FondsGoetheanum: Medizin, Therapie und Pflege

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Anthroposophische Medizin ist Medizin von Mensch zu Mensch

Anthroposophische Medizin wird dem Menschen als physischem, beseeltem und geistigem Wesen gerecht. Krankheitssymptome sind Spiegel der gestörten Harmonie zwischen dem Leiblichen und dem Geistig-Seelischen. Anthroposophische Medizin bringt innerhalb der Gesamtmedizin erweiternde Gesichtspunkte ein.

Auf den ersten Blick geht es in einer anthroposophischen Arztpraxis nicht anders zu und her als anderswo: Die Geschichte der Erkrankung wird erfragt, es wird körperlich untersucht, nötigenfalls werden Laborproben gemacht, es wird geröntgt. Der anthroposophische Arzt wendet diese Methoden ganz selbstverständlich an. 

Feines Sensorium für Störungen

Aber von Anfang an schwingen beim Untersuchen die Fragen mit: Wo stockt es (die Lebenskräfte), wo verkrampft es (seelische Kräfte), wo ist der Mensch nicht Herrin oder Herr (geistige Kräfte) im eigenen «Haus», seinem Leib? 

Der behandelnde Arzt versucht, die körperlichen Symptome als Ausdruck der unsichtbaren seelisch-geistigen Kräfte des Menschen zu sehen. Krankheiten bereiten sich im Sinne eines gestörten Zusammenspiels dieser Kräfte vor und deuten sich so an. Erst später manifestieren sich diese Störungen als physische Krankheiten. 

Die Anthroposophie mit ihrem Menschenbild und exakte Naturerkenntnis sind Grundlage der Anthroposophischen Medizin. Rudolf Steiner als Begründer der Anthroposophie hat selbst diese höheren Kräfte wahrgenommen. Er hat einerseits die Wege gezeigt, wie prinzipiell jeder Mensch durch konsequentes und ausdauerndes Üben zum exakten Anschauen dieser Kräfte kommen kann. Andererseits hat er für die Ärzte ausgeführt, wie an den Symptomen und am sichtbaren Menschenleib die Wirksamkeit dieser Kräfte erlebt werden kann.

Den Blick weiten

Für frühere Ärzte waren diese unsichtbaren Kräfte im Menschen eine Selbstverständlichkeit. Mit der Zeit ist aber die Erkenntnisfähigkeit dafür geschwunden und die Begriffe sind von der naturwissenschaftlichen Medizin als unzeitgemäss abgelehnt worden. Die Anthroposophie will innerhalb der Gesamtmedizin den Blick vom Physischen wieder weiten auf den lebendigen, seelischen und geistigen Leib im Sinne einer modernen und sehr konkreten Spiritualität: Wo herrscht zum Beispiel der Abbau vor, das heisst, wo können die aufbauenden Lebenskräfte dem zehrenden Wirken von seelischen und geistigen Kräften nicht genügend entgegenwirken? Dabei geht es nicht nur darum, das, was uns am Menschen an Seelischem und Geistigem direkt erlebbar wird, in die Medizin zu integrieren, wie es ja heute in der Psychologie üblich ist. Es geht vor allem darum, die seelischen und geistigen Schichten des Menschen in ihrer unbewussten Wirksamkeit im Leib zu erkennen. 

Die Anthroposophische Medizin will sich ausdrücklich nicht in Opposition zur Schulmedizin setzen, sondern durch ein Weiten des Blicks die Gesamtmedizin weiterbringen. Wie andere Ärzte hat der anthroposophische Arzt ein Medizinstudium an der Universität und seine Facharztausbildung an den Spitälern hinter sich. Er ist vertraut mit den Prinzipien der heutigen naturwissenschaftlichen Medizin, die beim Menschen vor allem die materiellen Prozesse erfasst. Er legt auf die Wissenschaftlichkeit grossen Wert. Es existiert eine beachtliche Anzahl qualitativ hochstehender wissenschaftlicher Arbeiten aus anthroposophisch erweiterter Sicht. Die Forschungsmöglichkeiten sind aber limitiert durch eingeschränkte finanzielle Ressourcen (keine Grossindustrie) und Infrastruktur (wenig Labors, Instrumente).

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Vertiefte Wahrnehmung

Wenn der Patient die Praxis betritt, fällt ihm auf, dass eher wenig technische Apparate sichtbar sind. Beim anthroposophischen Arzt sind das Gespräch und der unmittelbare Eindruck wichtig: im Händedruck, im Gang des Menschen, im Untersuchen der Wärmeverhältnisse zeigt sich zum Beispiel die Tätigkeit des Ich, der geistigen Kräfte. Jeder Eindruck, jedes Symptom kann durchsichtig werden für das Höhere und auf die Art der nötigen Therapie hinweisen. Diese Art des Betrachtens führt – oft auch ohne viele Worte – beim Patienten zum Gefühl, ernst und in der Gesamtheit wahrgenommen zu werden.

Von Mensch zu Mensch

Der anthroposophische Arzt schult sein Wahrnehmen. Er verwendet weder Pendel noch Maschine, um Schwingungen sichtbar zu machen oder nachher ein Ergebnis schwarz auf weiss zu haben. Dieses direkte Wahrnehmen von Mensch zu Mensch, das Durchschauen der Situation des Patienten ist die menschenwürdigste Untersuchungsmethode und die eigentliche ärztliche Aufgabe.

Wissenschaftliche Umfragen bestätigen, dass anthroposophische Ärzte mehr Konsultationszeit brauchen, aber eher weniger apparative Untersuchungen anordnen und die Therapie gleich teuer oder leicht günstiger ist als in der Schulmedizin. Die Krankheitsbilder sind im Vergleich zum schulmedizinischen Hausarzt häufig sogar schwerer, weil viele Patienten im Laufe einer chronischen oder schweren Erkrankung mit der Zeit eine ganzheitliche Medizin suchen.

Faktoren, die krank machen können

Heute wird oft versucht, Krankheiten ganz auszurotten. Andererseits erleben wir, dass neue Krankheiten entstehen, andere von selbst in der Häufigkeit zurückgehen. Es stellt sich die Frage, warum der Mensch erkranken kann. Sind es einfach Entgleisungen von physikalisch-chemischen Prozessen, wie sie in einer Maschine als Fehler hie und da auftreten können? Die Anthroposophische Medizin sieht im Bewusstsein und Selbstbewusstsein sowie im Denken, Fühlen und Wollen Ursachen für dauerndes Kränken der gesundenden Lebenskräfte. Wenn wir tagsüber wach sind, das heisst unsere Seelentätigkeiten aktiv sind, sich entfalten, werden unsere gesund machenden Kräfte zurückgedrängt, verzehrt. Wir werden daher im Laufe des Tages müde.

Das Gleichgewicht suchen und finden 

Wenn wir schlafen, verschwinden die Seelentätigkeiten vorübergehend. Wir regenerieren, das heisst, das, was tagsüber verbraucht, abgebaut wurde, wird wieder hergestellt. 

Am Morgen fühlen wir uns meist wohl, erfrischt, vital. Wenn wir zu lange schlafen, so sind wir unter Umständen am Morgen dumpf, haben Mühe, wach zu werden. Es stellt sich so heraus, dass der Mensch immer das Gleichgewicht suchen muss zwischen Wachsein und Schlafen, Abbau und Aufbau, Anforderung und Regeneration. 

Kranksein bedeutet, dieses Gleichgewicht nicht zu finden: entweder nicht genügend Wachkräfte aufzubringen, sodass die vitalisierenden Kräfte zu stark wirken (gedämpftes Bewusstsein), oder dass bei zu starken abbauenden Kräften die Regenerationsfähigkeit eingeschränkt wird, sodass Organe erkranken oder Abnutzungserscheinungen auftreten. Das Kranksein ist daher Teil des Menschen und hängt mit seiner Fähigkeit zusammen, Bewusstsein und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Damit begegnet man Krankheiten anders, man fragt sich, was man selbst beitragen kann, um das Gleichgewicht wieder neu zu finden.

Dr. med. Christoph Wirz, St. Gallen