Themen

"Ich bin anders als Du"

Vom Selbst- und Welterleben des Kindes in der Mitte der Kindheit

von Peter Selg

Ich war zehn Jahre alt, […] als ich die schmerzvolle, gleichsam totale Erinnerung des unergründlichen Gelebthabens beim Lesen eines Rückertschen Gedichtes im deutschen Lesebuch kennenlernte: „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar, ach wie liegt so weit, ach wie liegt so weit, was mein einst war.“ – Es war wie ein Verloren-Haben, im gleichzeitigen Ahnen unendlicher Fülle dessen, was mir schon einmal gegeben war. Die Stimmung der Ferne, in eins mit einer Seeligkeit des mir Unerreichbaren und mir doch Angehörenden, machte die Seele weit, indem sie zugleich das Herz brechen wollte.
(Karl Jaspers)

Identitätsfindung

Wie kann der jugendliche Mensch nach der Pubertät seine persönliche Identität finden? Anregungen dazu bieten selbstständig durchzuführende Arbeitsprojekte, Landwirtschafts-, Sozial- und Betriebspraktika zum Erfassen von grösseren Zusammenhängen und als Erfahrungen im sozialen Miteinander. Das Ich entwickelt sich an der Du- und Welt-Erfahrung. Natur- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen fördern die Orientierung in der Suche nach eigenen Wertvorstellungen. Die Oberstufe greift im Wesentlichen das an der Unter- und Mittelstufe Gelernte auf und vertieft den Lehrstoff unter einer wissenschaftsorientierten Fragestellung. Unabhängig von den staatlichen Examensbedingungen besteht an vielen Waldorfschulen die Reifeprüfung in einer künstlerischen Abschlussaufführung als Gemeinschaftsaufgabe und in einer individuellen Abschlussarbeit. Diese ist das Zeugnis dafür, wie weit die Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, ein selbstgewähltes Thema innerhalb einer vorgegebenen Zeit verantwortlich zu bearbeiten und sachgerecht darzustellen.

In diesem Sinn versucht die Waldorferziehung den entwicklungsbedingten Bedürfnissen der Heranwachsenden zu folgen. In der Vorschulzeit liegt das Schwergewicht auf der Sinnesentwicklung und dem phantasievollen leibgebundenen und leibbildenden Spiel, in den Grundschuljahren auf dem angeregten eigentätigen Lernen und dem Bilden eines inneren Erlebnis- und Gedächtnisschatzes. Im Jugendalter schliesslich liegt das Schwergewicht auf dem Begreifen der Zusammenhänge und der Bildung von Selbst-, Sozial- und Fachkompetenz. Vereinfacht ausgedrückt führt der Weg im Kleinen und im Grossen vom Tun über das Erleben zum Erkennen der Welt.

Der Leitgedanke der Waldorferziehung ist die Ueberzeugung, dass das Kind auf Grund von zwei Faktoren lernt und sich entwickelt. Zum einen aus einem dem Wesen entspringenden mitgebrachten Lernwillen, zum anderen aus der Anregung durch die menschliche Umgebung, die diesen Lernwillen erst richtet. Kein Mensch erwirbt den aufrechten Gang, wenn er sich nicht durch aufrecht gehende Menschen dazu anregen lässt, kein Mensch lernt sprechen, der Sprache nicht in seiner Umgebung hört. Dabei verändert sich dieses Verhältnis zwischen Vorbild und Lernwille so, dass der Mensch im Kleinkindalter existentiell zu der Welt der Erwachsenen aufblickt und sich anregen lässt, das Schulkind Orientierung an einem seelischen Vorbild sucht, der Jugendliche sich auf Grund von geistigen Wertvorstellungen seine Handlungsantriebe bildet. Es liegt aber allem der Trieb zu Grunde, durch Eigentätigkeit das zu werden, wozu man die Veranlagung hat oder, wie es im deutschen Idealismus oft formuliert wurde, der zu werden, der man ist.

Zimmermann, Heinz: Waldorf-Pädagogik weltweit, Hrsg: Freunde der Erziehungskunst, 2001.

Zum Autor

Heinz Zimmermann

... Die Waldorfschule war für ihn ein Ort, an dem die Freiheit und Unabhängigkeit vom Staat genauso erkämpft werden muss, wie es im pädagogischen Prozess darum geht, individuell zu Freiheit und Selbstbewusstsein zu befähigen. Auf der anderen Seite verstand er die Schule – insbesondere die Konferenz der Lehrer – als einen Ort, an dem verbindliche soziale Begegnungen stattfinden und an dem man sich existenziell zur Wahrnehmung einer gemeinsamen Aufgabe zusammenschließt. Auf dieser Grundlage vermittelte Zimmermann auch seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen, in denen sich individualistischer Anarchismus und sozialistisch-brüderliche Verteilung von Ressourcen nicht etwa ausschließen, sondern – hier bewährte sich sein an Hegel geschultes Denken! – gegenseitig zur Geltung verhelfen. Es war ein besonderes Kennzeichen, dass er dies nicht im Rückzug auf eine geschützte »Waldorfnische« anwandte, sondern als aktiver Beobachter des Zeitgeschehens immer wieder Anknüpfungspunkte in den aktuellen Entwicklungen von Kunst bis Politik gesucht hat. Auch sein Engagement für ein freies Studium, frei von curricularen Zwängen und entmündigendem Abschlussstreben kann so gesehen werden: Als Versuch, ein Feld sozialer Erfahrung in der gemeinsamen geistigen Auseinandersetzung zu schaffen. ...

 

Auszug aus: Die Verstorbenen arbeiten weiter. Zum Tod von Heinz Zimmermann, Von Martin Malcherek, November 2011 für erziehungskunst.de

 

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Der ehemalige Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum in Dornach, Heinz Zimmermann, ist am 6. September 2011 einem Herzinfarkt erlegen. Der 73-Jährige war auch nach seiner Pensionierung als vielgefragter Berater in der Waldorfschulbewegung unterwegs, hielt zahllose Vorträge, schrieb Bücher über das Gespräch und seine gemeinschaftsbildende Funktion und beriet Waldorfkollegien auf der ganzen Welt. Zuvor schlug der promovierte Germanist eine Universitätskarriere aus und wurde Oberstufenlehrer für Deutsch- und Kunstgeschichte an der Rudolf-Steiner-Schule in Basel.