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Bio-Saatgut – Immer die erste Wahl?

Denk' daran, jeden Arbeitsprozess in einem Heft zu beschreiben. Das macht es Dir nachher viel leichter.

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Anfang des Jahres trudeln die Saatgut Kataloge ein und es ist Zeit, Sorten auszuwählen und einen Anbauplan zu erstellen. Diese Saatgutkataloge sind ja schon eine ziemlich faszinierende Lektüre. All die tollen Sorten, die man ausprobieren könnte! Und dann diese verlockenden Ständer in den Baumärkten und Geschäften…

Aber: Saatgut ist nicht gleich Saatgut. Wo und welches Saatgut du kaufst, ist sogar ziemlich wichtig. Deswegen habe ich alles was du wissen musst in diesem Artikel für dich zusammengefasst:

Wenn du deinen Garten biologisch bewirtschaftest und keine Kunstdünger und Pestizide verwendest, möchtest du wahrscheinlich Pflanzen anbauen, die unter diesen Bedingungen möglichst gut zurechtkommen. Deswegen sind Sorten, die seit Generationen im Bioanbau gezogen werden, besser geeignet als solche, deren Vorfahren die volle Giftdröhnung gewöhnt sind.

Die Bestimmungen für Bio-Saatgut sind aber ziemlich lax: Damit Samen als „bio“ deklariert werden können, muss nämlich nur deren Mutterpflanze eine Saison unter biologischen Bedingungen angebaut werden. Für die Bio-Anerkennung spielt es auch keine Rolle, ob die Pflanzen im Freiland oder Gewächshaus bzw. in unseren Klimabreiten oder in Afrika angebaut werden.

Bio heißt also nicht immer gleich standortangepasst und robust. Ein Biosiegel sagt auch nichts darüber aus, ob das Saatgut samenfest ist oder ob es sich um eine Hybridsorte handelt (dazu im nächsten Abschnitt mehr). Deswegen ist es wichtig, samenfestes Biosaatgut bei Züchtern zu kaufen, die ihre Sorten im langjährigen biologischen Anbau vermehren.

Also: Bio-Saatgut ist absolut sinnvoll, aber wenn du wirklich angepasste Pflanzen in deinem Garten haben möchtest, brauchst du Saatgut von Züchtern, deren Engagement über die Bio-Richtlinien hinausgeht. Weiter unten habe ich eine kleine Liste von Züchtern zusammengestellt, bei denen du solches Saatgut bekommst.

Samenfestes Saatgut vs F1-Hybriden

Bestimmt bist du schon einmal über den Begriff Hybridsorten gestolpert. Das sind die Sorten, die auf den Samentütchen mit dem Zusatz F1 gekennzeichnet sind. Diese Sorten sind im Labor entstanden: Über Generationen hinweg wird sowohl mit der Mutter- als auch mit der Vaterlinie so weit Inzucht betrieben, bis die Pflanzen kränklich und degeneriert sind. Dann werden diese beiden ausgelaugten Pflanzen miteinander gekreuzt und – Boom! Endlich frisches Genmaterial! – die folgende Generation ist vital und erbringt Spitzenerträge.

Dieser Form der Züchtung ist nicht nur irgendwie pervers, für Hybridsorten zahlt man auch einen hohen Preis. Sie sind nämlich eine genetische Sackgasse. Du kannst diese Pflanzen zwar in deinem Garten anbauen, aber sie sind nicht vermehrungsfähig. Das heißt, dass du jedes Mal neues Saatgut kaufen musst und am Haken der Saatgut-Konzerne hängst. Auf diese Weise – und indem sie gleich noch das passende Herbizid und den passenden Dünger verkaufen – treiben die Saatgut-Konzerne zahlreiche Bauern in Entwicklungsländern in den Ruin.

Die Saatgutproduktion hat sich immer in den Händen der Bauern und Gärtner befunden. Mittlerweile dominieren fünf Großkonzerne die europäische Produktion. Je mehr Hybridsorten auf dem Markt sind, desto mehr samenfeste – also nachbaufähige – Sorten verschwinden. Wusstest du, dass in den letzten 100 Jahren 75 % der landwirtschaftlich genutzten Vielfalt verloren gegangen sind? Jeden Tag sterben robuste, standortangepasste regionale Sorten aus. Einfach weg – für immer!

Alte Sorten bewahren

Dabei ist Vielfalt auf dem Acker und im Gemüsebeet ist unglaublich wichtig. Es kann nämlich nicht sein, dass fünf Konzerne entscheiden, was auf unseren Tellern landet. Wie viele Tomatensorten gibt es im Supermarkt schon zu kaufen? Dabei ist die Vielfalt der Tomatensorten riesig. Es gibt große, kleine, runde, längliche, birnenförmige, mehlige, süße, saure, rote, grüne, gelbe und lilafarbene Tomaten. Gibt es wirklich irgendjemanden da draußen, der sich diesen Spaß verderben und stattdessen das Einheitsgemüse futtern will, das sie einem vorsetzen?

Dazu kommt, dass in Zeiten von Klimawandel die Monokultur einer Einheitssorte niemals das Gleiche leisten kann wie viele, ganz unterschiedliche standortangepasste und robuste Sorten. Vielfalt macht einen Garten widerstandsfähig gegen verschiedene Umwelteinflüsse, Vielfalt macht Bäuerinnen und Bauern, Gärtnerinnen und Gärtner unabhängig von den Chemiekonzernen und Vielfalt bedeutet Lebensqualität und Genuss. Wer sich schon einmal durch die Tomatenpalette einer Sortenausstellung gefuttert oder Gemüse im Garten angebaut hat, das es nirgendwo zu kaufen gibt, weiß vermutlich, was ich meine.

Zum Glück gibt es ein paar engagierte Züchter*innen und Initiativen, die es sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – zur Aufgabe gemacht haben, alte Sorten zu erhalten. Hier habe ich ein paar Stellen aufgelistet, bei denen du samenfestes Bio-Saatgut für deinen Garten bekommst:

>> Satvia

>> Dreschflegel

>> Bingenheimer Saatgut

>> Culinaris

>> Garten des Lebens

>> ProSpecieRara

>> Biogartenversand

>> Biogartenladen

Sorten selbst vermehren

Wir bauen also nur samenfeste und einige bedrohte alte Sorten an und versuchen, so viele Sorten wie möglich selbst zu vermehren. Früher war es selbstverständlich, dass man Samen vom eigenen Gemüse geerntet hat. Und ist es nicht ein tolles Gefühl, Pflanzen anzubauen, deren Urgroßeltern schon im eigenen Garten gewachsen sind?

Bei einigen Gemüsearten wie Erbsen, Bohnen oder Tomaten ist das Vermehren ziemlich unkompliziert. Tomaten sind Selbstbefruchter, das heißt, dass sich verschiedene Sorten auch dann nicht kreuzen, wenn sie direkt nebeneinander wachsen. Bei anderen Gemüsearten wie zum Beispiel Salat lassen wir jedes Jahr eine andere Sorte blühen, weil sich die verschiedenen Sorten sonst kreuzen würden. Weil sich das Saatgut mehrere Jahre lang hält, haben wir trotzdem jedes Jahr genug eigenes Saatgut von verschiedenen Salatsorten.

Einige Kandidaten wie Möhren, Kohl oder Rote Bete blühen erst im zweiten Jahr. Die Pflanzen müssen also im Keller überwintern und werden dann wieder ausgepflanzt. Das macht das Ganze natürlich viel komplizierter, deswegen konzentrieren wir uns vor allem auf die Gemüsearten, die man ohne großen Aufwand nachbauen kann.

Wichtig ist, dass man mindestens 15 Exemplare blühen lässt, sonst gibt’s nach ein paar Generationen Inzuchtprobleme. Die Saatgutproduktion beansprucht also einiges an Beetfläche. Deswegen finde ich Saatguttausch-Partys super cool. So kann jeder andere Gemüsearten vermehren und am Ende tauscht man untereinander.