FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum

FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum

Ein Wohnhaus ist wie ein Paar Schuhe

Mit einem gekauften Wohnhaus lässt sich die eigene Produktivität nicht steigern wie etwa die Produktivität eines Bauern durch den Kauf eines Traktors. Betrachtet man das Haus jedoch als Gebrauchsobjekt, eröffnen sich erfreuliche Perspektiven. 

Wenn der Bauer einen Traktor kauft, muss er sich hierfür oft verschulden und einen Kredit aufnehmen. Mit Hilfe des Traktors steigert er seine Produktivität, d.h. er kann in der gleichen Zeit wie früher mehr Ackerfläche bearbeiten und dadurch mehr Getreide produzieren.  

Dank der Erhöhung der verkauften Getreidemenge wird es ihm möglich, sowohl den Zins des Kredits zu begleichen, wie auch regelmässig einen Teil des Kredits zurückzuzahlen. In absehbarer Zeit darf er dann selbst mit einem Gewinn rechnen.

FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum
Mit einem Traktor kann man die Produktivität steigern, mit einem Wohnhaus nicht.

Ein Haus sollte ein Gebrauchs-, nicht ein Renditeobjekt sein

Der Käufer eines Eigenheims ist meistens darauf angewiesen, einen Kredit aufzunehmen, eine Hypothek. Im Unterschied zum Bauern bietet ihm das Wohnhaus jedoch keine Möglichkeit, seine Produktivität zu steigern.  

Damit er die Zinsen bezahlen und die Rückzahlung der Hypotheken leisten kann, ist der Käufer somit gezwungen, entweder mehr Lohn zu fordern, mehr zu arbeiten, seine Ausgaben zu reduzieren – oder er kann sich das Haus wegen seiner Einkommensverhältnisse gar nicht leisten.  

Ähnlich, jedoch noch weit ausgeprägter, geht es den Mietern, die über ihren Mietzins – neben anderen Kosten – auch die Hypothekarzinsen des Eigentümers sowie einen Gewinn zu seinen Gunsten aufbringen müssen. 

Wohnraum ist so lebensnotwendig wie Schuhe

Ist ein Wohnhaus nicht einfach eine Ware, das heisst ein Gebrauchsobjekt, wie zum Beispiel ein Paar Schuhe? Ein Haus hat zwar viel höhere Erstellungskosten als Schuhe, aber es ist genau wie diese ein lebensnotwendiges Gebrauchsobjekt, dessen Wert mit der Nutzungsdauer abnimmt, sofern es nicht regelmässig instand gestellt und renoviert wird.  

Würde das Haus wie ein Gebrauchsgut behandelt, würde man davon absehen, mit diesem eine regelmässige Rendite erzielen zu wollen. Dadurch könnten die Lebenshaltungskosten reduziert werden. Denn indem mit Häusern über Zinsen und Renditen Gewinne erzielt werden, werden sie gleichgestellt mit Produktionsmitteln und behandelt wie Traktoren oder andere Werkzeuge und Maschinen.  

Dies zieht eine Verteuerung in verschiedener Hinsicht mit sich: Die Wohnkosten werden teurer, in der Folge müssen die Löhne steigen, und die Unternehmer müssen die Preise der Produkte anheben, um die höheren Löhne zu ermöglichen oder um die Liegenschaftskosten des Unternehmens zahlen zu können.  

Ein renditefreier Umgang mit Wohnhäusern

Den Wohnraum renditefrei zur Verfügung zu stellen, ist möglich. Voraussetzung ist allerdings, dass die Finanzierung und der rechtliche Rahmen anders gelöst werden müssen. Wie könnte es aussehen? Mehrere Privatpersonen ermöglichen durch zinslose Darlehen den Kauf eines Hauses. Die Bewohner dieses Hauses zahlen die Darlehen durch monatlich zu entrichtende Wohnbeiträge an die Geldgeber zurück.  Wichtig ist, dass das Haus in eine Gesellschaft mit entsprechenden rechtlichen Grundlagen eingebracht wird, die verhindert, dass das Haus später vererbt oder mit Gewinn weiterverkauft werden kann. Um welche Art von Gesellschaft es sich handelt, ist dabei weniger von Belang. Wichtig ist jedoch, dass mit geschickten Statuten und Verträgen verhindert wird, dass das Haus je zu einem Spekulations- oder Renditeobjekt wird.

Günstiger wohnen, weniger Marktblähungen und -blasen

Das Wohnen in derart finanzierten Häusern würde günstiger. Es besteht dann die Möglichkeit, Familien mit Kindern durch günstigere Wohnkosten zu entlasten und die Wohnfinanzierung so zu berechnen, dass anstelle von spekulativ eingesetzten Rücklagen für die Altersvorsorge wie z.B. der Pensionskasse, im Alter kostenloser Wohnraum zur Verfügung stünde.  

Dadurch könnte die Aufblähung des Kapitalmarkts, welcher anstatt zu mehr Sicherheit und Vorhersehbarkeit zur Bildung von Blasen und Unsicherheit führt, zumindest etwas eingeschränkt werden.   


Jonathan Keller 


Wichtig ist zu verhindern, dass ein Wohnhaus je zu einem Spekulations- und Renditeobjekt wird.