News

News

Die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft

150 Kursangebote für an Weiterbildung interessierte Menschen

 Neben einer Vielzahl von bewährten Kursen in den Bereichen Beruf, Inspiration, Kunst und Ferien hat das Alanus Werkhaus im Jahr 2019 auch viele spannende neue Kurse ins Programm aufgenommen.

 … >>

Eliant

Eliant

Warum setzen wir in den Schulen digitale Medien ein, ohne die Auswirkungen zu kennen?

 … >>

Freunde der Erziehungskunst

Keine Selbstverständlichkeit: Schulen im ländlichen Afrika

In ihrem aktuellen Spendenaufruf bitten die Freunde der Erziehungskunst um Spenden für Waldorfschulen, die sich vor allem für Kinder in ländlichen Gegenden Afrikas einsetzen.

 … >>

Goetheanum

Erst die analoge, dann die digitale Welt

Internationale Konferenz der waldorfpädagogischen Bewegung setzt sich für eine entwicklungsorientierte Medienpädagogik ein

 … >>

Herbstakademie Frankfurt - eine inspirierende Vision

a:2:{s:4:"unit";s:2:"h3";s:5:"value";s:312:"Zum dritten Mal trafen sich Mitte November Schüler von Rudolf Steiner, Ken Wilber, Andrew Cohen und anderer Richtungen zur „Herbstakademie Frankfurt“. Diesmal stand die Frage im Mittelpunkt, wie die

Von: info3


Rückblickende Impressionen (Fotos hier) von Elke Janssen. Elke Janssen ist Theologin und lebt in Berlin:


Es ist fremd und doch erfüllt und kraftvoll. Gemeinsam, angestoßen durch den Input erstklassiger ReferentInnen, wollten wir das Thema „Evolutionäre Spiritualität und die jüdisch-christliche Tradition“ erforschen. Gewöhnlich geht man mit einem möglichst wachen Verstand in eine derartige Veranstaltung, vergleicht das geäußerte Wissen mit dem eigenen und stellt dann einen Wissensabgleich in der Diskussion mit den anderen Teilnehmenden her: ein geistiger Schlagabtausch, in den häufig, je nach persönlicher Klarheit der Teilnehmer, auch mehr oder weniger persönliche Empfindlichkeiten einfließen.



Hier war es anders. Bereits als Zuhörerin fand ich mich in einem meditativen Zustand wieder: Wach, ganz bei dem jeweils geäußerten Gedanken. Gleichzeitig war ich mir eines weiten Raumes bewusst, in dem die Worte in großer Beweglichkeit und Freiheit auftauchten. Es schien nichts wirklich Festes zu geschehen, sondern Ströme feiner Energie. Die geäußerten Gedanken kamen und gingen. Eigene Impulse zu dem Gehörten tauchten auf oder nicht. So anders, als ich mich manchmal kenne, wenn ich mich an bestimmten fixen Ideen festbeiße. Gewohnt bin ich dieses gemeinsame Eintauchen in andere Bewusstseinsräume durch jahrelange spirituelle schamanische Praxis in großen Gruppen. Jetzt eine auch intellektuelle Untersuchung in diesem Raum durchzuführen, klingt nach einem spannenden Abenteuer und trifft sich mit meiner persönlichen Vision von gutem intellektuellen Arbeiten. Überrascht war ich, dass dieses meditative Zuhören bereits mit der Beginn der Veranstaltung da war, nicht erst am 2. Tag, als unserer Tagung jeweils eine von Annette Kaiser angeleitete Morgenmeditation vorangestellt war.



Nach der Begrüßung durch Sonja Student von der Deutschen Integralen Akademie stellte uns Jens Heisterkamp von der anthroposophischen Zeitschrift info3 in die jüdisch-christliche Geschichte zu unserem Thema im Großraum Frankfurt. Erstaunlich viele Vorläufer, z. B. auch Hildegard von Bingen, konnte er bereits in diesem geografisch angrenzenden Raum entdecken und würdigen. Während seines Vortrags reisten wir in Gedanken mit ihm zur Klosterruine Disibodenberg oder tief unter die Erde in das reinigende Wasser einer alten jüdischen Mikwe. So entstand durch Persönlichkeiten und Orte ein plastisches Bild einer jahrhundertealten jüdisch-christlichen Tradition, auf deren Boden wir jetzt mit unserer Veranstaltung standen.



Im Vortrag von Annette Kaiser, spiritueller Lehrerin in der Schweizer Villa Unspunnen, mit dem weit gesteckten Thema „Evolutionäre Spiritualität, Welterbe und Weltzukunft“ wurde u.a. die Schönheit und Tiefe der verschiedenen spirituellen Traditionen, das geistige Welterbe, greifbar. Durch gefühlvoll gesprochene Zitate standen die Traditionen wie verschiedene Melodien ein und desselben Liedes klangvoll im Raum, stehen dort und wir Heutigen können darauf stehen und von diesem Boden den so nötigen Sprung in eine integrale Gesellschaft machen. Mit Annette Kaisers Vortrag, in dem sich Klugheit, tiefe spirituelle Erfahrung, kosmische Liebe und Lebendigkeit verkörperten, war eine gute Vorgabe für die nächsten Tage geschaffen.



Michael Habecker von der Deutschen Integralen Akademie stellte am nächsten Morgen das „Entwicklungssystem“ Ken Wilbers vor. Eine riesige, sehr differenzierte Landkarte von potenziellen menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten tut sich auf.



Und wir beginnen in E-Cafes („E“ für Evolution) mit der Übung einer Kommunikationsform, die an der World Cafe-Methodik orientiert ist. Erst ein bisschen holprig, weil wir uns von Zeit zu Zeit die Regeln vergegenwärtigen müssen: Gegenseitiges Zuhören, Fokus auf dem Thema halten und Orientierung daran, welche Gedanken in der Gruppe zwischen uns auftauchen.

An unseren Tischen mit vier bis sechs Personen bekommen die Gespräche im Laufe der Zeit etwas Magnetisches. Achtung und Nähe entsteht zwischen den Gesprächspartnern, interessante neue Aspekte zu dem jeweiligen Impulsreferat erschließen sich uns. Ich merke aber auch Schwierigkeiten, wenn ich diese Gespräche verlasse – in denen bei mir Kopf und Herz verknüpft sprechen – scheint mein Kopf nicht mehr so zu funktionieren, wie er es sonst tut. Ich kann anschließend kaum noch erinnern, was gesprochen wurde. Vermutlich braucht es Übung, bis mein Erinnerungsvermögen wieder funktioniert. Nach und nach im Laufe der Tagung breitet sich diese Kommunikationsform auch in unsere Tischgespräche beim Essen aus.



Weiter ging es – und das Programm war auf gute Weise tough – mit dem Thema „Keime der evolutionären Spiritualität in der jüdischen Mystik”. Der Anthroposoph János Darvas gibt eine kurze Einführung in die jüdische Kabbala: Ein mystisches, in mythischem Denken verankertes System, das eine Aufstiegsbewegung im göttlichen Sein beschreibt, die im En Sof, der unendlichen Gottheit, gipfelt. In der kabbalistischen Philosophie geht Gott ins Exil und macht Platz für die Entstehung der Welt. Bei der Schöpfung passierte jedoch ein Unfall und menschliches Streben ist darauf gerichtet, diesen Unfall zu heilen und eine bessere Schöpfung herzustellen.



Es war nicht so leicht für uns postmoderne Menschen, sich aus dieser Sphäre der mythischen Bewusstseinsschicht etwas sagen zu lassen. Postmoderne Arroganz taucht auf: „Wir haben doch inzwischen bessere Landkarten, was sollen wir mit einem mythischen System?“ Für viele war es schwer zu verstehen, was mit der Kabbala wirklich gemeint ist, weil es zunächst fremd anmutet. Und doch ist das kabbalistische System eine Landkarte, die den damaligen Mystikern auf ihren Bewusstseinsreisen Orientierung bot und damit ein wichtiger Vorläufer für uns Heutige ist.



In dem Nachmittagsvortrag über „den Evolutionsgedanken als Frucht westlichen Denkens“ ist es für mich eine große Freude Christoph Quarchs Lebendigkeit und Leidenschaftlichkeit im Umgang mit Philosophie zu erleben. Als Zuhörende fordert es eine Anstrengung, mich in die abstrakte Gedankenklarheit der Philosophie zu begeben. Beeindruckt bin ich von der geistigen Weite der Tagung: Geschichte, Spiritualität, Kunst, Philosophie, Theologie, mit der wir uns unserem Thema widmen. Christoph Quarch zeigt: Bleibt man redlich vor sich selbst, dann ist Evolution ein Setting, eine philosophische Idee, eine metaphysische Setzung. Für den Gedanken der Evolution gibt es eine jüdische Mutter und einen griechischen Vater. Dass es eine Geschichte gibt, also das lineare Denken, ist der jüdischen Vorstellung der Heilsgeschichte entsprungen: Der Anfangspunkt der Geschichte ist die Schöpfung. Die nach der Schöpfung gefallene Welt strebt auf eine bessere, messianische Welt zu. Menschliche Geschichte wird also von einem Ausgangspunkt zu einem Endpunkt verstanden. Der Vater des evolutionären Gedankens findet sich in der aristotelischen Lehre von Substanz und Form. Eine Substanz kann durch Form zu einem bestimmten Etwas werden.



In den E-Cafe-Gesprächen philosophieren wir anschließend selbst über so wichtige und entscheidende Fragen wie: Brauchen wir einen Sinn? Brauchen wir einen Sinn in der Geschichte? Mir wird klar, welcher Durst danach in unserer materialistischen Welt besteht. An den Übergangsstellen von Vortrag und Gespräch gab es immer wieder kurze Beiträge aus der Eurythmie, die das Dargestellte künstlerisch aufgriffen.



Am Samstagabend in Kombination mit Sonntagmorgen erhalten wir Einblick in die Welt des christlichen Evolutionsforschers Teilhard de Chardins und die beeindruckende Größe dieses Mannes. Er ist ein Mann mit einer großen Vision, zu der er – allen Widrigkeiten seines Daseins als Ordensmann zum Trotz – steht. Als Naturwissenschaftler und Theologe entdeckt er bei seinen Forschungen, dass Evolution nicht nur im darwinistischen Sinn geschieht, sondern auch im menschlichen Bewusstsein stattfindet. Dabei bleibt er stets in großer Loyalität zur katholischen Kirche, nimmt am ersten Weltkrieg teil, ist erfolgreicher Naturwissenschaftler. In einem seiner abenteuerlichen Expeditionsaufenthalten in China ist er an der Entdeckung des Peking-Menschen beteiligt. Fast unglaublich, wie ein Mensch alle diese Dinge in sich vereint.



Tom Steininger von der an Andrew Cohen orientierten Bewegung EnlightenNext erweckt in seinem Impulsreferat am Sonntagmorgen Teilhards Vision von evolutionärer Spiritualität zum Leben. Der Referent war kurzfristig für den im September überraschend gestorbenen Teilhard-Kenner Günter Schiwy eingesprungen. Unsere anschließenden E-Café-Gespräche sind dann von der Kraft und der Lebendigkeit dieser Vision durchdrungen. In den Tischgesprächen spürte man ein tiefes Berührtsein und eine Ergriffenheit, verbunden mit dem Wunsch, selbst Träger dieser Vision zu sein und ein großes Leben zu leben. Die E-Café-Gespräche haben nach meinem Empfinden hier noch mal einen qualitativen Sprung erlebt: feinstoffliche Energie, bildlich gesprochen, Energie wie Tropfen feinen Nebels durchströmte den Raum. Allerdings war auch immer wieder die Rede von der Liebe in ihrer kosmischen Form. Was könnte es bedeuten, diesen Raum zu halten und dann von hier aus weiter zu denken?



Die Herbstakademie wurde durch ein Ritual abgeschlossen. In unserem Kreis wurde symbolisch das Geschehen der vergangenen Tage inszeniert. Der erste Handelnde war János Darvas als Vertreter des Judentums, der das Licht hereintrug, was an diesem Tag, dem 9. November, sehr berührend war, als dem Tag, an dem sich die Pogrome an den jüdischen Synagogen in Deutschland zum 70. Mal jährten. Abschließend öffnete sich unser Kreis, und wir verließen symbolisch den Raum.

Elke Janssen (Theologin/Berlin)





 

Zurück