FondsGoetheanum: Künste

FondsGoetheanum: Künste

Sichtbare Sprache, sichtbare Musik

Eurythmie ist Sprache und Musik in Bewegung. Vokale und Konsonanten, Wortgebärden und Seelenstimmungen werden dabei sichtbar. Die eurythmische Kunst schlägt dabei den Bogen von kultischen Tänzen zu modernsten Formen von Bewegungsarten.

Es ist ein Urbedürfnis des Menschen, sich zu Klängen oder Worten zu bewegen. Der Bogen spannt sich vom kultischen Tanz über höfische und Volkstänze bis hin zu den modernsten Formen rein körperlicher oder auch emotionaler Bewegungsarten. Mitten in die neu aufkommenden Ausdruckstänze zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellt Rudolf Steiner die Eurythmie als sichtbare Sprache und sichtbare Musik.

Vokale und Konsonanten sehen

Ab 1912 beginnt Rudolf Steiner mit der Ausgestaltung der eurythmischen Kunst. Vokale und Konsonanten, Wortgebärden und Seelenstimmungen werden als sichtbare Bewegungen entwickelt. Später kommen die musikalischen Elemente hinzu: Töne und Intervalle, Tonhöhe und -dauer als Melodie und Rhythmus, Takt und Motivbögen.

Jede Bewegung, insbesondere die künstlerisch gestaltete, lebt in der prozessualen Auseinandersetzung von Spannung und Lösung, von Verdichten und Verströmen. Einerseits mit den Armen und Händen ausgedrückt, andererseits durch choreografische Beziehungen im Raum. Die erste öffentliche «Darbietung eurythmischer Kunst» fand im Pfauentheater/Schauspielhaus Zürich am 24. Februar 1919 statt.

Lebensqualität ganzheitlich steigern

Eurythmie umfasst als zeitgenössische Bewegungsform die gesamte seelisch-geistig-körperliche Konfiguration des Menschen. Dabei kommen Bewegungsströme auf einer eher energetischen Ebene zum Ausdruck, zum Beispiel auf der Bühne sichtbar als Weitung oder Verengung des Raumes, erlebbar als dynamisches Wechselspiel von Klängen wie auch Farben. Dadurch wird das innere Empfinden unmittelbar angesprochen. Die Bewegungsströme wirken auf die gesamte Lebensqualität anregend und aufbauend.

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Das Eurythmie-Ensemble der Goetheanum-Bühne und das Else-Klink-Ensemble.

Vom Solo bis zur Sinfonie

Als autonome Kunstform reichen die Möglichkeiten der Eurythmie von solistischen bis zu grossen chorisch-sinfonischen Darbietungen. Durch sie kann insbesondere auch ganz moderne Dichtung und Musik erschlossen werden, die sonst oft nicht unmittelbar zugänglich ist und vermehrt Transzendentes in sich birgt. Das Ensemble der Eurythmie-Bühne am Goetheanum bietet regelmässig Aufführungen, ergänzt durch Gastspiele ortsnaher oder internationaler Gruppierungen vielfältiger Stilrichtungen.

Eurythmie in der Erziehungskunst

In den Rudolf Steiner Schulen ist Eurythmie Pflichtfach. Durch die vom Empfinden getragenen Bewegungsabläufe erzeugt sie eine erhöhte Sensibilität für Dichtung und Musik. Sie unterstützt die Aufnahme und Verarbeitung allgemeiner Unterrichtsinhalte, die innere Persönlichkeitsentwicklung, das bewusstere Sozialverhalten sowie die gezielte Handhabung von Grob- und Feinmotorik.

Eurythmie als soziale Kunst

Der Erwachsene kann durch eurythmische Betätigung differenzierte Fähigkeiten in sich selber entdecken und entwickeln. Ihre heilsame Kraft fördert ein Bewusstsein von sich selbst und von der Umgebung. Sie löst den Menschen aus Verhaftungen, Zwängen und Unfreiheiten und schält das Potenzial eines jeden Einzelnen heraus. Sinnzusammenhänge werden erlebbar, Verborgenes wird sichtbar.

Eurythmie in der Arbeitswelt

In der Arbeitswelt findet die Eurythmie vermehrt Anwendung, wo Lebens- und Organisationsprozesse entdeckt, entwickelt, gestaltet, geübt und verstanden werden sollen. Sie regt die Kreativität an, unterstützt die Erweiterung beruflicher und persönlicher Qualifikationen sowohl in den unterschiedlichsten Berufsgruppen als auch auf allen Führungs- und Ausführungsebenen. Sie umfasst die Spannweite von der persönlichen Bewegungsmeditation über das soziale Miteinandertun bis hin zu öffentlichen Performances.

Eurythmie in der Heilkunst

Rudolf Steiner hat bei der Erarbeitung der Grundelemente der Eurythmie immer auch auf den therapeutischen Aspekt einzelner speziell gestalteter Bewegungsabläufe hingewiesen. Dies insbesondere für den pädagogischen und sozial-hygienischen Bereich: zum Beispiel eine Konsonantenfolge mit anregender und eine mit beruhigender Wirkung.

Als Unterstützung medizinischer Massnahmen bietet sich die Heileurythmie vor allem bei der Behandlung von chronischen und akuten Erkrankungen sowie auch zu deren Prophylaxe an. Es kann sowohl Beruhigendes, Wärmendes, Lösendes, Entkrampfendes, Ausleitendes wie auch Anregendes, Tonisierendes, Straffendes oder Kühlendes im Organismus herbeigeführt werden.

Eine umfangreiche Literatur zeigt die Ergebnisse intensiver Forschung in allen genannten Gebieten. Vieles ist noch weiterzuentwickeln für die Eurythmie als Kunst auf der Bühne, in der Erziehung sowie im Sozial- und Heilwesen.

Johannes Starke