FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum

FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum

Günstig zur Miete wohnen ist möglich und "in"

Was unrealistisch scheint, ist in Tat und Wahrheit ein Erfolgsmodell für kostengünstiges, gemeinsames Wohnen. Bereits weit über 100 funktionierende Projekte beweisen es.


Wohnen ist ein wichtiger Teil der Lebensqualität. Wie und wo man wohnt und mit welchen Menschen man in einem Haus zusammenlebt, ist dabei entscheidend. Wohnraum ist knapp. Die Mieten sind hoch, sodass es insbesondere für junge Familien und weniger gut Verdienende schwierig ist, so zu wohnen, wie sie es sich wünschen.   

Selbstbestimmter Wohnraum ist der Wunsch, das Ideal vieler. Die Realisierung dieses Ideals scheitert oft an der Frage des Kapitals, denn die meisten Menschen, die sich für solche Projekte interessieren, haben nicht viel Geld.

FondsGoetheanum: Der Irrglaube vom grenzenlosen Wachstum
Kostengünstig zur Miete wohnen ist «in», funktioniert und zieht Kreise.

Ein spekulativer Hausverkauf ist für immer ausgeschlossen 

In Deutschland gibt es ein sehr interessantes, nachahmenswertes Beispiel, das eine Lösung erarbeitet hat: Das Mietshäuser Syndikat. Heute umfasst es 112 Projekte und 20 Projektinitiativen. Sie unterscheiden sich in der Grösse der Wohn- und Nutzflächen, den Lagen, den Finanzierungssummen und der Anzahl Bewohnerinnen und Bewohner.   

Doch allen Projekte gemeinsam ist: Sie sind selbstorganisiert. Bei allen ist das Mietshäuser Syndikat an der Hausbesitz-GmbH beteiligt. Damit ist ein spekulativer Hausverkauf für alle Zeiten ausgeschlossen. Alle Projekte haben sich zudem verpflichtet, Beiträge zum gemeinsamen Solidarfonds zu bezahlen.   

Der Hausverein ist gefordert und selbstverantwortlich 

Viele Fragen und Aufgaben kommen auf Menschen zu, die gemeinsam an einem solchen Wohnprojekt interessiert sind. Zuerst die Finanzierung, denn für den Erwerb einer Immobilie muss der Hausverein Hunderttausende Euro leihen – mit Krediten der Bank und direkt von Menschen, die das Projekt unterstützenswert finden und dort ihre Ersparnisse «parken».  

Das ist keine einfache Aufgabe, denn Kredite kosten laufend Geld, nämlich Zinsen und Tilgung. Sie betragen oft mehr als drei Viertel der Mietzinsen. Aber das ist nicht die einzige Herausforderung. Die Gruppendynamik gemeinsamer Bauaktivitäten fordert alle Mitglieder.   

Der jeweilige Hausverein – bestehend aus den Mietern – führt das Projekt selbstverantwortlich. Das Zusammenleben gestalten die Mieter selbst – ohne Einfluss durch Dritte. Der Hausverein hat alleiniges Entscheidungsrecht darüber, wer einzieht, wie die Kredite besorgt werden, wie umgebaut wird, wie hoch die Mieten sind usw. Der Massstab für alle Entscheide ist die Machbarkeit, auch die finanzielle.   

Die Hausbesitz-GmbH hat wenige, aber entscheidende Aufgaben 

Jedes Projekt hat eine Hausbesitz-GmbH. Diese hat nur zwei Gesellschafter mit je einer Stimme, nämlich den jeweiligen Hausverein und das Mietshäuser Syndikat. Die Hausbesitz-GmbH hat nur zwei Aufgaben, nämlich die Satzungsänderungen und die Veräusserung der Liegenschaft.   

Im GmbH-Vertrag ist vereinbart, dass bei Ausstieg aus dem Mietshäuser Syndikat für die Gesellschafter kein Anrecht auf Anteil an der Wertsteigerung besteht, welche die Immobilie durch den Markt erfährt. Damit ist gewährleistet, dass einerseits die Autonomie des Zusammenlebens von den jeweiligen Mietern gemeinsam wahrgenommen wird und dass andererseits keine spekulative Weiterveräusserung der Immobilie möglich ist.  

Das Mietshäuser Syndikat kontrolliert und wacht 

Das Mietshäuser Syndikat hat eine Art Kontroll- und Wächteraufgabe. Es garantiert die Aufrechterhaltung der Grundidee. Bei allen Projekten ist das Mietshäuser Syndikat an der Hausbesitz-GmbH beteiligt, und alle Projekte verpflichten sich, Beiträge in den gemeinsamen Solidarfonds zu bezahlen, mit dem langfristig neue Projekte angestossen werden. Plant eine Gruppe von Menschen ein solches Projekt, werden diese kostenlos beraten von erfahrenen Mitgliedern von länger bestehenden Hausvereinen.   

So werden die Projekte finanziert 

Die Hausbesitz-GmbH hat ein geringes Stammkapital, in der Regel sind es 25’000 Euro. Es wird von beiden Gesellschaftern, dem Hausverein und dem Mietshäuser Syndikat, aufgebracht. Wie oben erwähnt, braucht es neben den Bankkrediten auch sogenannte Direktkredite aus dem Umfeld des Hausvereins, um das nötige Eigenkapital zur Realisierung des Immobilienprojekts zusammenzubringen. Wenn die Liegenschaft gekauft ist, können beim Umbau auch Eigenleistungen der Mieter erforderlich werden.  

Die grosse Nachfrage nach der vorbildlich und mit Herzblut dargebotenen Dienstleistung der Syndikat-Leute zeigt: Selbstbestimmter Wohnraum mit gemeinsamer Mitverantwortung ist ein aktuelles, menschliches Grundbedürfnis.   


Niklaus Schär
 

«Spekulative Weiterveräusserung von Immobilien ist nicht möglich»