FondsGoetheanum: Sozialtherapie und Heilpädagogik

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Mensch, wer bist du?

Gelebte Sozialpädagogik. Auf die Frage «Was ist der Mensch?», «Was bedeutet es für mich, Mensch zu sein?» geben Bewohnerinnen und Bewohner einer sozial-therapeutischen Institution mit Textbildern Antworten.

Die Menschen in der sozialtherapeutischen Werk- und Lebensgemeinschaft Humanus-Haus Beitenwil bei Bern leben in familienähnlichen Wohngruppen. In eigenständigen Hausgemeinschaften wohnen vier bis zehn zu betreuende Menschen mit ihren verantwortlichen Sozialpädagoginnen und -pädagogen und deren Kindern sowie den Mitarbeitenden. Einzelne Häuser arbeiten aufgrund ihres Konzeptes mit extern wohnenden Mitarbeitenden im Schichtdienst. Dadurch kann eine breite Palette von Betreuungsbedürfnissen abgedeckt werden.

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Dichte, Vielfalt und Intensität des malerischen Ausdrucks kommen in der kompakten Hängung besonders zum Ausdruck.

Satz für Satz zu sich selbst

Ein Jahr lang haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Humanus-Haus Beitenwil mit der Frage nach dem «Mensch sein» künstlerisch auseinandergesetzt. Dabei sind «Textbilder» entstanden, wie Sprachtherapeutin Monika Kellersberger sie genannt hat. Aus dem Gespräch zum Thema «Mensch sein» haben die Bewohner und Bewohnerinnen dann ihre wichtigsten Sätze auf ein grosses, farbiges Blatt geschrieben. Die Authentizität und Originalität der Aussagen ist berührend:

«Der Mensch hat zwei Beine und zwei Arme, er kann arbeiten. Ich brauche Luft und andere Leute, sonst ist es langweilig. Wichtig ist, dass ich über mein Leben selber bestimmen kann, weil ich nicht alles will, was die anderen wollen.» (E. H.)

«Ich bin ein besonderer Mensch. Ich kann nicht auf die Uni, aber ich weiss, was man alles zum Leben braucht, und es braucht viel.» (N. D.)

«Ich bin auf die Welt gekommen, um eine Aufgabe zu erfüllen. Wichtig ist nur, wenn ich nicht wohl bin im Leben, zu versuchen, wieder wohl zu sein.» (F. B.)

«Ich bin Künstler zwar. Male Bilder zu Geburtstag und Weihnacht und verschenke sie. Ich bin ein Künstler, weil die anderen sagen, ich male gut und ich sage im Herz, dass ich ein Künstler bin. Im Zimmer schreibe ich ab, Gedichte oder so.» (M. F.)

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Bild gemalt von V. P.

Ein Bild anstelle der fehlenden Worte

«Bei den Malenden, die ich in diesem Projekt begleiten durfte, habe ich oft gestaunt. Gestaunt über die Selbstverständlichkeit des eigenen Ausdrucks, über die Sicherheit der Farbwahl, über das Elementare, das Archaische. Ich konnte beobachten, wie Phasen des Wartens, des Innehaltens da waren, dann wieder klare, sichere Zeichenbewegungen. Die Malenden haben sich auf verschiedenste Weise dem Thema genähert. Einige verarbeiteten Erlebnisse aus der Vergangenheit, andere stellten religiöse Themen, Märchenfiguren, wiederum andere Freunde, Mitbewohner oder gar sich selber in die Mitte. Die Hilfestellungen versuchte ich so klein wie möglich zu halten. Einige Bilder sind von Menschen gemalt, die wenig oder gar nicht sprechen. So kann das Bild die eingeschränkten sprachlichen Möglichkeiten ergänzen, kann ein nicht verbaler Kommunikationsträger sein – eine Brücke zum Du», führt Elke Bühler, Maltherapeutin, aus.

Künstlerisches Tun – Ausdruck der Persönlichkeit

Aber was ist daran Kunst? Dr. Hartwig Volbehr, Psychiater mit grosser Erfahrung in der Sozialtherapie, schreibt dazu im Buch «Der Mensch hat eine Unterschrift»: «Ein wesentliches Merkmal vieler seelischer Krankheitsbilder und auch vieler Formen der kognitiven Behinderungen ist die Unfähigkeit, in Beziehung zu treten. Diesen Menschen ist es oft kaum möglich, sich wenn auch mit kleinen, abgegrenzten Tätigkeitsbereichen wirklich zu verbinden. Sie sind innerlich irgendwo, aber nicht da, wo es im Augenblick erforderlich wäre. Es ist hingegen berührend zu sehen, wie diese Menschen in kreativem Schaffen aufgehen können. Wie sie dabei in der Lage sind, in ihr Tun einzutauchen und ganz ‹Das› zu sein.»

Jeder Mensch ein Künstler

Dieser Hinweis ist wesentlich: Kunst ist hier nicht primär das Werk des künstlerischen Schaffens, sondern sich mit dem Prozess der Entstehung zu verbinden. «Mir scheint in der Kunst von Menschen mit Behinderung etwas von dem ans Licht zu drängen, was mit Widerstands-, Krisen- und Konfliktprozessen zu tun hat – wie in aller und jeder Kunst, die uns berührt. Das macht das Unvollkommene vollkommener, das Naive tiefgründig, das Einfache komplex. Nur unter diesen Bedingungen wird, wie Beuys meinte, ‹jeder Mensch zum Künstler›», schreibt Prof. Dr. Rüdiger Grimm dazu.

Rainer Menzel

Alle Zitate stammen aus dem Buch: «Der Mensch hat eine Unterschrift», Raffael-Verlag 2010, Ittigen
ISBN 978-3-9521326-6-1

www.der-mensch.ch

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Gesichterreihe von N. B., gefertigt im «gestützten Malen»: Der Muskeltonus in Hand und Arm erfährt Halt und Sicherheit durch die Maltherapeutin.