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Die Philosophie der Freiheit

Steiner, Rudolf

Grundzüge einer modernen Weltanschauung - Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode
Das E-Book ist textidentisch mit der gedruckten Ausgabe und kann dank des offenen EPUB-Formats der Bildschirmgröße bzw. den eigenen Lesewünschen angepasst werden. Es lässt sich auf allen gängigen Lesegeräten nutzen.

In seinem philosophischen Hauptwerk, das zugleich Fundament der anthroposophischen Geisteswissenschaft ist, setzt sich Rudolf Steiner mit Grundfragen des Erkenntnisprozesses und der Ethik auseinander.

1. Auflage 2015
978-3-7274-8500-8

Rudolf Steiner Verlag

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INHALT
Vorrede zur Neuausgabe 1918
I. Teil: Wissenschaft der Freiheit
I. Das bewusste menschliche Handeln
II. Der Grundtrieb zur Wissenschaft
III. Das Denken im Dienste der Weltauffassung
IV. Die Welt als Wahrnehmung
V. Das Erkennen der Welt
VI. Die menschliche Individualität
VII. Gibt es Grenzen des Erkennens?

II. Teil: Die Wirklichkeit der Freiheit
VIII. Die Faktoren des Lebens
IX. Die Idee der Freiheit
X. Freiheitsphilosophie und Monismus
XI. Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen)
XII. Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit)
XIII. Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus)
XIV. Individualität und Gattung

Die letzten Fragen
Die Konsequenzen des Monismus
Erster Anhang (Zusatz zur Neuausgabe 1918)
Zweiter Anhang (Vorrede zur 1. Auflage von 1884)

Erkenntniswissenschaft & Freiheitsphilosophie

Wahrheit und Wissenschaft

Wäre in dem Weltinhalte von vornherein der Gedankeninhalt mit dem Gegebenen vereinigt, dann gäbe es kein Erkennen. Denn es könnte nirgends das Bedürfnis entstehen, über das Gegebene hinauszugehen. Würden wir aber mit dem Denken und in demselben allen Inhalt der Welt erzeugen, dann gäbe es ebensowenig ein Erkennen. Denn was wir selbst produzieren brauchen wir nicht zu erkennen. So Rudolf Steiner:

"Die Stellung unserer erkennenden Persönlichkeit zum objektiven Weltwesen war es, worüber wir durch die vorhergehenden Betrachtungen Aufschluss verlangten. Was bedeutet für uns der Besitz von Erkenntnis und Wissenschaft? Das war die Frage, nach deren Beantwortung wir suchten. Wir haben gesehen, dass sich in unserem Wissen der innerste Kern der Welt auslebt. Die gesetzmäßige Harmonie, von der das Weltall beherrscht wird, kommt in der menschlichen Erkenntnis zur Erscheinung. Es gehört somit zum Berufe des Menschen, die Grundgesetze der Welt, die sonst zwar alles Dasein beherrschen, aber nie selbst zum Dasein kommen würden, in das Gebiet der erscheinenden Wirklichkeit zu versetzen. Das ist das Wesen des Wissens, dass sich in ihm der in der objektiven Realität nie aufzufindende Weltengrund darstellt. Unser Erkennen ist - bildlich gesprochen - ein stetiges Hineinleben in den Weltengrund [...] Die Erkenntnis dieser Gesetzmäßigkeit für das menschliche Handeln ist nur ein besonderer Fall des Erkennens. Die von uns über die Natur der Erkenntnis abgeleiteten Anschauungen müssen also auch hier anwendbar sein. Sich als handelnde Persönlichkeit erkennen heißt somit: für sein Handeln die entsprechenden Gesetze, d.h. die sittlichen Begriffe und Ideale als Wissen zu besitzen. Wenn wir diese Gesetzmäßigkeit erkannt haben, dann ist unser Handeln auch unser Werk. Die Gesetzmäßigkeit ist dann nicht als etwas gegeben, was außerhalb des Objektes liegt, an dem das Geschehen erscheint, sondern als der Inhalt des in lebendigem Tun begriffenen Objektes selbst. Das Objekt ist in diesem Falle unser eigenes Ich. Hat dies letztere sein Handeln dem Wesen nach wirklich erkennend durchdrungen, dann fühlt es sich zugleich als den Beherrscher desselben. Solange ein solches nicht stattfindet, stehen die Gesetze des Handelns uns als etwas Fremdes gegenüber, sie beherrschen uns; was wir vollbringen, steht unter dem Zwange, den sie auf uns ausüben. Sind sie aus solcher fremden Wesenheit in das ureigene Tun unseres Ich verwandelt, dann hört dieser Zwang auf. Das Zwingende ist unser eigenes Wesen geworden. Die Gesetzmäßigkeit herrscht nicht mehr über uns, sondern in uns über das von unserm Ich ausgehende Geschehen. Die Verwirklichung eines Geschehens vermöge einer außer dem Verwirklicher stehenden Gesetzmäßigkeit ist ein Akt der Unfreiheit, jene durch den Verwirklicher selbst ein solcher der Freiheit. Die Gesetze seines Handelns erkennen heißt sich seiner Freiheit bewusst sein. Der Erkenntnisprozess ist, nach unseren Ausführungen, der Entwicklungsprozess zur Freiheit."

(Rudolf Steiner, Wahrheit und Wissenschaft, Vorspiel einer «Philosophie der Freiheit», GA 3, Dornach, 1980, S. 90ff)