FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum

FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum

Börse und Ethik, geht das?

Unternehmen sind in erster Linie Menschengemeinschaften, die Wirtschaftsleistungen erbringen. So gesehen, werden weiterhin Menschen gehandelt, wenn Unternehmen gehandelt werden. Es gibt Handlungsbedarf.

Als Börse bezeichnen wir einen organisierten Marktplatz. Auf dem Marktplatz werden Waren getauscht. Als Ware versteht man in der Volkswirtschaft alle Güter, die auf einem Markt angeboten werden. Wir kennen die regelmässig wiederkehrenden Bauern- oder Stadtmärkte, auf denen die Produzenten und Händler ihre Produkte anbieten. Bei der Börse ist es ähnlich, nur sind die getauschten Waren abstrakter.

FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum
Von den lokalen Märkten lernen.

Bis vor 200 Jahren wurden Sklaven gehandelt

Nun kümmert sich die Volkswirtschaft bekanntlich wenig um Ethik. Unter den handelbaren Gütern wurden bis vor ca. 200 Jahren auch Menschen als Sklaven gehandelt. Um die Frage nach der Ethik im Börsenwesen anzugehen, müssen wir uns Vorstellungen über die Handelbarkeit von Gütern machen. Nicht alle Dinge sind handelbar, das heisst, nicht alle können als Ware bezeichnet werden.

Heute werden Unternehmen und Unternehmensanteile in Form von Aktien weltweit bedenkenlos gehandelt. Unternehmen sind aber in erster Linie Menschengemeinschaften, die wirtschaftliche Leistungen erbringen. So gesehen werden auch Menschen gehandelt, wenn Unternehmen gehandelt werden, nur in subtilerer Weise als früher.

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand sich als Aktionär oder Obligationär für ein Unternehmen engagiert und später, aus welchem Grund auch immer, wieder aus dem Engagement heraus will oder muss. Dafür braucht es Möglichkeiten, eben, einen Marktplatz. Das ist die finanzielle Seite. Aber die menschliche Seite des Unternehmens, die Leitung und Leistung erbringenden Menschen, sollten nicht gehandelt werden können.

Sind Aktien noch zeitgemäss?

Es wären ganz andere Prozesse notwendig, um Unternehmen sozialverträglich einer neuen Leitung zu überführen. So fragt sich, ob die Aktie überhaupt die richtige Form ist, denn in ihr sind sowohl Finanzierung (in Form von Eigenkapital) als auch Eigentum (in Form von Bestimmung der Leitung) vereint. Müssten wir nicht die Aktiengesellschaft neu erfinden? Finanzierung und Leitung völlig trennen, damit die Aktien keine Kontrollen mehr über das Eigentum und die Leitung ausüben?

Eine weitere Frage stellt sich: Ist der Vorgang von Angebot und Nachfrage wirklich die einzig richtige Preisbildung in einem Marktplatz? Denn Angebot und Nachfrage werden immer durch ein drittes Element korrumpiert: dem Geld als Zahlungsmittel. Es konkurrenziert sozusagen den Marktvorgang, denn Angebot und Nachfrage nach Geld sind dabei immer mit im Spiel.

Die Börse könnte von lokalen Märkten lernen

Wenn zu viel Geld im Umlauf ist, steigen die Preise. Das zeigt sich als Inflation im Konsumgüterbereich und als Blasenbildung in den Finanz- und Immobilienmärkten. Wir brauchen deshalb assoziativ – das heisst unter Partnern gemeinsam – gebildete Preisfindungsregeln. Was sich in einem lokalen Marktplatz durch die Nähe von sich aus ergibt, wird auch an der Börse nötig, um orientierend in die Preisbildung wirken zu können.

Daniel Maeder