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Pädagogik auf Trümmern - Notfallpädagogik in Gaza II

Die erzieherische Not im Umgang mit psychotraumatischen Symptomen ist groß und macht Elternberatung unumgänglich.

Von: NNA - Berichterstattung

Menschenkundlichen Zusammenhänge und Erkenntnisse

KARLSRUHE (NNA). Trauma steckt an. Kinder, die kein direktes traumatisches Geschehen erlebt haben, können allein durch eine Traumatisierung der Eltern infiziert werden. Man spricht dann von einer „sekundären Traumatisierung“. So berichtet die 60jährige, 7fache Mutter Mohammadeya El Samouni, von ihrem eigenen, durch den Tod zweier Kinder verursachten Trauma im Zusammenhang mit Erziehungsproblemen: „Ich war mit der restlichen Familie auf der Flucht nach Gaza-Stadt und habe meine beiden Kinder nicht sterben sehen. Ich Träume immer noch von den toten Kindern und kann einfach nicht glauben, dass sie tot sind. Auch in der Realität sehe ich sie. Mir begegnen meine toten Kinder immer wieder auf der Straße!“.

Kinder zeigen oft als Folge psychotraumatischer Erlebnisse psychosomatische
Reaktionsbildungen oder Verhaltenssymptome, die für Eltern und Erzieher eine
pädagogische Herausforderung darstellen. „Meine Kinder bekommen
nachts immer Angst. Sie weinen, schreien und machen ins Bett. Meine
siebenjährige Tochter hat seit dem Krieg Angst vor allem, was sich bewegt!“,
berichtet die 24jährige Rana Zayed, eine Mutter von drei Kindern. „Alle
Kinder haben Angst, besonders, wenn Flugzeuge kommen!“, fügt Ebtesam Talmes, 42 Jahre und 10fache Mutter, hinzu. Und die 35jährige Somaya El Sultan, Mutter von 6 Kindern, ergänzt: „Mein 3jähriger Sohn hat sogar Angst vor
Vögeln. Er will immer schlafen!“

Ähnliche Berichte traumatischer Reaktionen und Symptombildungen erhalten wir
bei unseren Gesprächen im Gaza-Streifen in vielen Variationen. „Viele
unserer Kinder streiten ununterbrochen. Sie sind aggressiv, werden immer
störrischer und akzeptieren keine Regeln mehr!“, klagt Sahar Samouni, 37
Jahre, Mutter von 10 Kindern, und fügt hinzu: „Aber auch die Erwachsenen
sind gestresst und aggressiv. Sie verlieren sehr schnell die Geduld!“.
Andere Eltern berichten, dass ihre Kinder plötzlich ihren Vorgaben nicht
mehr folgen und sogar nach ihnen schlagen würden. Viele Eltern sind
verzweifelt, verstehen das Verhalten ihrer Kinder nicht mehr und wissen sich
nur noch durch Prügelstrafen zu helfen, was sicher nicht zur Heilung und
Gesundung der Kinder beitragen wird.

Auch Berichte von regressivem oder selbstverletzendem Verhalten von Kindern
sind allgegenwärtig. Somaya El Sultan aus Salatine erzählt: „Bereits 4
Monate vor dem Krieg hatte ich meinen 3jährigen Sohn abgestillt. Während der
Bombenangriffe verlangte er wieder nach meiner Brust. Erst, wenn er sie
erhielt, hörte er auf zu schreien. Auch heute noch schreit er, wenn er die
Brust nicht erhält. Er ruft dann immer wieder ‚wir sind die nächsten‘!“.
Eine andere Mutter berichtet von ihrem 4jährigen Sohn, der sich die
Daumenkuppen aufbeißt, bis es blutet.

Die erzieherische Not im Umgang mit psychotraumatischen Symptomen ist groß
und macht Elternberatung unumgänglich. Deshalb richtete das pädagogische
Notfallteam in Zeitoun und Salatine gut besuchte Sprechstunden zur
Elternberatung ein. In nach Männern und Frauen getrennten Gesprächskreisen
wurden die sorgenvollen Fragen der Eltern entgegen genommen und nach
pädagogischen Lösungsansätzen im Rahmen des kulturellen Kontext gesucht.
Dabei spielten die Aspekte Liebe, Zuwendung und Geborgenheit, Rhythmus und
Ritualisierung (Tagesgestaltung, Essen, Schlafen), Bewegung und Spiel
(Ballspiele, Seilspiele, Schaukeln, Kreisspiele), künstlerische Betätigung
(Malen, Zeichnen, Kneten, Basteln), Körperkontakt (Einreibungen, Massagen)
und die Pflege spirituell-religiöser Gefühle eine zentrale Rolle.

Wichtig war auch, den Eltern Notfalltechniken zu zeigen, mittels deren sie
auftretende Panikattacken durch Atemtechniken und zwanghafte Erinnerungen
(Flashbacks) durch Augenbewegungen zu unterbrechen versuchen können. Bei den Ratschlägen handelte es sich um stabilisierende Notfallmaßnahmen vor dem
Hintergrund meist fehlender professioneller Behandlungsmöglichkeiten.

Fortbildungskurse für Pädagogen und Therapeuten: „Diese Pädagogik gibt
Kraft“


Auf dringende Bitte unseres Kooperationspartners im Gaza-Streifen, dem Gaza
Community Mental Health Programme, veranstaltete das Notfallteam der
„Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ einen viertägigen
Fortbildungskurs für Pädagogen und Therapeuten im Al Qattan Centre in
Gaza-Stadt, den etwa 100 Teilnehmer begeistert besuchten.

Nach der Auftaktveranstaltung wurden täglich Referate zu
entwicklungspädagogischen Fragestellungen im psychotraumatischen Kontext
gehalten. Neben allgemeinen Fragen der Psychotraumatologie und der
Notfallpädagogik ging es vor allem um die kindliche Entwicklung im ersten
und zweiten Jahrsiebt und Entwicklungsstörungen angesichts traumatischer
Erlebnisse. Es folgten praktische Arbeitsgruppen in Eurythmie, Malen und
Formenzeichnen, Erlebnispädagogik, Sandspieltherapie und Kinderspiel im
Vorschulalter. Tägliche gemeinsame Abschlusskreise mit rhythmischen
Bewegungsübungen und gemeinsamen Singen rundete die Kurse ab. Am
Abschlusstag wurden im Plenum die Ergebnisse der „Workshops“ präsentiert und mit einer Fragen- und Gesprächsrunde das Trainingsprogramm abgeschlossen. Ein Teilnehmer fasste das Ergebnis der Veranstaltung zusammen: „Diese Pädagogik gibt Kraft!“.

Zukunftsperspektiven: „Bitte kommt wieder“

In einem Evaluationsgespräch am letzten Arbeitstag fand eine erste
Auswertung des pädagogischen Nothilfeeinsatzes zusammen mit der Leitung des Gaza Community Mental Health Programme statt. Der Leiter der psychologischen Abteilung, Hasan Shaban Zeyada dankte dem Notfallteam für die engagierte Arbeit mit den betroffenen Kindern und Eltern sowie für die vielen kreativen Anregungen durch die Fortbildungskurse: „Es sind schon viele Experten nach Gaza gekommen und haben Theorien verbreitet. Ihr habt durch eure praktische Arbeit überzeugt. Wir sind durch die ununterbrochene Traumaarbeit ausgezehrt und betriebsblind geworden. Wir brauchen euren Blick von außen und eure kreativen Anregungen. Bitte lasst uns nicht alleine! Bitte kommt wieder!“

Angesichts des unvorstellbaren Ausmaßes seelischen Leidens in Folge der
kriegerischen Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen werden die
„Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ nach Aufarbeitung des zweiten
Nothilfeeinsatzes über Konsequenzen und weitere Perspektiven nachdenken
müssen. Vielleicht lassen sich in Zusammenarbeit mit dem Gaza Community
Mental Health Programme und anderen Partnern Konzeptionen entwickeln, die
über die notfallpädagogische Akuthilfe hinaus Perspektiven für eine
waldorfpädagogische Aufbauhilfe bieten.

Und dann bleiben da noch viele konkrete Einzelschicksale, deren Not nach
kreativen Lösungen ruft: die 2 1/2 jährige, phosphorverbrannte Farrah, deren
Oma für sie keine Zukunftshoffnungen sieht; der 5jährige Mohammed, dem ein
Panzerfaustsplitter den rechten Arm zerstörte und dem eine qualifizierte
Nachoperation eine Armamputation ersparen könnte; der 6jährige Karam Nedal
Awad, der seine Bewegungen nicht koordinieren kann und der dringend einer
langfristigen Therapie bedarf; oder der 43jährige, mittellose Mazen, dem
eine Kugel die Halswirbelsäule verletzte sowie das Rückenmark beschädigte
und dem eine deutsche Unfallklinik eine Behandlung in Berlin für Euro
154.000, zahlbar im Voraus, anbot. Konkrete Menschen in konkreter Not.
Werden ihre Hilferufe gehört werden?

Freude heilt


Was bleibt? Was konnten wir erreichen? Die auf anthroposophischer
Menschenkunde basierende Waldorfpädagogik erfüllt alle Kriterien, die für
eine stabilisierende pädagogische Wirkung auf Kinder nach Extremerlebnissen
erforderlich sind und ihre Selbstheilungskräfte anregen. Würden auch alle
pädagogischen Maßnahmen wirkungslos bleiben, blieben doch die
unvergesslichen Augenblicke, wo Kinder durch menschliche Zuwendung zur
Sprache zurückfinden, wo Kinderaugen wieder zu strahlen beginnen oder
„eingefrorene“ kindliche Mimik wieder auftaut und Leben zurückkehrt.

Solche freudigen Momente erhöhen die Bereitschaft des Organismus zur
Gesundung. Es gibt Studien der Universität Pittsburgh, so z.B. „Die neue
Medizin der Emotionen“ von David Servan-Schreiber (München, 2006, 10.
Auflage, S.78ff.), die den Zusammenhang des Stressniveaus einer Person zur
Wahrscheinlichkeit, an einer Erkältung zu erkranken, vorhersagen. Stress,
Wut, Ärger oder negative Erinnerungen lösen für einige Minuten chaotische
Herzrhythmen aus, in deren Folge das Immunsystem für etwa sechs Stunden
geschwächt wird. Die Immunglobuline A, die in den Schleimhäuten ständig neu
gebildet werden und dort vor Infektionen schützen, fallen nach Stress
deutlich ab, was die Widerstandskraft des Organismus schwächt. Daher hat
auch jeder nach einem traumatischen Erlebnis ein deutlich erhöhtes
Infektionsrisiko. Umgekehrt fuhren Freude, Empathie-Erleben und positive
Erinnerungen zur Herzkohärenz sowie zur Erhöhung der Produktion von
Immunglobulinen A und damit zu einer Erhöhung der Widerstandskraft. Freude
regt Selbstheilungskräfte an, Freude heilt!

Auf solchen menschenkundlichen Zusammenhängen und Erkenntnissen bauen die Maßnahmen der waldorfpädagogischen Notfallpädagogik auf. Sie zum Wohle von Menschen in extremen Notsituationen wirkungsvoll aus-zubauen wird Aufgabe der nächsten Jahre sein.

END/nna/cva

Dem Kriseninterventionsteam der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf
Steiners“ gehörten an: Manfred Hartmann (Pädagoge), Friedgard Kniebe
(Kleinkindpädagogin), Peter Lang (Diplompädagoge), Lukas Mall
(Erlebnispädagoge), Kristina Manz (Assistenz), Bernhard Merzenich
(Heilpädagoge und Eurythmist), Yoko Miwa (Psychologin), Bernd Ruf
(Sonderpädagoge und Einsatzleiter), Anni Sauerland (Erlebnispädagogin),
Heidi Wolf (Kunsttherapeutin), Yehia (Übersetzer).

Spendenkonto: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners, GLS
Gemeinschaftsbank Bochum, BLZ 430 609 67, Konto-Nr. 13042010, Kennwort:
„Notfallpädagogik“

www.freunde-waldorf.de

Bericht-Nr.: 090812-02DE Datum: 12. August 2009

© 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA).

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