FondsGoetheanum: Sozialtherapie und Heilpädagogik

FondsGoetheanum: Sozialtherapie und Heilpädagogik

Vom­ Älter werden­ mit ­Behinderung

Maximilian Buchka
Maximilian Buchka, Prof. Dr. paed. für Erziehungswissenschaft, insbesondere Sozial- und Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule NRW, Köln. Zahlreiche Publikationen, u.a. «Ältere Menschen mit geistiger Behinderung», Ernst Reinhardt Verlag, München

Seit meiner ersten Begegnung mit anthroposophischer Sozialtherapie schätze ich den offenen und anregenden Austausch mit ihren Repräsentanten. Dabei ging und geht es nie um das Überwinden ideologischer Grenzen, sondern um das gemeinsame Bemühen, Menschen mit Behinderungen immer besser zu verstehen und damit adäquat begleiten und unterstützen zu können. Äusserer Ausdruck dieser fruchtbaren Zusammenarbeit sind die jährlich gemeinsam durchgeführten Tagungen anthroposophischer Ausbildungsstätten und staatlicher Hochschulen, an denen Studierende und Fachleute in Austausch kommen.

Selbstbestimmung und Biographie sind zentral

Anthroposophische Sozialtherapie schafft Lebens- und vor allem Entwicklungsräume für Menschen mit Behinderungen in Dorfgemeinschaften oder anderen Wohnformen. Gemeinsam ist ihnen die vorbehaltlose Akzeptanz und Wertschätzung der begleiteten Persönlichkeiten. So stehen die individuellen körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen im Vordergrund; die Begleitung, Betreuung und Unterstützung zielt auf die Entwicklung von Kompetenzen im Hinblick auf eine grösstmögliche Selbstbestimmung und Teilhabe an der Gesellschaft. Dabei werden die Menschen mit Behinderung darin unterstützt, ihre Biographie anzunehmen und zu gestalten mit dem Ziel, sich selbst und ihre Aufgabe als etwas Sinnhaftes zu erleben. Wichtige Faktoren anthroposophischer Sozialtherapie sind die vielseitigen künstlerischen Aktivitäten, die lebenslange Bildung und die Schaffung von Lebensräumen, die eine gelingende Biographie ermöglichen.

Lebenserwartung unter erschwerten Bedingungen

In den letzten Jahrzehnten hat sich die anthroposophische Sozialtherapie vorbildhaft und intensiv mit allen Fragen im Zusammenhang mit den älter werdenden Men­schen mit einer Behinderung auseinandergesetzt. Der Übergang vom Erwerbsleben ins Seniorenalter ist auch für diese Menschen oft mit erschwerten Lebens- und Lernbedingungen verknüpft und stellt damit an die Betreuenden neue und ungewohnte Anforderungen. Drei Säulen bilden die Grundlage des Umganges mit dem Alter im Bereich anthroposophischer Sozialtherapie: der bilanzierende Blick zurück in der Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie, die Bewältigung des Lebens und seinen unter Umständen erschwerten Bedingungen in der Gegenwart und die sinnvolle Gestaltung der Zukunft, die Lebensplanung im Alter. Dabei geht es auch um das adäquate Ansprechen und Bearbeiten aller Fragen im Umkreis von Tod, Sterben und Trauer. Anthroposophische Sozialtherapie ist für ältere Menschen mit einer Behinderung, ihre Angehörigen und für viele Institutionen ein fachliches Hilfsangebot, das unverzichtbar geworden ist.