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Die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft

150 Kursangebote für an Weiterbildung interessierte Menschen

 Neben einer Vielzahl von bewährten Kursen in den Bereichen Beruf, Inspiration, Kunst und Ferien hat das Alanus Werkhaus im Jahr 2019 auch viele spannende neue Kurse ins Programm aufgenommen.

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Eliant

Eliant

Warum setzen wir in den Schulen digitale Medien ein, ohne die Auswirkungen zu kennen?

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Freunde der Erziehungskunst

Keine Selbstverständlichkeit: Schulen im ländlichen Afrika

In ihrem aktuellen Spendenaufruf bitten die Freunde der Erziehungskunst um Spenden für Waldorfschulen, die sich vor allem für Kinder in ländlichen Gegenden Afrikas einsetzen.

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Goetheanum

Erst die analoge, dann die digitale Welt

Internationale Konferenz der waldorfpädagogischen Bewegung setzt sich für eine entwicklungsorientierte Medienpädagogik ein

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Lernen, wie Medien funktionieren

Die Medienpädagogin Paula Bleckmann von der Alanus Hochschule ist Expertin für Mediensuchtprävention. Im Gespräch mit Info3 erklärt sie Wege, Kindern einen mündigen Zugang zu Medien zu ebnen.

Von: Info3
Ist es nicht schwierig zu beurteilen, wie Computer- und Bildschirmmedien auf Kleinkinder wirken, weil dies eine Erfahrungsebene betrifft, die sich der bewussten Wahrnehmung entzieht? Das ist richtig. Man kann darüber nicht nachdenken, weil das etwas Körperliches ist. Grundsätzlich wirken Medien auf kleine Kinder ganz anders als auf Erwachsene. Das ist ein zentraler Satz, der in der Medienpädagogik weitgehend vernachlässigt wird. Es dominiert die Vorstellung „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“. Um das zu differenzieren eine Parallele: Denken sie an die Lauflernhilfe. Das ist ein Wägelchen, in das sie ein Kind hineinsetzen, das fast laufen kann. Tatsächlich lernt es mit der Lauflernhilfe etwas schneller laufen! Aber die langfristige Folge ist: Kinder, die mit einer Lauflernhilfe laufen gelernt haben, laufen nicht aus der Balance heraus, sondern sie haben sozusagen eine Art kontrolliertes Fallen erworben. Die Verfrühung gefährdet den aufrechten Gang, später gibt es schneller Probleme mit dem Hüftgelenk. Übertragen auf die Medienwelten ist das ein starkes Bild: Die zu frühe Nutzung gefährdet den aufrechten Gang durch die Medienwelt. Die basale Ebene des Medienmündigkeitsturms ist die sensomotorische Integration. Sie sprechen von 16 verschiedenen Rezeptorentypen, von zehn Sinnen. Welches wären die zentralen Sinne, deren Entwicklung bei kleinen Kindern durch frühe Mediennutzung geschädigt wird? Die Sinne werden nicht ausgebildet. Es ist eher ein Verkümmern als ein Schädigen. Die grundlegende These ist hier die der Zeitverdrängung: Mediennutzung verknappt die Zeit, die das Kind für seine Entwicklung braucht. Das betrifft alle Sinne. Sensomotorische Integration bedeutet, dass alle Sinne ganzheitlich angesprochen werden. Ein Beispiel: Wenn man mit einem Kind Brötchen backt, sind da viele Sinne beteiligt: Das Riechen, das Schmecken, der Tastsinn – das heißt Druckwahrnehmung und Wärmewahrnehmung –  Hören, Raum-Lage-Sinn  – also die Sensoren, die darüber Auskunft geben, wo im Körper ich mich gerade befinde – und dann das Zusammenbringen mit den Rückmeldungen aus dem Körperinneren: Wie satt bin ich, wie ist der Blutdruck … Idealerweise sind alle diese Sinne miteinander in Einklang. Ich frage mich, wie sich für das Kind, das starkem Medienkonsum ausgesetzt ist, Realität herausbildet? Ich glaube, das wirklich Dramatische sind die Situationen mit den ganz kleinen Kindern. Wenn wir uns anschauen, was heute in Asien passiert, dann wissen wir vielleicht, wie es in 15 Jahren bei uns aussehen wird. Da sind zum Teil wirklich schwerstgestörte Kleinstkinder. Wie kann eine Bindung entwickelt werden, wenn immer ein Gerät dazwischen ist? Wir wissen darüber sehr wenig. Mein Eindruck ist, es wird immer selbstverständlicher für Eltern, auch mit kleinen Kindern über Medien zu kommunizieren. Ist eine Mutter, die ihrem Kind abends über Skype ein Gutenachtlied vorsingt, anwesend? Ich denke, durch die Art, wie die Kinder in der digitalen Welt sozialisiert werden, wird das Bewusstsein der Bedeutung von An- und Abwesenheit abgeschwächt. Das heißt, wir werden irgendwann nicht mehr sehen können, was verloren geht: die unmittelbare menschliche Begegnung. Wir haben im Deutschen dieses schöne Wort „Anwesenheit“, da steckt das „Wesen“ drin. Wenn es einen Sinn gibt, mit dem ich merke, dass jemand anwesend ist, könnte es sein, dass im Medienzeitalter der Sinn verkümmert, der uns erlaubt, wahrzunehmen, was verloren geht. Umso wichtiger wäre es also, dass wir ganz klar differenzieren zwischen den Situationen, in denen wir mit Medien interagieren, und denen, in denen wir ohne Medien zugegen sind? Der dänische Familientherapeut Jesper Juul schreibt in seinem neuesten Buch über digitalfreie Inseln für die Familie. Es geht dann nicht mehr um die Frage, wie lang die Bildschirmzeiten sein dürfen, sondern: Gelingt es, Zeiten des unmittelbaren Zusammenseins zu schaffen? So gesehen stimmt es ausgesprochen, dass die Eltern eine Vorbildfunktion haben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, Eltern die Perspektive ihres Kindes nahe zu bringen. Ein Beispiel: Wie geht eine Erzieherin damit um, wenn sie eine Mutter beobachtet, die nach langer Abwesenheit beim Abholen ihres einjährigen Kindes mehr auf ihr Smartphone reagiert als auf das Kind? Es hilft ja nicht, in einer Kita einfach ein Smartphone-Verbot zu verhängen. Mit unserem Verein Media Protect geht es uns darum, Eltern und Erziehern die Perspektive des Kindes erlebbar zu machen – das geht sehr gut etwa durch Rollenspiele. Was genau ist Media Protect? Das ist ein Präventionsprojekt, das Kindergärten und Grundschulen buchen können. Dann kommt ein Coach in den Kindergarten und macht zunächst eine Fortbildung mit den Erzieherinnen. Ein Element ist beispielsweise das Erarbeiten einer Real-Life-Freizeitkarte. Eltern wissen häufig nicht, was sie ihren Kindern anbieten können. Die Freizeitkarte zeichnet auf, welche Spiel- und Erfahrungsorte es rund um den Kindergarten gibt: Eine Wiese, auf der man bolzen darf, ein Garten mit Hühnern, die gefüttert werden dürfen etc. Der Verein hat Handwerkszeuge entwickelt, wie die basalen Fähigkeiten, die einen gesunden Umgang mit Medien ermöglichen, gefördert werden können. Es gibt einen großen Bedarf an Schulung für diese Art kritischer Medienpädagogik, denn nur darauf hinzuweisen, dass der frühe Medienkonsum extrem schadet, hilft auch nicht. Im Alltag mit Kindern geht es eben nicht darum, was die Eltern wissen oder nicht wissen, sondern darum, dass der Alltag bewältigt werden kann.  Eine große Bedeutung hat etwa die Ausstattung: Wenn Kinder noch keinen eigenen PC im ihrem Zimmer haben, sind die Nutzungszeiten nur halb so lang. Die Gefährdung durch ungeeignete Medieninhalte versechsfacht sich durch das Gerät im eigenen Zimmer. Was brauchen Eltern, um sich und den Kindern weiterzuhelfen? Ganz grundsätzlich geht es um die Frage: Welche Fähigkeiten brauchen wir, um sinnvoll mit Medien umzugehen? Im Medienmündigkeitsturm kommt nach den beiden unteren Stufen – sensomotorische Integration und Kommunikationsfähigkeit – nicht die Ebene der Nutzer- oder Rezeptionsfähigkeit, sondern die Ebene der Produktionsfähigkeit. Es ist aus medienpädagogischen Überlegungen heraus viel sinnvoller, mit Kindern zunächst ein kleines Hörspiel zu produzieren oder einen Stop-Motion-Film zu drehen, bevor man sie Filme oder Hörspiele konsumieren lässt. Die oberen Stufen des Medienmündigkeitsturms, Rezeptionsfähigkeit und kritisches Bewusstsein, können besser erreicht werden, wenn ich erfahren habe, wie Medienproduktion funktioniert – dann habe ich schon eine Ahnung, was Manipulation ist. Kritische Reflexion bedeutet: Ich muss mich in jemanden hineinversetzen können, der sich in mich hineinversetzt, um mich zu manipulieren. Diese Fähigkeit der doppelten Perspektivübernahme können Kinder etwa ab dem zwölften Lebensjahr leisten; sie fällt natürlich leichter, wenn das Kind Erfahrungen mit der Produktion von Medien hat. Medienproduktion aber findet in Klassenzimmern selten statt. Es gibt fantastische Projekte der Anbahnung von Computerkompetenzen – analytisches Denken, vorausschauendes Denken –, die analog funktionieren, wie etwa „Computer Science unplugged“ aus der Informatikdidaktik. Da werden mathematische Regeln aus beobachtbaren Phänomenen entwickelt. Das sind die Fähigkeiten, die man braucht, um zu einem aktiven Gestalter von Medien zu werden. Oder die Tageszeitung! Die Tageszeitung ist ein ideales Training für das Internet, weil sie den Wechsel von Oberflächenlesen zum vertieften Lesen trainiert. Auf diesen Wegen können Sie sich dem Thema spielerisch und kreativ nähern, ohne die Kinder den Risiken auszusetzen. Das wären originär medienpädagogische Überlegungen, die dem Anliegen gerechter werden als strikte Verbote, denn auf diesem Weg wird das Kind gegenüber den Medien mündig statt süchtig, und das ist ja unser Ziel. /// Weitere Information: Medienratgeber für Eltern zum Download.  Das Gespräch führte Silke Kirch. Erschienen in der Novemberausgabe 2016 von Info3 – hier gleich im Abonnement bestellen.

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