschen Angst. Die Versu­che am Alten, beispielsweise an al­ten Sorten festzuhalten und sie in Genbanken zu konservieren, kön­nen das Problem nicht lösen, denn es ist den Pflanzen absolut wesens­fremd. Sie wollen jedes Jahr wach­sen und sich aus der Erde und dem Kosmos neu bilden und gestalten lassen. Die Züchter begleiten und gestalten diesen Prozess, das Ent­stehenlassen neuer Variation und Vielfalt durch die jahrelange Aus­lese und dann die Reinzüchtung der neuen Sorten.

Während dieses Prozesses bilden sich neue Veranlagungen und schliess­lich neue Eigenschaften der Pflan­zen sowie Pflanzentypen, die vorher nicht existiert haben. So arbeiten die Züchter in kleinen Schritten an der Neuzüchtung aller Kultur­pflanzen mit. In ihren Zuchtgärten wachsen viele Unikate. Das sind Pflanzen, die es sonst nirgendwo gibt, Pflanzen, die vom Züchter er­kannt und weiter entwickelt werden müssen, damit sie in Zukunft ihren Beitrag an die Ernährung der Men­schen leisten können. 

Ein dynamisches Pflanzenbild ist gefordert

Die Pflanzen sind viel mehr als das, was die heutige Wissenschaft in ihnen sieht. Das wissenschaft­lich-­reduktionistische Denken sieht sie nur als komplizierte biologische Mechanismen. Pflanzen sind Lebewesen, die aus dem Bezug zu anderen Elementen in ihrer Um­welt leben, Substanz bilden und sich diesen Beziehungen entspre­chend ausgestalten. So bilden sie ein quantitativ­-qualitatives Bild ihrer Umwelt. Im Schatten gewachsene Pflanzen bilden andere Qualitäten aus als jene am Sonnenhang. Dies aktiv zu beobachten und zu verfol­gen, bildet ein offenes, bewegliches Denken und Empfinden aus. Es ist Voraussetzung dafür, den Materialismus zu überwinden und neue soziale Formen auszugestalten.

Saatgut betrifft uns alle
Für die Kreuzung vorbereitete Ähren werden mit Papiertüten gegen zufällige Bestäubung geschützt

Pflanzen sind offene Lebewesen, der Hof und die Umwelt gestalten mit

Die Pflanzen sind offene Lebewesen. Sie leben, indem sie fortwährend wachsen und sich im Wachstum aus ihrer Umwelt heraus mitgestalten lassen. Die Samenphase ist nur eine zeitlich begrenzte Wachstumsruhe. Die Hälfte ihres Wesens lebt in der Umwelt, in der Landschaft und im Hoforganismus. Ihn zu gestalten ist Aufgabe der Landwirte, nicht der Züchter. Die Züchter müssen je­doch die landwirtschaftlichen Be­dingungen sehr gut kennen, eine enge Zusammenarbeit ist erforder­lich, wenn die Züchtung von in jeder Hinsicht guten Sorten gelingen soll. Die Züchterin, der Züchter hat von jeder Pflanzenart herauszufinden, was ihr charakteristisches Wachstum und ihre typische Entwicklung ausmacht. Sonst verliert sich die ty­pische Qualität, denn diese ist nicht naturgegeben, sie wird vom Men­schen erkannt, begriffen, ergriffen und neu gestaltet. Das sind subtile Fragen, die eine intime Pflanzen­kenntnis und mutige Entscheidun­gen für Zukünftiges erfordern.

Wie weit können beispielsweise die alten, hoch krankheits-­ und lage­r-anfälligen Dinkelsorten so ver­bessert werden, dass das Risiko einer Missernte bei den Landwir­ten eingegrenzt und die typische Dinkelqualität dennoch erhalten bleibt? Wie können Rüeblisorten das für die Maschinenernte erfor­derliche grüne Laub behalten und doch lagerfähig sein, aromatisch schmecken und knackig im Biss sein? Wie können die Getreide den wochenlangen Regen vor der Ernte überstehen, ohne in der Ähre aus­zuwachsen und ohne jene enzym­hemmenden Substanzen zu bilden, welche die Keimung bei der nächs­ten Aussaat und möglicherweise die Verdauung bei Mensch und Tier behindern und das Getreide unver­träglich machen?

Saatgut betrifft uns alle
Erntebüschel von neuen Dinkel- Zuchtstämmen

Urproduktion intensivieren statt industrielle Produktion steigern 

Biologisch­dynamische Pflanzen­züchtung ist die Integration der Züchtung in den landwirtschaft­lichen Betriebsorganismus. Anders als die konventionelle, beschränkt sich die biologische Landwirtschaft weitgehend auf die im Betrieb und am Standort vorhandenen Ressour­cen. Damit gilt es zu haushalten. Die Mittel werden beispielsweise in der Fruchtfolge oder im ausgewogenen Verhältnis zwischen Pflanzenbau und Tierhaltung so eingesetzt, dass sie sich gegenseitig unterstützen und verstärken können. Dem hat auch die Bio­-Züchtung Rechnung zu tragen. Die gesuchten Sorten sollen in der Lage sein, alle verfüg­baren Ressourcen so gut zu nutzen, dass gute Erträge von hoher Qua­lität entstehen. Hohe Erträge sind ein Ziel jeder gesunden Landwirt­schaft. 

Die Bio-Züchtung steht vor grossen Herausforderungen – packen wir sie an!

Klimatische Veränderungen kom­men schneller als wir denken, ver­mehrte Pilzkrankheiten werden sie begleiten. Dieses Jahr haben wir erlebt, wie grosse Teile der Zucht­gärten ausgeräumt werden muss­ten, weil sich der Gelbrost stark breitgemacht hatte. Für die Züchter ist das gut, denn sie können wider­standsfähige Pflanzen von anfälli­gen unterscheiden und ausscheiden, aber wenn derart anfällige Pflanzen grossflächig im Anbau sind, kann es schnell dramatisch werden, weil der Ertragsausfall für die Landwirte gravierend ist. Die Züchter müssen ständig am Puls der Entwicklung sein. Auch der biologische Anbau wird sich verändern. Weitere Inten­sivierungen in der Kulturführung sind angesagt und wir müssen in Zukunft noch wesentlich sorgsamer mit den Ressourcen umgehen. Auch muss darauf hingearbeitet werden, dass in allen Regionen der Erde diejenigen Nahrungsmittel erzeugt werden, die dort gebraucht werden. 

Bio-Züchtungen sind kein Luxus – Saatgut für die Zukunft

Deshalb braucht es weltweit viele kleine, regional aktive Züchtungs-initiativen. Wir können nicht mehr mit der Illusion in der reichen Schweiz oder in Europa leben, bei Bedarf alles Wünschenswerte bil­lig aus Südamerika, Afrika, Indien oder sonst irgendwoher heranholen zu können. Denn wenn wir es tun, leeren wir die Teller derjenigen, die weniger Geld zur Verfügung haben als wir! 

Bio-­Züchtung oder organische Pflanzenzüchtung (organic plant breeding) ist deshalb kein Luxus, den wir uns leisten können, weil wir im reichen Europa sitzen, sondern sie ist eine Notwendigkeit, die wir uns aus Interesse für die folgenden Generationen leisten müssen. Wir tragen die Verantwortung für die Kulturpflanzen. Der Weizen hat 10000 Jahre Geschichte hinter sich und in nur hundert Jahren hat die Züchtung alle Kulturpflanzen dra­matisch verändert. Wie werden die Kulturpflanzen in hundert Jahren, im Jahr 2114 aussehen? Werden sie die Qualität haben, durch welche die Menschen dann wirklich er­nährt werden? 

Wir haben die Wahl!

Es ist an der Zeit, dass sich alle Partner der Lebensmittelprodukti­onskette und auch die Konsumen­ten bewusst werden, welche Aus­wirkungen ihr Verhalten am Ende bei den Pflanzen hat. Die Macht der marktbeherrschenden Saatgut­multis kann aufgebrochen werden, wenn die Züchtungsarbeit der Bio­-Züchter besser finanziert wird. Dies ist möglich, wenn immer mehr Bau­ern nachbaufähiges Saatgut dieser Züchter verwenden – und Verarbei­tungsbetriebe, Handel und Konsu­menten gezielt danach fragen.

Die Menschen, die im Lebensmit­telladen einkaufen, beeinflussen mit der Wahl der Produkte und mit dem Preis, den sie bezahlen, was bei der Erzeugung und letztlich auch in der Züchtung geschieht. Alle gestal­ten wir an dieser Entwicklung mit, wir haben die Wahl!

Peter Kunz
Getreidezüchtung Peter Kunz